Die Aufnahme zeigt den Moment, in dem der Hammer zum Einsatz kommt. | Martin H. Müller

Stampfende, unaufhaltsam vorwärtsstrebende Marschschritte. Darüber erklingt das energisch punktierte Hauptthema, auch hier dominiert der Rhythmus. Das melodische Element tritt in Gestalt des zweiten Themas in Erscheinung. Eine Hommage an Mahlers Ehefrau Alma?

Wie auch immer: alles in dieser gigantischen Sinfonie kommt aus Erlebtem, Erlittenem des Komponisten, ist sozusagen autobiografisch: die Märsche, mit denen Mahler das Schicksal voranschreiten lässt, sind Reminiszenzen an die Militärparaden, die auf den kleinen Gustav in seiner Heimatstadt Iglau großen Eindruck machten.

Anregungen aus der Natur erhielt er dort, wo er komponierte, am Attersee, am Wörthersee, in Toblach. Das und mehr verarbeitete er in seinen Sinfonien zu großen Tongemälden und bediente sich dabei eines kolossalen Orchesterapparates. Ob er im Scherzo mit dem Xylophon Totengebeine klappern lässt (wie das zuvor Saint Saëns im „Totentanz“ und im „Karneval der Tiere“ getan hatte), oder ob er mit Kuhglocken eine Alpenidylle suggeriert, ob er mit Beckenschlägen die Abgründe, in die er uns führt, wie mit Blitzen grell ausleuchtet, oder ob er das Schicksal im Finale mit einem monströsen Holzhammer zuschlagen lässt: seine Ideen für „special effects“ sind unerschöpflich.

Heraus kommt dabei eine zutiefst menschliche Musik. Menschlich, weil sie Ausdruck der Zerrissenheit des Menschen Mahler ist, des Zweiflers und manchmal Verzweifelten. „Das Glück", um es mit Hildegard Knef zu sagen, „kennt nur Minuten" in seiner Musik; immer ist es mollüberschattet, immer wird es vom teilweise brutalen Marsch des Schicksals attackiert. Und immer ist diese Musik ganz großes Kino.

Der visionäre Regisseur Luchino Visconti hat das erkannt und 1971 in seinem großartigen Film „Tod in Venedig" nach der Novelle von Thomas Mann das Adagietto aus der Fünften als Symbol für die morbide Schönheit der sterbenden Stadt eingesetzt (und dabei viel zu einer Mahler-Renaissance beigetragen).

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Die Musik Mahlers allgemein und in der Sechsten insbesondere überschreitet Grenzen, sowohl was die zeitliche Dimension als auch die instrumentalen Mittel angeht: die Sechste dauert knapp anderthalb Stunden, allein das Finale durchmisst mit 35 Minuten eine Zeit, in der Haydn und Mozart eine komplette viersätzige Sinfonie untergebracht haben; und 100 Musiker müssen es schon sein, um den Mahler-Kosmos zum Klingen zu bringen. Die Balearensinfoniker hatten sich deshalb für diesen Abend Verstärkung durch die Acadèmia Simfònica geholt.

Auch der Dirigent muss bei dieser Gratwanderung zwischen (melancholischer) Seligkeit und Katastrophe, zwischen der Utopie von Glück und finster dräuendem Fatum in jedem Moment an die Grenzen gehen. Dazu gehört das exzessive Schwelgen im Rubato-Espressivo der Streicher ebenso wie der Mut zur schroffen Gewalttätigkeit des brüllenden Blechs und der Tour de force des Schlagzeugapparats.

Hier war Pablo Mielgo der Mann der Stunde. Mit präziser Schlagtechnik navigierte er sein Orchester engagiert durch die Klippen der Partitur. Indem er, vom ersten Takt an, das Metrum als Pulsschlag des Geschehens keinen Augenblick aus den Augen verlor, vermied er die Gefahr, das Werk durch allzu kleinteiliges Rubato in eine Aneinanderreihung aufregender Momente zerfallen zu lassen. Eine Gefahr, der Leonard Bernstein in seiner „Kulteinspielung“ mit den Wiener Philharmonikern von 1977 fast erlegen wäre.

Bei Mielgo war die große Linie zu keinem Zeitpunkt gefährdet; stets behielt er das Ganze im Fokus. Und so wurde es ein großer Abend. Groß nicht zuletzt auch wegen der technischen Bravour der Musiker, die sich der extremen Herausforderung, die diese Sinfonie für jedes Orchester darstellt, glänzend gewachsen zeigten. Lang anhaltender Applaus des sehr zahlreichen Publikums (es war das bislang am stärksten besuchte Konzert der Saison) belohnte den Maestro und seine fabelhaften Mannen und Frauen.

Das nächste Konzert der Aboreihe gibt’s erst in drei Wochen. Bis dahin ist das Orchester anderweitig beschäftigt: am 26. und 28. Februar sowie am 2. März verwandelt es sich in ein Opernorchester und begleitet Verdis „Ballo in maschera“ im Teatre Principal. Am 10. März erklingt dann im Auditorium mit der Alpensinfonie von Richard Strauss wieder ein Werk in ganz großer Besetzung.