Franco spaltet Spanien noch immer

| Mallorca |
Nach seinem Tod wurde Francisco Franco aufgebahrt und eine spanienweite Staatstrauer ausgerufen.

Nach seinem Tod wurde Francisco Franco aufgebahrt und eine spanienweite Staatstrauer ausgerufen. Wie der Diktator festgelegt hatte, wurde Juan Carlos zwei Tage später als König zum neuen Staatschef der wiedereingeführten Monarchie proklamiert.

Foto: Foto: Archiv Ultima Hora
Nach seinem Tod wurde Francisco Franco aufgebahrt und eine spanienweite Staatstrauer ausgerufen. Im Grenzort Hendaye trafen Franco und Hitler 1940 ein einziges Mal zusammen.

Das letzte Foto, dass den einbalsamierten Leichnam des Diktators zeigte, ließ keine Zweifel: Francisco Franco, der Caudillo Spaniens von Gottes Gnaden, zu dem er sich selbst stilisiert hatte, war, sehr zum Verdruss altgedienter Antifaschisten und Republikaner, hohen Alters im Bett gestorben. Vergeblich hatten seine Gegner gehofft, den "Generalísimo" vorzeitig aus dem Amt vertreiben zu können. Fast vier Jahrzehnte hatte der "Zuchtmeister" Spaniens - so der deutsche Buchautor Eckart Plate - das Land fest im Griff. Jetzt, an diesem 20. November, jährt sich Francos Tod zum 40. Mal.

Wie sehr hat sich doch Spanien seit jenem November 1975 verändert, als die Menschen gebannt die Nachrichten verfolgten vom sich über Wochen hinziehenden Ableben des Staats- und Regierungschefs. Jüngst weckte die spanische MM-Schwesterzeitung Ultima Hora die Erinnerung an die damals gefühlten Emotionen der Zeitgenossen, als die Nachricht vom Tod schließlich eintraf: "Es war ein kalter und dennoch ein stickiger Tag". Kaum einer, der den Tod Francos nicht als Zäsur empfand. Dennoch: Frohlocken tat damals - zumindest öffentlich - niemand. Zu groß war, nach den Erfahrungen des Bürgerkrieges, die Furcht vor neuen blutigen Auseinandersetzungen. Bei den alten Eliten - Militär, Kirche und Großindustrielle - ging die Angst um vor kommunistischen Attentaten und Machtübernahmen. Die einstigen Verlierer des Bürgerkrieges - Arbeiter, Regionalisten, Liberale - argwöhnten ihrerseits Panikreaktionen und neue Repressionen der Machthaber.

Sprachlich wurde in jenen Tagen der angeordneten Staatstrauer ausschließlich dem Toten gehuldigt. Ministerpräsident Arias Navarro weinte Tränen im Fernsehen, die Medien waren voll der rührseligen Lobeshymnen. Auch das Mallorca Magazin, damals ein vier Jahre junges Wochenblättchen, verschrieb sich ganz der offiziellen Linie und würdigte Franco in einem Nachruf als "Vater seiner Nation".

Dabei war der Machthaber und einstige Hitler-Verbündete Zeit seines Lebens und darüber hinaus höchst umstritten gewesen. Studien zufolge fielen 130.000 bis 150.000 Menschen allein seiner gewalttätigen Repressionswelle hinter den Frontlinien des Bürgerkrieges sowie in den ersten Nachkriegsjahren zum Opfer. Der Historiker Paul Preston spricht gar vom "spanischen Holocaust".

Ungeachtet dieser Erkenntnisse ist das Bild des Diktators und seine Wahrnehmung in der Gesellschaft bis heute bipolar: "Während er für die einen für die Zerstörung einer bürgerlich-demokratischen Ordnung, eine grausame Repression und die jahrzehntelange Spaltung der Gesellschaft in Sieger und Besiegte steht, sehen andere in ihm eine umsichtige und kluge Persönlichkeit, die Spanien die Kriegsleiden im Zweiten Weltkrieg erspart und für das Wohl seines Volkes gewirkt habe", schreibt der deutsch-spanische Historiker Carlos Collado Seidel in seiner Biographie "Franco. General - Diktator - Mythos", die vor wenigen Monaten in den deutschen Buchhandel gelangte.

Heute stellt sich die Frage, was vom Generalísimo geblieben ist - abseits der teils hitzigen Debatte um den Abriss von Siegeskreuzen, Reiterstandbildern und Kriegsdenkmälern, wie sie derzeit auch in Palma geführt wird. "Es ist viel geblieben", konstatiert Collado, "ein bedeutender Teil der Gesellschaft fühlt sich nach wie vor mit Franco verbunden." Der Historiker bezieht sich damit auf jene Spanier, die in der "alltäglichen Normalität" der Diktatur aufwuchsen und heute weitgehend das Rentenalter erreicht haben. Diese Generation habe ihre dem Regime gegenüber durchaus positive Sichtweise zumindest emotional auch an ihre Nachkommen weitergereicht. Gefördert wurde diese Tendenz durch die Tatsache, dass 1975 und im Rahmen des Übergangs zur Demokratie kein wirklicher Bruch mit der Vergangenheit stattfand. "Unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung stammt aus der Legalität des Franquismus, sowohl institutionell als auch generationell", so Collado.

Und dennoch hat sich Spanien nicht so entwickelt, wie es Franco selbst vorgesehen hatte, egal wie sehr der Diktator die Welt nach ihm mit "fest- und gut festgezurrten" Maßnahmen ("atado y bien atado") über seinen Tod hinaus beeinflussen wollte.

In Deutschland feiert derzeit eine Kinokomödie mit der fiktiven Rückkehr Hitlers in die Gegenwart ("Er ist wieder da") kommerzielle Erfolge. Was würde Franco sagen, wenn er jetzt wieder auftauchen würde, wenige Wochen vor den spanischen Parlamentswahlen am 20. Dezember?

"Er hätte sich wahrscheinlich schon zehnmal im Grab herumgedreht, wenn er wüsste, wie sich das Land seitdem gewandelt hat", sagt Collado. Einmal abgesehen von den am meisten ins Auge fallenden Veränderungen wie der Einführung der Demokratie, der Wiederzulassung von Parteien, der Einführung der Homo-Ehe, der Marginalisierung der Doktrin der katholischen Kirche, der Beseitigung der Wehrpflicht et cetera habe Spanien einen grundlegenden Wandel erfahren. "Es sind völlig neue politische Kräfte und Bewegungen entstanden, wie etwa Podemos oder der katalanische Separatismus." Die heutige Gesellschaft biete Raum für dynamische Prozesse, die im Vergleich zu früheren Zeiten letztlich alles infrage stellen könnten, observiert Collado. "Das gilt auch für die Stellung der Monarchie im Staatswesen."

Die Gesellschaft von heute sei jedoch trotz allem bei Weitem nicht so radikalisiert wie im Jahr 1936, sinniert Collado in Anlehnung an die Situation, als der General mit weiteren Militärs gegen die demokratisch gewählte Regierung der Republik putschte und dadurch den Spanischen Bürgerkrieg auslöste, der 1939 mit dem Sieg der Franquisten endete. "Allerdings", so Collado, "damals erhob sich ein Teil der Streitkräfte gerade gegen das, wofür das Spanien von heute steht."

Sorgt der Diktator 40 Jahre nach seinem Tod damit weiterhin für Diskrepanzen? Collado zieht ein ernüchterndes Fazit: "In Anbetracht der heftigen Auseinandersetzungen etwa um die Deutung des Bürgerkrieges, um die Denkmäler und die gigantische Grablage im sogenannten Tal der Gefallenen bei Madrid sowie im Endeffekt um das gesamte Erbe der Diktatur ist offenkundig, dass Franco die Gesellschaft nach wie vor spaltet."

(Der Bericht ist Teil des Themas der Woche im neuen MM. Die vollständige Berichterstattung lesen Sie in der jüngsten Ausgabe (47/2015), erhältlich am Kiosk auf Mallorca, sowie an den Bahnhöfen und Flughäfen in Deutschland; oder auf E-Paper.)

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