Málaga, die "Baleares" und der Tod

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Malagueños auf der Flucht. Die 219 Kilometer lange Strecke nach Almería wurden zu Fuß bewältigt, unter stetem Beschuss.

Malagueños auf der Flucht. Die 219 Kilometer lange Strecke nach Almería wurden zu Fuß bewältigt, unter stetem Beschuss.

Foto: Archiv Utima Hora

Vor wenigen Wochen erst fand in einem Park in Palma eine Performance statt: Dabei verlas der Künstler Joan Lacomba unter anderem die Aufzeichnungen des kanadischen Arztes Norman Bethune. "Als die Flugzeuge sich verzogen, hob ich vom Boden die Leichen dreier Kinder auf. Die Straße glich einem einzigen Schlachthaus."

Die Flugzeuge, das waren neben national-spanischen und italienischen Einheiten auch Bomber der deutschen Legion Condor, die im Spanischen Bürgerkrieg die aufständischen Militärs um General Franco unterstützte.

Die Straße wiederum, das war ein Schauplatz in der südspanischen Küstenstadt Almería, in der sich damals Zehntausende von Flüchtlingen aufhielten, so dass die Bevölkerungszahl des Ortes sich innerhalb von ein, zwei Tagen auf mehr als 100.000 verdoppelt hatte.

80 Jahre ist es her, dass die Einnahme der Stadt Málaga einen den größten Flüchtlingsströme auslöste, der bis dahin in Europa erlebt worden war. Je nach Quellen verließen am 7. Februar 1937 zwischen 90.000 und 150.000 Einwohner ihre Stadt, um sich auf einer heillosen Flucht vor den Franquisten ins 219 Kilometer weiter östlich gelegene Almería zu retten. Vor allem Familien, Mütter und Kinder, Alte, Schwangere, hatten sich auf den Weg gemacht, der für Tausende von ihnen in den Tod führte. Die kampffähigen Männer, die in den Miliz- und Armee-Einheiten der spanischen Republik zusammengefasst gewesen waren, hatten sich schon Tage vor dem Fall der Stadt aus Málaga zurückgezogen.

Was, bitte schön, hat das alles mit Mallorca zu tun? Es gibt einen tragischen Beziehungspunkt zwischen den Gräuel, die der Spanische Bürgerkrieg für die Menschen, für ihre Städte und Regionen bereithalten sollte: Während sich der hilflose Tross der flüchtenden Zivilbevölkerung zwischen Málaga und Almería auf der Küstenstraße dahinquälte, wurde er immer wieder beschossen und bombardiert, aus der Luft durch die Flugzeuge, und von See aus durch drei schwere Kreuzer der franquistischen Flotte. Dazu zählten die "Almirante Cervera" sowie die beiden Schwesterschiffe "Canarias" und "Baleares". Letzteres hatte seine Basis in Palma. Die Balearen-Insel war bei Ausbruch des Bürgerkrieges im Sommer 1936 im Lager der Franquisten gelandet. Die Besatzung des Schlachtschiffes wies im weiteren Verlauf einen hohen Anteil an Mallorquinern auf. Somit waren auch Insulaner involviert, als die Schiffskanonen der "Baleares" das Feuer auf die verängstigten Malagueños eröffneten.

Die Flucht aus Málaga glich einem infernalischen Exodus zu Fuß. Die schmale Küstenstraße war verstopft mit Pferde-, Esel- und Maultierkarren, so manche Familie trug den Hausrat sowie ihre wertvollsten Besitztümer, etwa eine Nähmaschine, mit sich. Als die Maschinengewehre der Flugzeuge den Flüchtlingsstrom beharkten, stob die Menschenmenge voller Panik auseinander, suchte Deckung im Straßengraben, hinter Felsen, in einzelnen Zuckerrohrfeldern. Kinder verloren ihre Angehörigen, Gefährte gingen Bruch, die Straße war gepflastert mit aufgegebenem Hab und Gut - und Leichen.

Der tödlichste Abschnitt auf der tagelangen Flucht - die ersten Malagueños erreichten Almería am 12. Februar - lag zwischen den Orten Nerja und La Herradura, wo die Küstenstraße direkt an den Steilklippen verläuft und von den Schiffen massiv beschossen wurde.

Die "Baleares", die dort den Tod säte, ging später selbst unter, 13 Monate danach, versenkt in der Seeschlacht bei Cabo de Gata. Dabei fanden 786 Seeleute den Tod. Ihnen wurde später in Palma ein Erinnerungsmal im Sa-Feixina-Park errichtet. Gegner des heutigen Denkmals verweisen, wenn sie dessen Abriss fordern, immer auch auf die Kriegsopfer aus Málaga. Genau Zahlen gibt es keine. Schätzungen sprechen von 3000 bis 5000 Toten.

Selbst 80 Jahre nach den Ereignissen von damals werden die Schrecken des Bürgerkrieges schlagartig wach, sobald Augenzeugenberichte wie jene des kanadischen Arztes rezitiert werden. Norman Bethune war aus Almería mit der Ambulanz den Flüchtlingen entgegengefahren, um die Schwächsten von ihnen, zumeist Kinder, einzusammeln. "Die Jungen waren nur mit einer Hose bekleidet, die Mädchen trugen lediglich ein Kleid ... Kinder, deren Ärmchen und Beine verbunden waren mit blutdurchtränkten Fetzen, Kinder ohne Schuhe, mit geschwollenen Füßen, Kinder, die verzweifelt weinten, vor Schmerz, vor Hunger, vor Erschöpfung ..."

(aus MM 7/2017)

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