Korsaren, Esel und ganz viel Seife

Port d'Andratx – Schauplatz der Geschichte

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Anfang des 20. Jahrhunderts wanderten viele Andritxols nach Kuba aus, um dort als Schwammtaucher zu arbeiten.

Anfang des 20. Jahrhunderts wanderten viele Andritxols nach Kuba aus, um dort als Schwammtaucher zu arbeiten. Wenn sie genug gespart hatten, kamen sie zurück, wie diese Männer, die Ende der 20er Jahre "15 hermanos", die erste Fischereiflotte Mallorcas, gründeten . Fotos: Estampes Marineres (166), Sammlung von Fotografien von Joana Vila Covas/ecu

Anfang des 20. Jahrhunderts wanderten viele Andritxols nach Kuba aus, um dort als Schwammtaucher zu arbeiten.Eine Aufnahme von Anfang des 20. Jahrhunderts.Damals...  ... und heute. Auch hier sieht man: Die Bebauung des Naturhafens ist in den vergangenen Jahrzehnten stark vorangeschritten.

Auf dem Schreibtisch von Joan Carles Lladó sammeln sich Fossilien, Tonsplitter und Steine. "Es tauchen immer wieder neue Funde auf", meint der Stadtarchäologe von Andratx. Die frühesten Zeugnisse menschlicher Besiedlung der Hafengegend stammten von der prähistorischen Talayot-Kultur. Damals müsse das Ufer viel weiter ins Landesinnere gereicht haben als heute.

Auch Römer und Araber hätten ihre Spuren im Hafen hinterlassen. Im Mittelalter habe jedoch niemand dort gelebt, statt dessen sei Sant Elm der Haupthafen im Südwesten der Insel gewesen. "Das änderte sich im 15. Jahrhundert, als die Angriffe von Piraten aus Nordafrika auf Mallorca zunahmen und Andratx zu einem der Hauptziele wurde", sagt Lladó. 1533 sollen am Hafen 1000 Korsaren an Land gegangen sein, 1578 sogar 1500.

"Fast jedes Jahr fielen Piraten nach der Ernte in Andratx ein, plünderten die Lebensmittelvorräte, nahmen Leute als Sklaven gefangen oder entführten wichtige Dorfbewohner, um für sie hohe Kautionen zu fordern."

Zur Verteidigung wurde der Hafen mit Wachtürmen ausgerüstet, die noch heute stehen, wie der Torre de Sant Carles in Sa Mola. Erst im 18. Jahrhundert, nachdem die Piratenangriffe nachgelassen hatten und 1739 direkt am Hafen ein Verteidigungsturm gebaut worden war, siedelten sich die ersten Fischer in Port d'Andratx an. Heute ist dieser Turm - im Carrer Rodriguez Acosta 9 - zum Wohnhaus ausgebaut.

"Der große Wandel passierte im 19. Jahrhundert, als Andratx seine eigene kleine industrielle Revolution erlebte", erläutert Lladó. Den Anstoß dazu gab die Produktion von Seife aus Olivenöl. Sowohl im Ort Andratx als auch am Hafen entstanden Fabriken, die bald große Mengen von Seife herstellten und in die spanischen Kolonien in Mittelamerika, nach Kuba und Puerto Rico ausführten. Auch mehrere Sägewerke wurden errichtet und der Hafen wurde so wichtig für den Handel, dass er das Privileg der Zollerhebung erhielt.

Von der ganzen Insel zogen Menschen zum Arbeiten nach Andratx. Doch die Blüte sollte nicht lange andauern. Neue Verfahren wurden entwickelt, um Seife günstiger und qualitativ besser zu produzieren. Fabriken auf dem spanischen Festland und in Frankreich investierten in die neuen Techniken, die andratxer Betriebe nicht.

So verpassten sie den Anschluss, eine Fabrik nach der anderen musste schließen und Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts begann eine massive Arbeiteremigration. Fast alle Männer aus Andratx gingen zum Schwammtauchen nach Kuba. So auch Antonio Vera, dessen Tochter Catalina noch heute in Port d'Andratx wohnt.

Einen Monat habe die Reise mit dem Schiff gedauert, erzählt die 83-Jährige. "Die Brüder meines Vaters wanderten ebenfalls nach Kuba aus. Wie die meisten Mallorquiner blieben sie etwa sieben Jahre lang dort, und mit dem Geld, das sie in Kuba verdienten, gründeten sie Ende der 1920er Jahre die erste Fischereiflotte von Andratx, die sie '15 hermanos' (15 Brüder) nannten."

In jenen Jahren war Sparen angesagt, weiß die Mallorquinerin. Den Abend verbrachte man gemeinsam bei einem der wenigen Nachbarn, um nur eine Kerze anzünden zu müssen und nicht in jedem Haus eine. Nach dem Wäschewaschen kamen die Nachbarn zum Ausspülen zu ihnen, weil sich auf ihrer Finca ein Brunnen befand. "Mein Vater spannte einen lange Wäscheleine auf und die Leute unterhielten sich stundenlang. Es war sehr gesellig."

Samstags wurde manchmal bei einem Nachbarn geschlachtet. Alle im Ort halfen dann mit und abends tanzte man. Zum Einkaufen, erinnert sich Catalina Vera, spannte sie ihren Esel vor den Karren und fuhr nach Andratx-Dorf. Das nahm den ganzen Tag in Anspruch, ebenso wie Holz holen am Wochenende mit dem Großvater. "Deshalb gab es früher auch viel weniger Waldbrände, weil wir die Wälder gesäubert haben," meint die Seniorin.

Die Tage seien ruhig und geordnet verlaufen: "Freitags putzen, samstags einkaufen, montags Wäsche waschen." Heute sei das Leben viel bequemer, aber ob es besser sei, bezweifelt sie: "Früher hatten wir einen Hausarzt im Hafen, der zu jeder Tages- und Nachtzeit zu den Kranken kam. Heute hat das Gesundheitszentrum PAC gerade zwei Stunden am Tag geöffnet."

Eines bereut sie: Sie hätte gerne eine Gesangsausbildung am Konservatorium in Palma gemacht. Aber das habe Mädchen damals nicht zugestanden. "Damals galten wir nicht so viel", meint sie.

Die Familie Vera gründete in den 1940er und 1950er Jahren am Hafen Geschäfte, eine Pension, Theater und Kino. "Ins Kino mussten wir im Winter dicke Decken mitnehmen, um nicht zu frieren."

In den 1950er und 1960er Jahren kamen die ersten Sommerurlauber in den Hafen, zunächst Katalanen und Franzosen, dann Engländer und Deutsche. Chalets wurden gebaut, 1968 wurde der Club de Vela gegründet und der Hafen für Sportsegler ausgebaut. Port d'Andratx entwickelte sich zum Touristenort.

Die Reaktion der Einheimischen? 1971, erinnert sich Catalina Vera, hätten sie zum ersten Mal die Haustüre abschließen wollen. "Aber das ging nicht. Weil das Schloss noch nie benutzt worden war, blieb der Schlüssel stecken."

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