Als die Welt doch nicht unterging

Wie Mallorca mit der Angst vor Kometen umging

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Im Frühjahr 1910 machte sich Angst breit, Panik, Hysterie und völlige Verzweiflung. Nichts weniger als das Ende der Welt stehe bevor, so die Befürchtung vieler Menschen. Am 20. Mai des Jahres schrieb die mallorquinische Zeitung „La Tarde", ein Kind habe sich das Leben genommen. „Aus Angst vor dem Kometen."

Gemeint war der Komet Halley, der vor genau 100 Jahren am Himmel auftauchte - ganz so, wie er es seit jeher etwa alle 76 Jahre tut. Diesmal aber wurde das Himmelsphänomen begleitet von düsteren Prophezeiungen und Weltuntergangsphantasien. Weltweit brach eine kollektive Endzeitstimmung aus. In den Tagen vor dem Ereignis berichteten auch die mallorquinischen Zeitungen fast täglich über den Kometen und die Folgen, die sein Erscheinen haben werde.

Am 18. April 1910 schrieb die Tageszeitung „Ultima Hora": „Die Angst vor dem Kometen ist so groß, dass sich die Behörden in Österreich genötigt sehen, Maßnahmen zu ergreifen, um die Bevölkerung vor sich selbst zu schützen. Denn viele Leute verkaufen dort in diesen Tagen all ihr Hab und Gut, um die wenige Zeit, die ihnen vermeintlich nur noch bleibt, in Saus und Braus zu verbringen." Am 10. Mai dann war ebenfalls auf der Titelseite zu lesen: „Die breite Masse lässt sich von den Experten nicht überzeugen und hält es für möglich - wenn nicht gar für absolut sicher -, dass Halley, mit einem Schweifhieb unseren armen Planeten zerschmettern und die Trümmer über den gesamten Weltraum verteilen wird." Aus Ungarn werde berichtet, viele Bauern würden sich angesichts des nahenden Weltenendes weigern, noch zur Arbeit zu gehen und stattdessen lieber „Sauforgien" und „Fressgelage" feiern. Dass es auch auf Mallorca zu solcherlei Verhalten kam, ist nicht überliefert. Die Begründung ist laut „Ultima Hora" simpel: „Hier bei uns braucht es keinen Kometen - und kommt er uns auch noch so nahe - damit wir unsere Zeit verplempern und fröhlich feiern."

Auslöser der weltweiten Kometen-Hysterie war: die Wissenschaft. Seit der britische Astronom Edmond Halley im 18. Jahrhundert als erster die Umlaufbahn des später nach ihm benannten Kometen beschrieb, war das Himmelsphänomen vorhersagbar. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts stellten Wissenschaftler Beobachtungen an, die das Schlimmste befürchten ließen. In der Nacht zum 19. Mai werde die Erde für eine Stunde den Schweif des Kometen durchqueren, hieß es. Es sei möglich, dass der Erdball dann schlicht und einfach hinfortgerissen werde. Messungen hatten außerdem ergeben, dass der Kometenschweif unter anderem aus giftigen Gasen bestehe. Alle Menschen würden also im Nu ersticken - so die naheliegende Folgerung.

Bereitwillig beteiligte sich die sensationalistische Presse an den Spekulationen über die möglichen Folgen. Karikaturisten übertrafen sich dabei, die Untergangsszenarien möglichst drastisch darzustellen. Skrupellose Unternehmer witterten das Geschäft ihres Lebens: So wurden etwa Gasmasken vielerorts zu horrenden Preisen angeboten.

„Diejenigen, die diese Alarmstimmung verbreitet haben, werden sich die Selbstmorde, die sich in diesen Tagen häufen, anlasten lassen müssen", schrieb der Direktor des Madrider Observatoriums am 20. Mai in der katalanischen Tageszeitung „La Vanguardia".

Denn als es dann endlich soweit war, fiel der Weltuntergang schlicht und einfach aus. „Nichts ist passiert", schrieb „Ultima Hora" am Folgetag. „Die angekündigte Stunde ist verstrichen und die schrecklichen Gase, wenn es sie denn überhaupt gibt, werden ihren tödlichen Einfluss in abgelegeneren Winkeln des Weltraums ausüben, die wir bisher noch nicht bewohnen."

Es war noch nicht einmal etwas zu sehen vom Kometen. Denn in der fraglichen Nacht regnete es in Strömen auf Mallorca und dichte Wolken verhinderten die freie Sicht gen Himmel. Dennoch waren offenbar viele Menschen wach geblieben, um sich das Himmelsspektakel nicht entgehen zu lassen. „In vielen Häusern war noch mitten in der Nacht Licht", berichtete die ebenfalls in Palma erscheinende Tageszeitung „La Almudaina" am folgenden Tag. Auch für viele Wirte verlief die Nacht enttäuschend. Ein gutes Geschäft witternd ließen sie ihre Gaststuben bis in die Morgenstunden geöffnet, stellten gar zusätzliche Tische auf und dachten sich „besondere Angebote" aus, um die neugierigen Nachtschwärmer zur Einkehr zu bewegen. Feierstimmung aber kam angesichts des schlechten Wetters wohl nicht auf. „Nur einige wenige Bürger sprachen dem Alkohol über die Maßen zu", schrieb „Ultima Hora". „Die Nacht verlief vollkommen ohne Zwischenfälle."

So ausführlich wochen- und monatelang über den Kometen berichtet worden war, so plötzlich schien er nun auch wieder aus dem Mittelpunkt des Interesses verschwunden zu sein. „Die Menschheit kann wieder aufatmen", kommentierte die „Almudaina" am 21. Mai mit ironischem Unterton. „Kann es sein, dass wir trotz allem Fortschritt noch immer die gleichen sind wie vor 3000 oder 4000 Jahren? Der Aberglaube lebt fort."

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