Kam aus Westfalen nach Mallorca und kehrt nun dorthin zurück: Pfarrerin Heike Stijohann. | Patricia Lozano

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Die ersten Kisten sind gepackt. Ihre letzten Gottesdienste finden Mitte Juli statt. Sechs Jahre hat sich Heike Stijohann (59) um die Schäfchen der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde der Balearen gekümmert. Zum Abschied blickt sie mit MM auf eine erfüllte Zeit zurück.

Mallorca Magazin: Wie haben Sie eigentlich den Weg auf die Insel gefunden?

Heike Stijohann: Vor Mallorca war ich über 14 Jahre als Pfarrerin in Bad Meinberg in Ostwestfalen tätig. Als ich 50 wurde, fragte ich mich, wie ich mein Leben weiter gestalten will. Denn mit Mitte 50 geht man in der Regel nicht mehr weg. Ich fing an, Stellenausschreibungen der Kirche zu lesen, erst deutschlandweit, aber dann dachte ich, das ist eigentlich Quatsch, weil es nicht wirklich anders ist. Als bei den Auslandsausschreibungen Mallorca dabei war, dachte ich, das passt von meinem Profil her, da kann ich meine Stärken einbringen. Ich habe immer gerne mit jungen Menschen gearbeitet, hatte Erfahrungen im Krankenhausdienst und habe viele Trauungen zelebriert. Also habe ich mich im Herbst 2013 beworben und ein Jahr später kam ich mit meinem Mann Paul nach Mallorca. Er ist Sozialarbeiter im Ruhestand, insofern konnte er mich problemlos begleiten.

MM: Wie gut kannten Sie vorher Spanien und Mallorca?

Stijohann: Ich hatte nur wenig Bezug dazu. Zweimal habe ich einen Wanderurlaub auf der Insel verbracht. Ansonsten haben wir unseren Urlaub immer in Südeuropa verbracht, wegen der Wärme und weil das Leben dort draußen stattfindet. Während meiner Bewerbung um die Pfarrstelle habe ich dann ganz schnell angefangen, Spanisch zu lernen.

MM: Können Sie sich noch an Ihre erste Zeit auf Mallorca erinnern?

Stijohann: Ja, klar. Auf einen Schlag war alles neu. Es war eine sehr aktive Zeit. Es gab viele Hochzeiten, dann das Erntedank- und Gemeindefest. Es ging rein ins volle Leben. Ich habe viele Menschen auf einen Schlag kennengelernt, viel Wohlwollen gespürt. Land und Klima prägen die Menschen, die hier leben. Alle waren sehr offen und freundlich, duzten sich. In meiner alten Heimat ist man eher drinnen. Dort sind die Menschen reservierter, aber auch verbindlicher. Hier finden Kontakte schneller statt, sind aber oberflächlicher. Das ist keine böse Absicht, sondern liegt daran, dass viele die Insel nach ein paar Jahren wieder verlassen und ist daher ganz typisch für Tourismusgemeinden.

MM: Was waren für Sie die Schattenseiten?

Stijohann: Dass man sich eben nicht so tief auf Kontakte einlässt. Das ist ein Problem für die, die dauerhaft bleiben. Gerade beim Älterwerden braucht man aber verbindliche Kontakte, daran denken viele nicht gerne. Eine abgelegene Finca mag idyllisch sein, aber man ist dort auch isoliert. So lange ich mobil bin, habe ich noch Kontaktmöglichkeiten, aber im Krankheits- und Pflegefall kann es dramatisch werden. Das habe ich so in Deutschland nicht erlebt. Es gibt nicht so viele mobile Pflegedienste und zu wenig Pflegeplätze auf Mallorca, manchmal kommen Probleme mit der Krankenversicherung hinzu. Wer es sich leisten kann, heuert einen Betreuer an. Spanische Sozialarbeiter sind wegen Verständigungsproblemen oft keine Lösung. Und wenn es jemandem richtig schlecht geht, ist auch eine Rückkehr nach Deutschland schwierig. Wenn jemand dort nicht gemeldet ist, fühlt sich keiner zuständig.

MM: Sie haben den Krankenhausbesuchsdienst ausgebaut, um etwas gegen die Vereinsamung zu tun ...

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Stijohann: Ja, es gibt ehrenamtliche Mitarbeiter in Son Espases, der Clínica Juaneda oder Son Llàtzer. Sie gehen einmal in der Woche in „ihr" Krankenhaus. Dort werden sie von den Dolmetschern über deutsche Patienten informiert, die wenig Besuch bekommen. Denen machen sie dann ein Besuchsangebot. Im besonders dramatischen Fällen ruft man mich hinzu. Seit zwei Jahren arbeiten wir mit der Stiftung Herztat zusammen und haben einen dezentralen Besuchsdienst aufgebaut, das heißt, es gibt Kontaktangebote für die Zeit nach dem Krankenhausaufenthalt. Besuchspaten, die in der Nähe eines Patienten wohnen, machen Hausbesuche. Das wurde in meiner Amtszeit neu eingeführt.

MM: Was konnten Sie auf Mallorca besonders genießen?

Stijohann: Zum einen die vielfältigen und freundlichen Kontakte. Nach den Gottesdiensten in Cala Rajada oder Peguera gab es viel Feedback, weil die Leute Zeit haben. Sie nehmen teilweise weite Wege auf sich und bleiben, um sich anschließend bei einem Kaffee auszutauschen. Es kommen übrigens viele Touristen aller Altersgruppen in den Gottesdienst. Auch die Trauungen und Taufen habe ich sehr genossen. Man lernt dabei die schönsten Orte der Insel kennen. Und Hochzeiten sind eine Riesenchance zur Ansprache, das gilt nicht nur für das Hochzeitspaar, sondern auch für die Gäste. Es gab hinterher auch Folgetrauungen und Taufen aus dem jeweiligen Freundeskreis, viele kamen danach während des Urlaubs auch in meinen Gottesdienst. Zum anderen ist die Natur hier etwas ganz Besonderes. Wir haben es hier genossen und waren sehr glücklich. Ich habe auch die Mallorquiner immer als offen und freundlich erlebt, sie sind im Allgemeinen schon geduldiger und entspannter als Deutsche.

MM: Wie haben Sie die Coronakrise erlebt?

Stijohann: Viele Gemeindemitglieder haben sich in dieser Zeit an mich gewandt, es gab viele Telefongespräche und Kontakte über Whatsapp-Gruppen. Glücklicherweise gab es in der Seniorenresidenz Es Castellot keinen Fall. Die sogenannten Hygienedemos in Deutschland haben mich irritiert. Alle, die gemeckert haben, hätte ich gerne gefragt, in welchem Land sie während der Krise denn lieber gelebt hätten.

MM: Wie sehen Ihre Pläne für Deutschland aus?

Stijohann: Wir gehen erst mal nach Münster, dort haben wir ein Haus. Ich werde dann Vertretungsdienste machen und mich in aller Ruhe umschauen. Wir gehen mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Familie und alte Freunde warten auf unsere Rückkehr, während unserer Zeit auf Mallorca wurden sechs Enkelkinder geboren. Gleichzeitig sind wir in der Gemeindearbeit aufgegangen. Man kann eben nicht alles haben. Eine Verlängerung unserer Entsendung hätte die Familie nicht verstanden. Was ich aus Mallorca unbedingt nach Deutschland mitnehmen will, ist die spanische Gelassenheit, das will ich in meinem Umfeld verbreiten. Die Worte „tranquilo", „no pasa nada" habe ich am Anfang oft gehört, wenn ich mich selbst gestresst habe, etwa weil ich im Stau stand und zu spät zu einer Trauung kam. Diese Worte taten so gut, das habe ich geliebt.

MM: Noch ein paar Worte zu Ihren Nachfolgern?

Stijohann: Da habe ich ein ganz fantastisches Gefühl. Martje Mechels und Holmfried Braun sind gut geeignet und gerüstet. Sie sind offen und haben in vielen Bereichen gearbeitet. Sie passen absolut hierhin, vielleicht sogar besser als ich, da bin ich ganz ohne Konkurrenzdenken.

(aus MM 26/2020)