Während des Lockdowns die Freunde auf Mallorca vermisst

| Llucmajor, Mallorca |
Von der Terrasse seines Stadthauses in Llucmajor aus kann Mario von Jascheroff auf die Kirche Iglesia de San Miguel gucken.

Von der Terrasse seines Stadthauses in Llucmajor aus kann Mario von Jascheroff auf die Kirche Iglesia de San Miguel gucken.

Foto: nimü

„Ich bin wirklich froh, wieder hier zu sein”, strahlt Mario von Jascheroff im Gespräch mit MM. „Erst hatte ich zwei Monate keinen Flug gebucht, danach durfte ich drei Monate nicht auf die Insel. Das sind zwar nur fünf Monate, fühlt sich aber an wie zwei Jahre”, meint der gelernte Schauspieler, der mit seiner Familie seit dem Jahr 2000 ein Stadthaus in Llucmajor hat, wenige Tage nach Ende des Lockdowns.

Von Jascheroff war einer der Teilzeit-Residenten, die in einem MM-Report im April zu Wort kamen. Er sagte damals: „Wir sind echt krank vor Sehnsucht.”

Groß geworden ist von Jascheroff in der DDR und vergleicht die Zeit mit dem Lockdown. „Ich hatte so etwas ja schon mal. Ich war in einem Land eingesperrt. Daher kommen Erinnerungen hoch. Dass ich mal zwei oder drei Monate nicht nach Mallorca kommen kann, ist eigentlich nicht so dramatisch. Schlimm ist aber der Gedanke, dass du nicht darfst.”

Von Jascheroff hat zwei Söhne aus erster Ehe und Tochter Josie aus der zweiten. Felix und Constantin sind in Deutschland TV-Stars. Der Erstgenannte hat seit 2001 eine Hauptrolle in der Daily Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten”, der jüngere Constantin wirkte schon in vielen Filmen und Serien mit. „Während Felix nicht so oft hier ist, nutzt Constantin unser Haus auch häufig”, erzählt der Papa. Constantin war auch gerade auf der Insel, als der Alarmzustand begann. „Ich habe ihm noch geraten, doch einfach hierzubleiben. Aber er hat einen zwei Jahre alten Sohn, der ihn braucht.”

Selber vor der Kamera steht Mario von Jascheroff nicht mehr so oft. Er hat sich einen Namen als Synchronsprecher gemacht, führt auch Dialogregie und schreibt die Dialogbücher bei Animationsproduktionen wie „Biene Maja” oder „Wickie und die starken Männer”. Sein Alleinstellungsmerkmal: Von Jascheroff ist seit Anfang der 90er Jahre die deutsche Stimme von Micky Maus.

Schon zu Beginn seiner Schauspielkarriere in der damaligen DDR setzte von Jascheroff aufs Synchronisieren. Damals spielte er auch viel Theater und zu Auslandsengagements durften er und seine damalige Frau Juana, ebenfalls Schauspielerin, die DDR verlassen. 1989 stand ein sechswöchiges Theaterfestival in Italien auf dem Programm. Überraschend erlaubte der Staat, dass Felix und Constantin mitreisen konnten und so steuerte die Familie Hamburg statt Italien an und wurde danach in West-Berlin heimisch. Wenige Monate nach der Flucht fiel die Mauer. Von Jascheroff spielte in verschiedenen TV-Produktionen mit und wurde schnell in der westdeutschen Synchronszene heimisch.

Auf Mallorca urlaubte der heute 60-Jährige in den 90er Jahren an der Playa de Palma und auf einer Finca. So richtig zu einer Herzensangelegenheit, und das im wahrsten Sinne des Wortes, wurde die Insel aber erst 1999. „Ich habe hier meine dritte Frau Julia kennengelernt, bei einem Kurs in Gestalttherapie in Artà. Wir hatten eine Woche Zeit, jeder hat dem anderen seine Seele offenbart. Das geschieht ja im Normalfall erst im Laufe der Monate.” Es wurde die große Liebe: „Julia passt zu mir wie ein Legostein zum anderen.” Und weiter: „Verbunden mit der Liebe zu meiner Frau war die Liebe zur Insel. Das ist schon magisch.”

Und den beiden war schnell klar, dass aufgrund ihrer speziellen Geschichte ein Zweitwohnsitz auf Mallorca sein müsste. Im Jahr nach dem Kennenlernen kaufte man das heruntergekommene Stadthaus und baute es mit viel Liebe zum Detail auf. Gemeinsame Kinder hat das Paar nicht, aber: „Unser Haus in Llucmajor ist unser Kind”, meint von Jascheroff.

Inzwischen hat die Stimme von Micky Maus zahlreiche Freunde auf der Insel. „Gestern war ich essen mit Pablo von der Relojeria Alemana, ein aufrichtiger Freund. Oder mein Freund Rafa, mit dem ich segeln gehe. Er sagt immer ,du brauchst kein Boot. Das beste Boot ist das eines Freundes’.” Mario von Jascheroff hat viele Menschen auf Mallorca in der Zeit des Lockdowns vermisst, war oft in telefonischem Kontakt. „Du merkst in der Zeit der Verbote, wie wichtig dir diese Freunde sind.”

Der gute Kontakt zu den Einheimischen hat sich im Laufe der Zeit entwickelt. „Es dauerte schon zwei Jahre. Wie die Mallorquiner halt so sind. Aber mit wiederkehrender Freundlichkeit wirst du ein Teil und bekommst zu hören, dass du einer von den angenehmeren Deutschen seist.”

Klar, dass in den ersten Tagen nach der Insel-Rückkehr ein Treffen auf das andere folgte. „Es war so herzlich, als hätte man sich seit zehn Jahren nicht gesehen.” Und die Begrüßung? Das Kontaktverbot? „Es gab auch Umarmungen. Aber größtenteils wird es eingehalten“, meint von Jascheroff, der schon im MM-Report im April in die Zukunft schaute: „Die herzlichen Begrüßungen werden nicht so schnell wieder stattfinden – ich sehne mich allerdings nach den Umarmungen mit meinen Freunden.”

Wie groß das Verlangen nach der Insel in den vergangenen Monaten war, zeigt sich auch darin, dass der Berliner fast wöchentlich Flüge nach Mallorca buchte – für den Fall, dass sich die Lage doch plötzlich ändern könnte. Wie erwähnt war von Jascheroff nicht der Einzige, der am liebsten am nächsten Tag in den Flieger Richtung Palma gestiegen wäre. Viele deutsche Immobilienbesitzer pochten zum Beispiel in einem offenen Brief an Balearen-Ministerpräsidentin Francina Armengol darauf, dass man sie auf die Insel kommen lassen müsse. Der Ton kam bei einigen Mallorquinern nicht gut an und wäre auch nicht von Jascheroffs Stil. „Ich finde zwar, dass jemand, der einen Wohnsitz hier hat, auch das Recht haben sollte, herzukommen. Und man muss auch wieder sein soziales Umfeld auf der Insel treffen können. Aber da ist der Zwiespalt. Die Maßnahmen sollten uns alle schützen. Aus Vernunftsgründen kann man verstehen, dass es so war, wie es war. Emotional ist das allerdings sehr schwierig.“

Am Montag ist Mario von Jascheroff auf Mallorca angekommen. Mit der Fähre und nach einer Odyssee. Er wollte das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und zusammen mit einem Freund einen Porsche-Youngtimer (so nennt man junge Oldtimer) aus dem Jahr 1994 nach Mallorca fahren. Doch der Wagen streikte vor Avignon und musste dort in einer Porsche-Vertretung gelassen werden. Von Avignon nach Barcelona mit der Bahn oder dem Bus klappte nicht, auch ein Leihwagen für den Trip war nicht zu bekommen. Schließlich ging Letzteres doch und nach einer strapaziösen Reise war die katalanische Metropole erreicht. Aber die Fähre weg und man konnte keine Tickets kaufen. Also folgte noch eine Nacht in Barcelona. „Es war zwar ärgerlich, dass wir liegen geblieben sind, aber wir haben viel zu erzählen”, schmunzelt der Teilzeit-Mallorquiner.

Als er in Palma eingetroffen war, kam ihm die Balearen-Metropole „wie eine Geisterstadt” vor. „Es waren kaum Leute auf den Straßen. In Llucmajor sah man noch weniger Menschen. Und die trugen im Freien Masken. Ich habe das nicht verstanden. Es war wie in einem Science-Fiction-Film. Wir sind dann sofort ans Meer gefahren. Nach Sa Ràpita. Rein ins Mittelmeer und den Reisestress abspülen ...”

(aus MM 28/2020)

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