Robert Schumann, der nicht nur ein wunderbarer Komponist, sondern auch ein brillanter Kritiker war, hat einmal über einen zeitgenössischen Pianisten geschrieben: „Am Spiele des Virtuosen hätten wir manches zarter, singender, deutscher gewünscht.“ – An diesen Satz musste ich denken, als gestern Abend der französische Pianist Nicolas Bringuier, Jahrgang 1980, im Auditorium Tschaikowskys erstes Klavierkonzert (b-moll, op.23) interpretierte. Begleitet wurde er von den Sinfonikern unter der Leitung seines sechs Jahre jüngeren Bruders Lionel, der nach der Pause die „Winterträume“, Tschaikowskys 1.Sinfonie dirigierte.

Heute, im Jahr 2022, von „deutschem“ Klavierspiel, von „deutschem“ Klang zu sprechen, ist nicht ganz unproblematisch, zumal wenn es um die Musik eines russischen Komponisten und die Interpretation zweier Musiker geht, die als Franzosen, die klanglich gallische „clarté“ deutscher bassgesättigter harmonischer Tiefe vorziehen. Zur Unterstützung des französisch hellen, klaren Klangs hatte Casa Marti dem Pianisten einen relativ kalt, fast gläsern kristallin intonierten Steinway auf die Bühne gestellt. Auf ihm meißelte Bringuier die Tschaikosky‘schen Akkordpakete, Oktavskalen und Trillerkaskaden präzise und ein wenig unerbittlich in die Tasten. Das war technisch perfekt, wirkte aber etwas seelenlos. Der orchestrale Klangteppich, den sein Bruder ihm auslegte, korrespondierte dazu: (blech)bläserbetont, die Streicher, die den Klang etwas runder (und verbindlicher) hätten machen können, an kurzer Leine haltend schuf er einen Klangraum, der mehr durch Transparenz als durch opulente Fülle bestach. Heraus kam dabei eine Art Gegenstück zu – beispielsweise – Claudio Arrau (mit dem Philharmonia Orchestra unter Alceo Galliera), von dem Joachim Kaiser einmal gesagt hat, er, der Südamerikaner, spiele deutscher als jeder Deutsche. In gewisser Weise auch ein Gegenpol zu Khatia Buniatishvili, die das Konzert 2019 in einem Sommerkonzert auf Schloss Bellver (Dirigent war damals Pablo Mielgo) ebenfalls gespielt hat. Was wir gestern Abend zu hören bekamen, war Klavierspiel auf höchstem technischem Niveau und ein Konzert, das den Mutterbegriff „concertare“ im Sinne von Gegeneinander, von Schlacht zwischen zwei Partnern auslegte. Die Struktur der Komposition gibt das durchaus her: anders als etwa bei Mozart, dem Schöpfer der Gattung Klavierkonzert, stehen sich hier stellenweise zwei Blöcke gegenüber, das Klavier hat lange Solopassagen, in denen keine Kommunikation mit dem Orchester stattfindet.

Nach der Pause dann, wie gesagt, Tschaikowskys erster Gehversuch in Sachen Sinfonie: Nr.1 in g-moll, op.13. Sie steht bis heute im Schatten der „großen“ Sinfonien Nr.4-6, ist aber durch und durch „typisch Tschaikowsky“. Ihr Weg von ersten Skizzen bis zur Uraufführung war keineswegs geradlinig. (Siehe Konzerteinführung). Kritiker lobten von der ersten Stunde an ihren Melodienreichtum und ihre gekonnte Instrumentation. Tschaikowsky schuf hier mit den Mitteln des damals üblichen romantischen Orchesters einen innovativen Klang, der bis heute überzeugt. Im Finale erweiterte er das Instrumentarium um Becken und große Trommel und machte es so zum klanglichen Höhepunkt. Lionel Bringuier ließ das Orchester auch hier in brillanter, wenn auch etwas kalter Klangpracht erstrahlen.

Das nächste Auditoriumskonzert am 15.Dezember (und tags darauf in Manacor) wird durch sein Programm zum diesjährigen Weihnachtskonzert, auch wenn es nicht als solches angekündigt ist: am Anfang steht die „Fantasie über Greensleves“ von Ralph Vaughan Williams. Als Weihnachtsgeschenk hat das Christkind eine Uraufführung auf den Gabentisch gelegt: das „Concert de Tramuntana“ für Gitarre und Orchester von Joan Valent. Und weihnachtlich endet der Abend auch, mit der Suite aus Rimsky-Korsakows Oper „Die Nacht vor Weihnachten“. Rafael Aguirre wird an der Gitarre zu hören sein, den Taktstock schwingt Pablo Mielgo.