Mittler zwischen den Extremen

| Esporles, Mallorca |
Hilmar Hinz vor dem Imedea-Institut in Esporles, wo der gebürtige Deutsche seit Kurzem arbeitet.

Hilmar Hinz vor dem Imedea-Institut in Esporles, wo der gebürtige Deutsche seit Kurzem arbeitet. Foto: ecu

Etwas größer stellt man sich das Büro eines Spitzenforschers schon vor. Geschätzte sieben Quadratmeter misst das Arbeitszimmer des Meeresbiologen Hilmar Hinz. Mit dem renommierten Marie-Curie-Stipendium der EU kam der deutsche Wissenschaftler vor zwei Jahren an das Ozeanographische Zentrum in Palma. Gerade ist er zum Forschungsinstitut Imedea (Instituto Mediterráneo de Estudios Avanzados) in Esporles gewechselt.

Bei Meeresbiologen denkt man an abenteuerliche Ozeanforscher wie Jacques Cousteau. "Ich studiere Würmer", sagt Hilmar Hinz, und das sei nicht weniger spannend als die Arbeit mit Haien oder Delfinen, meint der 43-jährige gebürtige Kölner mit einem Lächeln. Ihn interessiere die Bedeutung des Benthos - das sind die wirbellosen Lebewesen, die im und am Meeresboden leben und am Anfang der Nahrungskette stehen - für die Fische. Seine aktuelle Forschung richte sich auf die Nahrungsnetze in den Küstenregionen. Im Mittelmeer stellten diese einen besonders wichtigen Bereich dar.

"Das Mittelmeer ist nährstoffarm im Gegensatz etwa zu Nord- und Ostsee. Deshalb ist das Wasser hier auch klar, denn wir haben eine geringe Primärproduktion von Phytoplankton, das sind die mikroskopischen Algen, die in Nord- und Ostsee die großen Fischbestände erhalten", erklärt Hinz. Im Mittelmeer dagegen geschehe ein Großteil der Primärproduktion in Küstennähe im Bereich der Algen und Seegräser. Doch gerade diese Zone sei großem Druck ausgesetzt durch die Küstenfischerei und die Verstädterung der Küste inklusive Strand- und Bootstourismus. Auch der Klimawandel mache sich am ehesten an der Küste bemerkbar, weil sich die flacheren Küstengewässer beim Anstieg der Temperaturen am schnellsten aufwärmten.

Und noch ein Faktor komme hinzu: "Mehrere tropische Algenarten sind im Mittelmeer aufgetaucht und machen Probleme, weil bestimmte Arten dominant sind und andere Algenarten, die sehr wichtig sind für das Ökosystem, verdrängen." Viel dagegen machen könne man wahrscheinlich nicht. Aber man könne sich wappnen, wie man mit den Veränderungen umgehe. "Die Natur nimmt ihren Lauf und findet ihre Balance. Aber was können wir machen, damit wir in einem System leben, dass wir für akzeptabel halten?" Letztendlich sei das die Frage der Biologie.

Hinz sieht die Wissenschaft als Problemlöser, die zwischen extremen Positionen in der Gesellschaft vermittelt und zukunftsfähige Lösungen aufzeigt. Er habe zum Beispiel viel mit Fischern und Umweltorganisationen gearbeitet, erzählt der Meeresbiologe. Beide hätten nur ihre Interessen im Blick. "Die einen meinen, sie sitzen moralisch auf dem höheren Ross, die anderen sagen, sie haben die Füße auf dem Boden und die anderen haben keine Ahnung." Doch die Zusammenhänge seien komplexer. "Und da sehen wir, was wirklich da ist, damit der Fortschritt der richtige ist."

Das Curriculum des jungen Wissenschaftlers beeindruckt: Studium der Meeresbiologie im englischen Newcastle upon Tyne mit Bachelor-Abschluss, Diplom der Biologie in Oldenburg, Zivildienst und Projektmitarbeit am Senckenberg Institut in Wilhelmshaven, wissenschaftliche Assistenz und Promotion an der Universität von Bangor in Nord-Wales, Mitarbeit am Plymouth Marine Laboratory: "So ist das Leben eines Wissenschaftlers. Je nachdem, wo es einen Vertrag gibt, schlendert man als Vagabund durch Europa von einem Ort zum anderen."

In England lernte Hinz eine Mallorquinerin kennen, ebenfalls eine Meeresbiologin. Heute sind sie ein Paar und erwarten das zweite Kind. Sohn Kai ist drei Jahre alt. Nach 13 Jahren Nieselregen habe sich seine Frau nach der Insel zurückgesehnt, "und für mich war es auch Zeit, weiterzuziehen und mich weiterzuentwickeln", sagt Hinz.

In Großbritannien habe die Wissenschaft einen anderen Stellenwert gehabt als hier. Oft sei er von der Politik eingeladen worden, erinnert sich Hinz. Die Politiker suchten den Kontakt zu den Wissenschaftlern, um bessere Entscheidungen zu treffen. Was er bisher gesehen habe, sei das hier nicht so der Fall. Dabei gebe es auf Mallorca sechs wissenschaftliche Institutionen im Bereich der Meeresforschung: Imedea, das Ozeanographische Institut der Balearen, das regionale Zentrum für Küstenüberwachung SOCIB, die Balearenuniversität, das Labor für Meeresforschung Limia und das Palma Aquarium.

"Wo gibt's das sonst noch?" Die Insel habe ein enormes Potenzial und das auszunutzen, hat sich Hilmar Hinz vorgenommen. Sein Projekt: ein internationaler Master-Studiengang in Meeresbiologie. "Man könnte Leute aus ganz Europa hierher bringen und das Zentrum für Meeresbiologie im Mittelmeer werden." Erste Gespräche laufen bereits.

(aus MM 24/2015)

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