Das 19. Jahrhundert hatte eine Vorliebe für Schauriges: das „Gespensterbuch“ von August Abel lieferte die Vorlage für Webers „Freischütz“ (1821), auf die düsteren Geisterromane von Walter Scott griffen Bellini und Donizetti in ihren großen Opern zurück. Während bei Weber eine Nationaloper mit viel deutschem Wald und noch mehr deutscher Seele (Agathe) daraus wurde, machten die Italiener ganz großes globales Kino daraus. Trotz aller Italianitá bestechen ihre Opern durch weltläufige Grandezza, durch Melodien mit Ohrwurmqualitäten, geschrieben für die Stars ihrer Bühnen. Da war viel Platz für stimmlichen Exhibitionismus (was keineswegs despektierlich gemeint ist), für den ganz großen Auftritt. Entsprechend groß, in jeder Beziehung, war der orchestrale Aufwand.

Gestern Abend nun gab’s Donizettis „Lucia di Lammermoor“ konzertant beim 6.Konzert auf Schloss Bellver. Das Sängeraufgebot konnte sich hören lassen: für die Titelrolle (mit der die Operndiven des 20.Jahrhunderts Schallplattengeschichte geschrieben hatten, allen voran Joan Sutherland – die Callas-Fans mögen verzeihen!) hatte man die 34-jährige tschechische Koloratursopranistin Zuzana Marková engagiert, mit dem spanischen Tenor Celso Albelo stand ein Belcanto-erfahrener Edgardo auf der Bühne. Zum dritten Publikumsliebling des Abends entwickelte sich der Bariton Gabriele Viviani, der den Enrico Ashton gab. Der Chor der Balearen-Universität verkörperte, auf der Galerie des 1. Stocks platziert, Ritter, Edeldamen und Soldaten. Und, last but not least, trugen die Sinfoniker unter Pablo Mielgo maßgeblich zum durchschlagenden Erfolg dieses italienischen Abends bei. Erwähnt werden muss auch der Licht-Designer Pedro Marce, der bei dieser konzertanten Aufführung für die Stimmung und Atmosphäre der einzelnen Szenen sorgte.

Donizetti stand, als er 1835 seine „Lucia“ schrieb, auf dem Höhepunkt seiner Inspiration, was sich nicht zuletzt im virtuosen Umgang mit dem Orchester zeigte: großes Aufgebot inklusive Harfe, Becken und großer Trommel – Mielgo zauberte aus dieser komplexen Partitur eine Begleitung, die von kammermusikalischer Transparenz (Flöten, Oboen, Harfe) bis zu deftigen Knalleffekten (in den Chor-Szenen) reichte. Die fabelhafte Akustik des Schlosshofs tat ein Übriges. Projizierte Obertitel (katalanisch und spanisch) erleichterten es den Zuhörern, die Handlung zu verfolgen. Was eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre, denn die Oper lebt vor allem von der suggestiven Darstellung der Stimmung der einzelnen Szenen. Und die erschließt sich auch ohne Text. Auf die Projektion des italienischen Originaltextes hatte man verzichtet, und das konnte man auch, weil die Artikulation der Sängerinnen und Sänger äußerst präzise war.

Was die zweieinhalb Stunden lang ihren Kehlen entlockten, hatte durchweg Weltniveau. Ob zartes Pianissimo oder stimmgewaltige Koloraturen, alle gestalteten ihre Partie meisterhaft und souverän.

Was Zuzana Marková aus der berühmten Wahnsinns-Szene (3.Akt) machte, muss man gehört haben! Diese zwanzig Minuten verlangen der Sängerin, ähnlich wie das berühmte „Casta diva“ aus Bellinis Norma, so ziemlich alles ab, was ein Sopran zu leisten vermag. Großartig, wie Marková mit den Artikulationsmöglichkeiten ihres Organs spielte. Wenn sie, mit fahlem, todesnahem Timbre, ihr „Quqndo rapito in estasi“ aus dem 1.Akt zitierte, konnte man ergreifend erleben, wie einen selbst Erinnerungen an glückliche Zeiten in den Wahnsinn treiben können. Ein, wenn nicht der Höhepunkt der Oper, packend gestaltet von einer jungen Sängerin, von der man sicher noch viel hören wird.

Insgesamt ein großer Abend, der das Publikum glücklich auf den Heimweg schickte, mit zahlreichen Ohrwürmen zum Nachträllern im Kopf. Und dem schönen Gefühl, zweieinhalb Stunden lang fantastische Musik erlebt zu haben.

Die Sinfoniker gastieren am kommenden Samstag (06.08.) beim Pollença Festival mit Beethovens Egmont-Ouvertüre, dem Klavierkonzert Nr. 22 (KV482) von Mozart und Dvoraks 8.Sinfonie. Es gibt noch Karten. In Kürze können Sie hier eine Konzerteinführung lesen.