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Ich weiß nicht, wie. Aber plötzlich war ich Teil der ,,Grupo Rosa”, einer Gruppe von spanischen Touristen. Sie nahmen an einem Tagesausflug teil, den Rosa leitete. Sie schickten sich an, genau wie ich, den Almudaina–Palast zu besichtigen. Irgendwann, beim Warten in der Schlange, muss ich geträumt haben. Offenbar wurde ich an der Kasse vorbeigeschoben, wie alle anderen Teilnehmer von ,,Grupo Rosa” mit Kopfhörer und Empfänger ausgestattet. Rosa hatte ein großes Mikrophon um den Hals gehängt. So hatte die ganze Gruppe das Vergnügen, live mitzuerleben, wie Rosa sich kurz vor Beginn der Führung noch einmal die Nase putzte, mit den ihr wohl bekannten Museumsangestellten noch ein paar Späßchen machte, die Teilnehmer der Gruppe noch einmal im Stillen abzählte. Mich bemerkte sie dabei nicht. Dann ging es los.

Alle folgten Rosa. Notgedrungen auch ich. Rosa schlenderte durch die Räume des Palastes, als wäre sie ganz allein bei einem Schaufensterbummel. Sie kannte jeden Schritt, gab jede Information an der richtigen Stelle, ohne auch nur einmal jemanden anzuschauen. In einem Salon kam das kleine Einmaleins der mallorquini- schen Könige, später, vor den Porträts Karl V. und Philipp II., folgte das große Einmaleins der spanischen Regenten.

Ihre Stimme änderte sich auch nicht, als einer der Teilnehmer nach der Toilette fragte. Offenbar fragt nach Beendigung der Besichtigungen im Erdgeschoss immer jemand nach der Toilette.

Ich schaute Rosa mehrmals intensiv an, um festzustellen, ob sie ein Mensch aus Fleisch und Blut war – keine Reaktion, außer dem Abspulen der entsprechenden Information. Waren die Gruppenteilnehmer noch auf der Terrasse, war Rosa schon in den Arabischen Bädern, sprach aber immer noch von der schönen Aussicht der Terrasse, wies auf der Treppe darauf hin, dass man im Inneren mit Blitzlicht nicht fotografieren dürfe. Sie musste einen siebten Sinn haben, denn ich wollte gerade (heimlich) die Gobelins ablichten.

So ging es weiter, bis wir alle Räume durch hatten. Die Mitglieder der ,,Grupo Rosa” hatten mich längst als Fremdling entlarvt, wollten sich kaputt lachen, als sie feststellten, dass ich den Eintritt nicht entrichtet hatte, und beschlossen, diese ungeheure Tatsache vor Rosa geheim zu halten.

Zum Abschied lächelte ich Rosa an. Sie lächelte zurück. Vielleicht kam das Lächeln aber auch aus dem Mikrophon.