Quo vadis, Santa Catalina?

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Zahlreiche Bars und Restaurants in Santa Catalina laden zum Verweilen ein

Zahlreiche Bars und Restaurants in Santa Catalina laden zum Verweilen ein.

Zahlreiche Bars und Restaurants in Santa Catalina laden zum Verweilen einDort zwitschert der Kanarienvogel vom französischen Balkon: Eine typische Fassade des ViertelsDurch die Gassen schlendern kann der Besucher in dem ehemaligen Fischerdorf besonders gutSeit 50 Jahren wohnt Joaquina Pachal (Mitte) im Mühlenviertel, sie und ihr Mann Juan Manuel Fortes (links) passen tagsüber auf dChristine Leja und ihr Partner Andree Mienkus führen das Unternehmen Bconnected, sie betreiben mehrere Geschäfte und Büros in SaJacinta Galindo ist Vorsitzende von einem der drei Nachbarschaftsvereine des Viertels

Eine junge Frau kramt in ihrer Luxus-Handtasche nach Kleingeld, um die Parkuhr zu füttern. Eine Ecke weiter trippelt eine mallorquinische Rentnerin den Gehweg entlang, im Vorbeigehen wirf sie der Bettlerin mit Kopftuch, die ein Madonnenbild in der Hand hält, ein paar Münzen in die Schale. Typische Szenen in Santa Catalina, das derzeit als hippstes aller Palmesaner Viertel gilt und sich im steten Wandel befindet. Es ist ein Ort der Gegensätze. Auf der einen Seite die Mallorquiner, die in unsanierten Wohnungen leben, auf der anderen Seiten die Zugezogenen aus dem Norden Europas, die in Apartments astronomische Summen investieren. Auf der einen Seite der alteingesessene Eisenwarenhandel, auf der anderen Seite das Immobilienbüro mit Glasfassade, an der steht, dass Hunde dorthin nicht zu urinieren haben.

Im Viertel und dem angrenzenden Es Jonquet leben 1653 Personen, in Santa Catalina ist jeder fünfte Bewohner Ausländer, im Mühlenviertel sogar jeder dritte. Die Stadt Palma, die Sozialstiftung der Caixa-Bank und die Sozialvereinigung Grec arbeiteten ein Jahr lang an einer Studie über Santa Catalina und das angeschlossene Es Jonquet. Das ernüchternde Fazit: Es gebe eine soziale und ökonomische Kluft zwischen Einheimischen und Zugezogenen. Das Viertel werde gentrifiziert. Verlierer seien vor allem die älteren Menschen, die sich die Preise im Kiez nicht mehr leisten könnten und sich zunehmend isoliert fühlten.

"Das Märchen vom übersanierten Viertel, aus dem man die Alten vertreibt, kann ich nicht mehr hören", sagt hingegen Architektin Christine Leja. Die Schwäbin ließ sich vor 13 Jahren als eine der ersten Ausländer dort nieder. Sie beschreibt das ehemalige Fischerdorf zwar als verschlafene Perle und doch als Viertel, "mit dem man nicht achtsam umgegangen war". Ihr Unternehmen Bconnected ist im Straßenbild mittlerweile sehr präsent. Neben sechs Geschäften und Büros der Firma, die dort ansässig sind, prangt das Firmenlogo auch von Planen, welche Häuserfassaden bedecken, die saniert werden.

"Als ich hierher kam, war Santa Catalina nicht mal an die Kanalisation angeschlossen", sondern es gab lediglich Abortgruben, die bei Regen oftmals überliefen. In vielen Häusern gebe es bis heute kein fließend Wasser, aber dafür noch den alten 125-Volt-Stromanschluss. "Man muss einfach sehen, wie die Leute hier lebten." Christine Leja erinnert sich an den Fall einer älteren Frau, deren Geburtshaus saniert und verkauft wurde, sie hatte 67 Jahre lang darin gelebt. "Die Frau hatte noch nie in ihrem Leben geduscht." Das Wasser musste vom Brunnen an der Kirche geholt werden. Die Seniorin zog innerhalb des Viertels in eine neue Wohnung: "Sie fiel mir um den Hals und sagte im Scherz, dass sie nun erstmal zwei Tage lang duschen wird."

Den Wandel des ehemaligen Fischerdorfes zum Trend-Kiez hat Joaquina Pachal miterlebt. Sie lebt seit 50 Jahren im Es Jonquet, dem Streifen zwischen Meerseite und Carrer de Sant Magí. Die Bewohner sagen, Es Jonquet sei ein eigenes Viertel, für Zugezogene sind die Grenzen fließend. Joaquina Pachal wurde in einem Haus neben den charakteristischen Mühlen geboren, später siedelte die Stadt die Familie um. "Aus dem oberen Fenster meines Hauses kann ich das Meer sehen", schwärmt sie, "was will man mehr?" Ihre Miete auf dem hippen Kiez liegt niedrig, der alte Mietvertrag ist unkündbar. Vor dem Haus steht ein Trinkwasser-Brunnen. "Hier haben wir früher immer unser Wasser geholt", erzählt sie. Es sei der Treffpunkt gewesen, ihre Cousine lernte dort sogar ihren Mann kennen. "Seit die Ausländer da sind, haben wir eine Kanalisation und Wasserleitungen." Das Zusammenleben im Viertel funktioniere gut: "Wir sind wie eine große Familie hier." Einzig störe am Wochenende der Krach der Diskotheken-Besucher.

"Der Lärm, das ist unser größtes Problem hier", sagt Jacinta Galindo, Vorsitzende einer der vier örtlichen Nachbarschaftsvereine. Santa Catalina gilt als Anlaufpunkt für Nachtschwärmer. "Seit es das Rauchverbot gibt, stehen die Leute aus den Kneipen und Restaurants auf der Straße zum Paffen", sagt die 51-Jährige und zündet sich eine Zigarette an. Der Lärm lässt die Anwohner besonders in der Carrer Fàbrica nicht schlafen. "Das ist fehlende Erziehung", schimpft sie. Seit ihrem siebten Lebensjahr wohnt die Restaurant-Gehilfin in Santa Catalina, ihr Vater war ein Matrose aus Alicante, der sich dort mit seiner Familie niederließ. "Ich habe die ganzen Jahre nie woanders gewohnt." Das Viertel sei früher ein Fischerdorf vor den Stadttoren Palmas gewesen, in den 1980er Jahren waren Santa Catalina und besonders Es Jonquet als Drogenumschlagplatz berüchtigt. Viele Bewohner gehörten der Minderheit der Sinti und Roma an. "Seit 15 Jahren wandelt sich das Gebiet, es sind neue Leute hergezogen."

Jacinta Galindo hat noch viel vor in ihrem Viertel: Der Nachbarschaftsverein will ein Büro mieten, das als Anlaufstelle für Anwohner und Urlauber dient. "Wir haben hier ja nicht mal eine Touristeninformation, die Leute wissen gar nicht, wo sie am besten essen können." Zudem will sie einen monatlichen Flohmarkt am Platz vor der Kirche etablieren. "Auch für die älteren Leute muss man mehr tun, damit sie nicht vereinsamen." Dafür sei es wichtig, den Zusammenhalt der Nachbarschaft zu stärken, um den dörflichen Charakter zu erhalten.

Auch Unternehmerin Christine Leja macht sich Gedanken, wie es mit Santa Catalina weitergehen kann, denn für sie ist der Wandel noch lange nicht abgeschlossen. Leja stellt sich einen Designer-Kiez vor, in dem viele Kosmopoliten wohnen. "Man belebt ein Viertel nicht nur mit Kneipen." Wichtig sei das Leben tagsüber, damit Menschen kommen. "Es gibt hier kein einheitliches Konzept", bemängelt sie.

(aus MM 50/2015)

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