Carl Orffs offizielles Opus 1. Nach der überaus erfolgreichen Premiere (1937) schrieb er an seinen Verleger: „Alles, was ich bisher geschrieben und was Sie leider gedruckt haben, können Sie nun einstampfen! Mit den Carmina Burana beginnen meine gesammelten Werke!“ Starke Worte eines immerhin schon 42-Jährigen. Und man darf hinzufügen, dass diese „szenische Kantate“ sein bis heute erfolgreichstes Werk blieb, ja sogar eines der meistaufgeführten Chorwerke überhaupt ist.

Am kommenden Donnerstag, 6.Oktober, startet mit den Carmina der Abozyklus im Auditorium. Pablo Mielgo führt sie mit einem Riesenaufgebot an Mitwirkenden auf. Zu den drei Gesangssolisten (Sopran, Tenor, Bariton) gesellen sich gleich zwei Chöre: der Chor der Universität der Balearen und die berühmten „Blauets“, der Knabenchor vom Kloster Lluch. Auch die Orchesterbesetzung mit 3 Flöten, 3 Oboen, 2 Fagotten, 3 Klarinetten, Kontrafagott, 4 Hörnern, 3 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba, Klavier, Celesta und dem üblichen Streicherapparat kann sich hören lassen. Das Schlagzeug umfasst 5 Pauken, zwei kleine Trommeln, große Trommel, Triangel, verschiedene Becken, Ratsche, Kastagnetten, Schlittenglocken, Tamtam, Tamburin, Röhrenglocken, 3 Glockenspiele und Xylophon.

Allein durch diese Besetzung wird eins klar: Orff hatte nicht die Absicht, die Musik des Mittelalters zu rekonstruieren, obwohl die Texte aus dem 12.Jahrhundert stammen. Er entdeckte 1934 die von Johann Andreas Schmeller 1847 herausgegebene Sammlung „Carmina Burana“ (Lieder aus Beuren, nach dem Fundort im Kloster Benediktbeuren so genannt). Aus den in Mittelhochdeutsch und Altlatein verfassten Texten stellte er einen Zyklus von 24 Liedern zu einem Libretto zusammen. Seine Auswahl stellt ein Panoptikum mit einer weiten Spanne von Themen dar: die Wechselhaftigkeit von Glück und Wohlstand, die Flüchtigkeit des Lebens, die Freude über die Rückkehr des Frühlings sowie die Genüsse und Gefahren von Trinken, Völlerei, Glücksspiel und Wollust – das pralle Leben eben.

Die Rezeptionsgeschichte ist ebenso bunt wie das Werk selbst. Hitler soll es gefallen haben (aber was sagt das schon?), die Kulturbeamten der Reichsmusikkammer sahen’s anders. Die spezifische Rhythmik veranlasste sie zu der Bezeichnung „bayerische Niggermusik“ – auf sowas muss man erst mal kommen! Die Presse war nach der Uraufführung geteilter Meinung. So schrieb etwa das Königsberger Tagblatt am 17.06.1947: „Man stand unter dem Eindruck einer richtungsweisenden Schöpfertat“, während die Rheinische Landeszeitung, ganz im Sinne der Reichsmusikkammer, am 10.06.1937 giftig vermerkte: „…schon der erste Eindruck des Werkes beweist, dass es sich um einen fruchtlosen Versuch handelt. Wir schreiben das Jahr 1937! Es kann keinem deutschen Volksgenossen zugemutet werden, im Operntheater nur lateinische Worte, die er nicht versteht, zu hören. Das Mittelalter ist tot, und wir wünschen auch auf dem Theater keine Wiederbelebung.“ Auch die unverhohlene Erotik der Texte missfiel einigen prüden Zeitgenossen.

Interessant ist, dass das Werk, in dem die Nationalsozialisten artfremde „Niggermusik“ sahen, von Amit Weiner von der Jerusalem Acadeny of Music als „Nazi-Musik“ geschmäht wurde, „von einem Nazikomponisten absichtlich für den populistischen Geschmack von Goebbels und Göring geschrieben“, die in Israel nicht aufgeführt werden sollte.

Orff war eher unpolitisch, verstand es allerdings, sich mit den NS-Machthabern zu arrangieren. (Das taten andere auch.) Er nahm Aufträge des Regimes an. So wurde zum Beispiel sein Einzug und Reigen der Kinder zur Eröffnung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin aufgeführt. Sein Sommernachtstraum diente als Ersatz für die Musik des als Jude geächteten Felix Mendelssohn Bartholdy.

Die Carmina Burana werden heute meist konzertant aufgeführt. Der geniale Opernregisseur Jean Pierre Ponnelle verfilmte das Stück bildgewaltig (u.a. mit Lucia Popp und Hermann Prey). Sie können sich das, allerdings in keiner allzu guten Bildqualität, auf YouTube zu Gemüte führen Klicken Sie hier. Wenn Sie lieber Ihr Kopfkino arbeiten lassen wollen, sind Sie mit dieser konzertanten Aufführung unter Gustavo Dudamel gut bedient. Den kompletten Text mit Übersetzung können Sie hier lesen. Karten gibt’s auf der Webseite des OSIB. Dort können Sie auch spätestens am Tag vor dem Konzert das Programmheft als pdf herunterladen.