3

In Deutschland kaufen Menschen aus Panik vor dem Coronavirus Supermärkte leer. Hamsterkäufe gibt es auf Mallorca noch nicht, aber Sorge herrscht auch hier. In den Apotheken sind die Handdesinfektionsmittel ausverkauft. Bei der steigenden Zahl an Infizierten ist es schwer, sich keine Sorgen zu machen, aber wie soll man damit umgehen? MM hat die Psychotherapeutin Vanessa Gleede aus Palma gefragt.

Mallorca Magazin: Frau Gleede, man soll sich beim Begrüßen nicht mehr die Hände schütteln oder Besitos geben, so groß ist die Sorge vor dem Coronavirus.
Gleede: Das sind die Empfehlungen, die man bei jeder Grippewelle herausgibt. Es gibt überhaupt keinen Unterschied, was das angeht, und ein normal gesunder Mensch kann den Coronavirus überstehen wie eine Grippe.

MM: Die Sterberate ist höher als bei der Grippe.
Gleede: Ja, aber man muss die Zahlen in Relation setzen. Die Todesrate des Virus ist im Vergleich zu den Kindern, die in Afrika jeden Tag sterben, minimal. Und die meisten Menschen genesen auch wieder. Der Engländer, der in Son Espases behandelt wurde, ist zum Beispiel wieder gesund.

MM: Wie erklären Sie sich dann diese Angst?
Gleede: Die Berichterstattung spielt eine große Rolle. Es gibt immer mehr und immer schnellere Informationen. Zum Teil wird stündlich über neue Infizierte berichtet. Früher gab es das gar nicht. Und es ist nicht nur die Angst vor der Ansteckung, sondern auch vor den wirtschaftlichen Folgen auf der Insel. Man ist sich nicht sicher, ob der Tourismus diesen Sommer stark leiden wird. Das sind die Schlagzeilen, jeden Tag. Dann unterhält man sich mit anderen, die besorgt sind. Angst ist hoch ansteckend.

MM: Wieso steckt Angst eigentlich an?
Gleede: Aus der Evolution gibt es einen guten Grund dafür. Wenn Menschen begründete Angst haben und sich schützen, dann kann das das Überleben sichern. Deshalb ist es von der Tendenz her schon sinnvoll, dass Angst ansteckend ist nur die Hysterie nicht, denn da kann ich nicht mehr rational handeln.

Ähnliche Nachrichten

MM: Wie können wir mit der Angst umgehen, damit sie nicht zu Hysterie und Hamsterkäufen führt?
Gleede: Erst einmal die Informationen filtern, weniger Nachrichten lesen und schon gar keine Live-Ticker zum Coronavirus. Live-Ticker sind Gift. Dann weniger über das Virus sprechen und an die Vernunft appellieren, die Statistiken anschauen. Das kann man einbauen wie ein Mantra: "Das Risiko ist gering, andere Gefahren sind viel größer." Als Gesprächspsychotherapeutin würde ich auch über die Gefühle gehen.

MM: Was bedeutet das?
Gleede: Es bedeutet, mich richtig einzulassen auf die Gefühle und zu schauen: Was steckt denn hinter der Angst? Da steht oft ein Trauma aus der Kindheit, eine Depression oder eine Angst, die mit dem Virus gar nichts zu tun hat. Vielleicht bin ich auf mich allein gestellt. Als Therapeutin empfehle ich auch immer Entspannungstraining. Denn wenn ich entspannt bin, ist die Angst nicht so groß. Dann kann ich auch in einer Situation, die vielleicht zweifelhaft ist, besser handeln. Ich sitze in einem Bus, in dem ein Norditaliener ist, der niesen muss. Da kann ich schneller schalten, wenn ich nicht hysterisch bin. Wenn ich insgesamt gelassener bin, ist mein Immunsystem auch stabiler. Panik erhöht das Stresslevel und damit bin ich viel anfälliger.

MM: Aber schützen müssen wir uns schon.
Gleede: Ja natürlich, aber wie gesagt, hier gelten die gleichen Maßnahmen wie bei jeder Grippewelle: gute Händehygiene, Menschenmengen und Hautkontakt vermeiden.

MM: Atemmasken sind ausverkauft, obwohl die Schutzwirkung bezweifelt wird.
Gleede: Wenn Sie sich mit einer Atemmaske sicherer fühlen und entspannter sind, dann tragen Sie eine. Hier geht es um das Gefühl, die Situation kontrollieren zu können und dem Virus nicht hilflos ausgeliefert zu sein, weniger um echten objektiven Schutz.

(aus MM10/2020)