Die unzähmbare Himmels-Tochter

| Mallorca |
Angetan mit Fliegermütze und Pilotenbrille samt einem Hauch Parfüm. So präsentierte sich Jean Gardner Batten auf unzähligen sign

Angetan mit Fliegermütze und Pilotenbrille samt einem Hauch Parfüm. So präsentierte sich Jean Gardner Batten auf unzähligen signierten Autogrammkarten.

Angetan mit Fliegermütze und Pilotenbrille samt einem Hauch Parfüm. So präsentierte sich Jean Gardner Batten auf unzähligen sign2009 enthüllte Palmas Bürgermeisterin Aina Calvo die Marmortafel mit dem neuen Straßennamen "Jean Batten".Eine bronzene Gedenktafel auf dem Friedhof von Palma, gestiftet von der neuseeländischen Regierung, erinnert an die in einem Mas

Die Rede ist von Jean Batten. 1934 gelang der jungen Frau aus Neuseeland ein spektakulärer Alleinflug von England nach Australien. Heute trägt der internationale Airport von Auckland ihren Namen. Seit 2009 gibt es auch in Palma de Mallorca eine Straße, besser gesagt eine winzige Sackgasse, die nach der Flugpionierin benannt ist.

Jean wer? Hierzulande kennt kaum jemand die Nationalheldin von der anderen Seite der Erdkugel. Doch in den 1930er Jahren wurde die glamouröse Fliegerin häufig als "Garbo der Lüfte" tituliert. Sie zählte zu den weltweit bekanntesten Frauen ihrer Zeit. Und ähnlich wie das Hollywood-Filmidol Greta Garbo lebte Jean Batten nach ihrer Karriere als Pilotin derart zurückgezogen, dass ihr Ableben 1982 auf Mallorca erst nach fünf Jahren bekannt wurde. Ihre letzte Ruhe fand die Fliegerlegende auf dem Friedhof in Palma, in einem anonymen Massengrab.

Dass die Frau jetzt einem größeren Kreis bekannt wird, dafür dürfte ein Roman sorgen, den die preisgekürte neuseeländische Autorin Fiona Kidman 2013 veröffentlichte, und der nun in deutscher Übersetzung erschienen ist (siehe Kasten).

Jean Gardner Batten erblickte 1909 im provinziellen Kurort Rotorua auf Neuseeland das Licht der Welt. Kaum lag das Kind in der Wiege, heftete Mutter Ellen einen Zeitungsausschnitt an den Schlafplatz. Der Artikel enthielt einen Bericht über den französischen Piloten Louis Blériot. Dieser hatte acht Monate zuvor als erster Mensch den Ärmelkanal überflogen, eine Heldentat, die die Kindesmutter im fernen Winkel des British Empire schwer begeisterte.

Ellen "Nellie" Batten war das, was man heute eine kompromisslose Feministin nennen würde. Sie stand den Suffragetten nahe, jenen radikalen Frauenrechtlerinnen in Großbritannien und den USA, die sich vor dem Ersten Weltkrieg für das Frauenwahlrecht starkmachten. Ellen trennte sich von ihrem untreuen Ehemann und den Söhnen. Mit ihrer Teenager-Tochter zog sie nach London. Schon vorher hatte sich Jean Batten gegen den Willen ihres Vaters dem Ziel verschrieben, Pilotin zu werden.

Dass der Vater, ein attraktiver Zahnarzt, davon ausging, die Tochter werde zur Konzertpianistin ausgebildet, tangierte Mutter und Tochter nicht. Der Flügel wurde verkauft, um die Ausbildung Jeans zur Fliegerin mitzufinanzieren. Das war ein für die damalige Zeit unerhörter Berufswunsch, da in den Pioniertagen der Luftfahrt die Fliegerei als ausgemachte Männersache für wahre Teufelskerle galt. Möglich, dass Ellen Batten ihre Tochter gerade aus diesem Grund bestärkte, den Himmel zu erobern. In London, dem damals führenden Aviationszentrum der Welt, nahm Jean Batten in einem Fliegerklub Unterricht und absolvierte Ende 1931, mit 22 Jahren, den Pilotenschein.

Die Männerwelt lag der jungen Frau regelrecht zu Füßen. Die Pilotin beherrschte neben der Fliegerei auch die Kunst der Verführung. Sie brach viele Herzen, denn am Ende heiratete sie keinen einzigen ihrer Verehrer.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bedeutete das Ende für ihre Zeit als Fliegerass. Zwar wurde sie zum Ehrenmitglied der Royal Air Force ernannt, und sie sammelte bei Propaganda-Auftritten Spenden für die kämpfende Truppe, doch zum Einsatz kam die Pilotin nicht. Möglich, dass dies an einem Augenfehler Battens lag, möglich aber auch, dass der unzähmbare Flugdrachen sich nicht in Teams einbinden ließ.

Nach dem Krieg wurde es ruhiger um Jean Batten. Mit ihrer Mutter reiste sie kreuz und quer durch Europa. Das Duo lebte dann eine Zeit lang auf Jamaica, später in England und auf den Kanaren. Dort starb Ellen Batten 1965.

Zwei Jahre nach dem Tod ihrer Mutter zog Jean Batten nach Mallorca. Sie mietete sich in einem großen Wohnblock in Portopí ein. Wie schon auf den Kanaren vereinsamte die nunmehr alleinlebende Frau zusehends. Es war offenbar ein bewusster Schritt in die Zurückgezogenheit, und er wurde von ihren Angehörigen und Bekannten weitgehend respektiert. Jean Batten bestand darauf, in Ruhe gelassen zu werden.

Es ist ein Verdienst der Schriftstellerin Kidman, neben den Licht- auch die Schattenseiten im Leben der Fliegerlegende erzählerisch zu schildern, ohne die Leserinnen und Leser durch technische Details und historische Einordnungen zu überfordern. Manches wird nur angedeutet: Etwa die Vergewaltigung Jean Battens als Teenager durch den neun Jahre älteren Bruder.

1977 kehrte das Fliegerass noch einmal nach Neuseeland zurück, als Ehrengast, als das dortige Luftfahrtmuseum eröffnet wurde. Danach wurde es gänzlich still um Jean Batten. So still, dass der Verleger ihrer Autobiographie "My Life", erschienen 1938, sich zu sorgen begann. Schließlich sandte er das Dokumentarfilmer-Ehepaar Ian und Caroline Mackersey nach Palma. Deren Recherchen von 1987 ergaben, dass Jean Batten bereits fünf Jahre zuvor gestorben war.

Das Ende der einstigen Himmelsstürmerin war von erschreckend profaner Natur gewesen: Kurz vor ihrem Tod in Palma war die 73-Jährige leicht von einem Hund gebissen worden. Die Wunde entzündete sich, doch Batten vertraute auf die Selbstheilungskräfte des Körpers, lehnte ärztliche Hilfe ab. Am 22. November 1982 erlag sie den Folgen der Verletzung.

Was auch immer bei den Behörden damals mit der Bekanntgabe des Todes schiefging, niemand erinnerte sich an die Flugpionierin. So wurde Jean Batten auf dem Friedhof in Palma in einem kommunalen Gemeinschaftsfeld für mittellos Verstorbene zur letzten Ruhe gebettet. Die exakte Lage in dem Massengrab ist somit nicht bekannt. Doch immerhin erinnert seit einigen Jahren eine Bronzetafel, gestiftet von der Regierung Neuseelands, an die "Tochter des Himmels" vom anderen Ende der Welt.

(aus MM 37/2016)

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