Der letzte Mallorca-Sommer vor Auschwitz

Sonnige Tage vor dem Horror: 1935 urlaubte eine deutsche Jüdin (18) in Pollença

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Unbeschwertes Schäkern am Strand in Port de Pollença: die junge Deutsche Roberta "Bob" Warburg (der Name ist nicht gesichert), m

Unbeschwertes Schäkern am Strand in Port de Pollença: die junge Deutsche Roberta "Bob" Warburg (der Name ist nicht gesichert), mit mallorquinischen Freunden. Bob war begeistert von Mallorca. Foto: Archiv Andrés Jaume Rovira

Unbeschwertes Schäkern am Strand in Port de Pollença: die junge Deutsche Roberta "Bob" Warburg (der Name ist nicht gesichert), mDer Politiker Alexandre "Tano" Jaume war der Großonkel von José Jaume. Er wurde 1937 hingerichtet.Der Journalist und Radiomoderator José Jaume möchte die Erinnerung an die deutsche Jüdin "Bob" und ihre Eltern wachhalten, am li

Sie war der blonde Aufruhr, der in Port de Pollença für Wirbel sorgte und nicht wenigen Burschen den Kopf verdrehte. 18 Jahre jung, strahlend blaue Augen, ein bezauberndes Lächeln und ein freundliches Wesen, dem niemand widerstehen konnte: Die Deutsche Roberta Warburg, die von allen nur "Bob" genannt wurde, war eine frühe Touristin auf Mallorca, die bereits 1935 mit ihren Eltern im Norden der Insel urlaubte.

Zwei Monate lang verbrachte die jüdische Familie auf der Sonneninsel - fern der Heimat, wo seit 1933 Hitler an der Macht war und die jüdischen Mitbürger zunehmend an den Rand der Gesellschaft drängte. Doch davon wollten Bobs Eltern vorerst nicht allzu viel wissen. Anders als ihre Tochter hielten sie die Nazi-Herrschaft für einen vorübergehenden Spuk, den das Volk der Dichter und Denker bald überwunden haben würde. Und außerdem war jetzt Sommer: Juli, August, Sonne, Sandstrand, grüne Kiefernwälder am blauen Meer, das Leben kann so schön sein ...

Ortswechsel: eine Bar in Palmas Bonaire-Viertel, November 2013. Draußen weht der Wind, bei zehn Grad Kälte. Drinnen sitzt José Jaume im hintersten Winkel am Tresen. Der mallorquinische Journalist, Jahrgang 1951, ist bekannt aus dem Fernseh- und Radioprogramm des Inselsenders IB3. Viele nennen den Mann mit den graumelierten Kurzhaar und dem ernsten Gesicht nur "Jota".

Jota hat die Geschichte seiner Familie erforscht und sie öffentlich gemacht. Vor allem die Erlebnisse seines Vaters Andrés Jaume Rovira hat Jota dokumentiert. Andrés wurde als junger Mann gleich zweifach zum Zeugen der großen Tragödien der jüngsten spanischen und deutschen Geschichte, also Bürgerkrieg und Holocaust. Denn der Mallorquiner war befreundet gewesen mit Bob. Und er musste zusehen, wie sein Onkel Alexandre "Tano" Jaume an einem eisigen Februarmorgen 1937 von einem Hinrichtungspeloton und unter dem Gejohle von Schaulustigen an der Friedhofsmauer von Palma erschossen wurde.

"Tío Tano" (Onkel Tano) war eine bekannte Persönlichkeit auf Mallorca. Der Jurist, Publizist und Politiker (1879-1937) gilt als ein Urgestein des Liberalismus auf der Insel, später näherte er sich der sozialistischen Partei an, um auf Mallorca, das fest in der Hand konservativer Machthaber war, gesellschaftliche Fortschritte anzustoßen, etwa im Gesundheitswesen oder im Kampf gegen den Analphabetismus. 1931, als in Spanien die Republik ausgerufen wurde und König Alfons XIII. ins Exil ging, wurde Alexandre Jaume für die Sozialistische Arbeiterpartei als Abgeordneter für Mallorca in die verfassungsgebende Versammlung gewählt. Ein Mandat, das er 1933 erneuerte.

Die Sommer auf Mallorca verbrachte Onkel Tano mit der Familie in seinem Ferienhaus in Port de Pollença, direkt an der Bucht. In einem der Nachbarhäuser hatte sich 1935 das deutsche Ehepaar Albert und Sara samt Tochter Bob eingemietet. Am Strand kamen sich die jungen Menschen rasch näher. Bob, die neben Englisch ein wenig Spanisch sprach, war umschwärmt von Andrés Jaume, seinem Cousin Andrés und den anderen gleichaltrigen Angehörigen und Freunden. "Ich glaube, alle Jungs der Clique waren bis über die Ohren verliebt in das Mädchen", sagt Jota, wenn er die Erzählungen aus dem Familienkreis aufleben lässt. Und dennoch habe es keinerlei Eifersüchteleien gegeben. Selbst die Cousinen und Freundinnen der Gruppe waren von Bob und ihrer sympathischen Art zu angetan gewesen, um sie abzulehnen.

Das Mallorca der Vor-Franco-Zeit ist nicht mit dem prüden Nationalkatholizismus nach dem Bürgerkrieg zu vergleichen, schildert Jota das Lebensgefühl von damals. Die jungen Leute vergnügten sich in einteiligen Badeanzügen am Strand, segelten in die Bucht hinaus, unternahmen Ausflüge in die Berge und Wälder von Kap Formentor. Bald schon war Bob auch ein gerngesehener Gast im Haus von Onkel Tano. Nahezu jeden Sommerabend kamen die jungen Menschen auf der Veranda zusammen. Auch die Eltern von Bob waren dort hin und wieder zum Abendessen eingeladen.

Niemand hätte damals gedacht, dass ein Jahr später Onkel Tano in seinem Ferienhaus verhaftet werden würde. Am 19. Juli 1936, als der Spanische Bürgerkrieg auch auf Mallorca zur Realität wurde, erschienen Militärs, die den Politiker mitnahmen und in der Burg von Bellver inhaftierten. Ironie des Schicksals: Es war Tano gewesen, der wenige Jahre zuvor von der Zentralregierung erwirkt hatte, dass das Kastell und der Wald als Park der Stadt Palma übereignet werden. Nach einem Schauprozess vor einem Militärgericht, bei dem das Urteil bereits feststand, wurde Tano zum Tode verurteilt und gemeinsam mit Palmas letztem republikanischen Bürgermeister, Emili Darder, hingerichtet. Neffe Andrés war vor Ort, um die Leiche seines Onkels in Empfang zu nehmen. Sie wäre sonst im Massengrab verscharrt worden. "Mein Vater unterzeichnete die Empfangsbestätigung und schob den Karren mit dem toten Onkel Tano darauf", sagt Jota.

Jahrzehnte später entwickelte Andrés eine Reihe von Negativen, die er zufällig wiederentdeckt hatte. Der passionierte Hobbyfotograf besaß unzählige dieser Streifen aus der Vergangenheit, die er aufgrund diverser Vorkommnisse in der Familie nie abgezogen hatte. Mit einem Mal tauchte um 1975 der Sommer von 1935 vor seinen Augen auf, samt den Aufnahmen von Bob. "Ich sah Bob zum ersten Mal und war sofort fasziniert von ihr", gesteht Jota. Noch häufig musste ihm der Vater, gestorben 2005, die Geschichte von ihr erzählen.

Bob war nur einmal traurig, in jenem Sommer 1935. Ihren Freunden erzählte sie bei einer Bootstour unter Tränen ihre große Angst, nach Deutschland zurückzukehren. In ihrer Ausbildung sei sie bereits von Nazis angefeindet worden. Die Freunde versuchen den Teenager zu trösten: Man werde sich im Sommer 1936 auf jeden Fall wiedersehen.

Ende August reist die Familie nach Deutschland zurück. Im September verkündet Goebbels die Rassegesetze. Die Juden in Deutschland werden ihrer Bürgerrechte beraubt.

1936 beginnt der Sommer auf Mallorca wie jedes Jahr mit Hitze und mediterranen Farben. Von Bob keine Spur, keine Nachricht. Und mit dem Ausbruch des Bürgerkriegs beginnt in Spanien das Töten. Drei Jahre später nimmt der Zweite Weltkrieg seinen blutigen Lauf.

Nach dem Krieg versucht Andrés Jaume wiederholt, nach Bob zu forschen. Er hat keine Anschrift, nicht einmal der Namen der Familienmitglieder und ihrer Schreibweise ist er sich wirklich sicher. Der Suchdienst des Roten Kreuzes kann nur vage Angaben machen: Es ist zu befürchten, dass die Familie um 1943 als eine der letzten aus dem Raum Berlin nach Auschwitz deportiert und dort vergast wurde. Die Spur der jungen Frau verliert sich im Grauen der Geschichte. Übrig bleiben einzig die Aufnahmen vom Sommer 1935. "Als mein Vater Jahre später Bobs Foto entwickelte, schrieb er auf die Rückseite: Bob, jüdisches Mädchen, ermordet von den Nazis in Auschwitz."

Ungeachtet dieser Tragödien ist Jota kein verbitterter Mensch. "Ich habe mich engagiert, um das Andenken meines Großonkels zu bewahren. Das ist mir gelungen. Heute erinnert eine Gedenktafel an der Burg von Bellver an ihn. Und in Palma ist ein Platz nach ihm benannt." Jetzt ist es Jotas Ziel, auch für Bob und ihre Familie eine Würdigung, etwa in Form einer Gedenktafel, in Port de Pollença zu verwirklichen.

(aus MM 48/2013)

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