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Selten hat in den vergangenen Jahren ein Interview im Mallorca Magazin die Gemüter so erhitzt wie die Aussagen des deutschen Rockstars Peter Maffay zum Autobahnbau auf Mallorca. Der bei Pollença lebende Musiker hatte Anfang Januar die gegenwärtige Bautätigkeit auf der Insel – insbesondere im Straßenbau – angeprangert. Maffay wörtlich: „Die Autobahn ist ein Synonym für eine völlig entgleiste Vision einiger weniger auf Mallorca. Zu Lasten der Umwelt und zu Lasten der Gesamtbevölkerung. Es gibt ein paar Gewinner in diesem Prozess und viele Verlierer.” (MM 2/2006)

In den folgenden Wochen gingen in der Redaktion viele Stellungnahmen dazu ein. Manche gaben Peter Maffay recht, andere beantragten ein Redeverbot für den Rockbarden. Eine Extremposition nahm der Spanier Juliano Montalbán Valls ein: Die Baupolitik auf Mallorca sei ausschließlich Angelegenheit der Mallorquiner und Spanier. „Ausländer haben sich hier herauszuhalten. Auch die hier lebenden Deutschen.” Maffays Haltung sei gleichermaßen arrogant wie impertinent, so Montalbán weiter. Der Musiker habe aus eigenem Entschluss seinen Wohnsitz auf der Insel genommen. Ergo sei es logisch, wieder zu gehen, wenn es ihm nicht mehr gefalle. „Herrn Maffay steht sicherlich seine alte Heimat offen. Rumänien soll ja noch recht rustikal sein”.

Eine MM-Anfrage, mit Juliano Montalbán ins Gespräch zu kommen, blieb unbeantwortet. Sein Leserbrief hatte eine zweite Welle von Reaktionen ausgelöst. Darin fanden sowohl Maffay als auch Montalbán Fürsprecher.

Neben der jeweiligen Sicht der Dinge wird in den Schreiben vor allem die Vielschichtigkeit des Themas deutlich. Es geht nicht allein um Straßenbau und Landschaftsschutz. Es geht um die Bewahrung der „Idylle” Mallorcas, ein emotionaler Wert, den jeder anders interpretiert, sowie um Probleme beim Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen. „Viele von uns wünschen sich eine Portion mehr an Achtung sowie die aus früheren Zeiten bekannte Freundlichkeit und Lebensqualität zurück”, schreibt eine Leserin. Rasch beginnen manche aufzurechnen: „Wer hat denn das Geld auf die Insel gebracht?” Andere wiederum warnen vor deutscher „Besserwisserei”, dem Hang zur „Angeberei und Rechthaberei”.

Und weiter geht es bei der Diskussion um Meinungsfreiheit, Mitwirkung, Integration. Haben die Deutschen auf Mallorca das Recht, die Pflicht, sich in Angelegenheiten der Insel einzumischen?

„Die Deutschen sollen sich einmischen”, stellt dazu Josep Moll Marquès, Ehrenpräsident des Deutsch-Mallorquinischen Vereins und früherer Balearen-Politiker unzweifelhaft fest. „Wir sind in Europa. Wer sich hier niederlässt, ist Bürger und hat das Recht, mitzureden.”

Mehr noch als vom Recht spricht Kate Mentink von der Pflicht der Bürger, sich einzubringen. „Jeder hier gemeldete, ausländische Resident ist nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet, sich für seine neue Umgebung zu interessieren”, sagt die Ehrenvorsitzende der ausländischen EU-Bürger-Vereinigung Ciudadanos Europeos. Unabhängig vom Recht auf Mitwirkung gelte das Recht der freien Meinungsäußerung für jedermann, sagt Mentink, die derzeit Tourismus-Dezernentin in Calvià ist. „Jeder Tourist, der auf die Insel kommt, hat das Recht, seine Meinung zu äußern. Und uns ist es sehr wichtig, diese Meinungen zu kennen, weil, wir leben vom Tourismus.”

Das Recht auf Meinungsfreiheit und deren Äußerung wird von keinem der MM-Gesprächspartner in Frage gestellt. „Claro que sí”, sagt Tomeu Martí, Koordinator des Balearischen Kulturwerks (OCB) auf die Frage, ob sich auch Deutsche auf Mallorca in Angelegenheiten der Insel einbringen sollen. Die mallorquinische Mentalität sei geprägt von den kulturellen Einträgen, die alle Zuwanderer im Laufe der Jahrhunderte auf die Insel brachten. „Es ist sehr positiv, dass da Leute sind, die sich so integriert fühlen, dass sie in Sachen Umwelt– und Naturschutz mitreden möchten”, sagt Martí.

Während die Befragten keine Zweifel am Mitwirkungsrecht der deutschen Residenten haben, sind die auf Mallorca lebenden Bundesbürger in diesem Punkt gespalten. „Ich fühle mich werde als Gast noch als Ausländer. Ich bin Bewohner im Haus Europa und habe als Bewohner Hausrecht”, sagt etwa Horst Abel, deutscher Fleischwarenfabrikant. Als Resident habe man Pflichten, aber auch Rechte. Er möge weder „die deutsche Überheblichkeit” noch anbiedernde „Schleimkriecherei”. „Wenn einen der Schuh drückt, soll man es ruhig sagen”, so Abel.

Wolf Thiele, Hobbywinzer im Norden der Insel, setzt dagegen lieber auf Understatement: „Der Ton macht die Musik.” Thiele beschwört das Europa der Vielfalt. Das sei, anders als in den USA, der wahre kulturelle Reichtum. Vor diesem Hintergrund fühlt er sich – ungeachtet aller politischen Rechte – als Gast auf der Insel. Als solcher dürfe er sehr wohl seine Meinung sagen, habe aber zugleich Rücksicht auf die Gastgeber zu nehmen. „Ich haue Kritik nicht mit dem Hammer rein. Ich will die Leute doch nicht vor den Kopf stoßen.”

Die Frage der Mitwirkung ist immer auch verknüpft mit dem Grad der Integration der Bundesbürger in die mallorquinische Gesellschaft. Alvaro Middelmann, neben seinem Amt als Air-Berlin-Statthalter auch Präsident des Mallorquinischen Fremdenverkehrsamtes Fomento del Turismo und „Europäer des Jahres 2004” sagt dazu: „Wenn hier jemand seinen Wohnsitz hat und Steuern zahlt, hat er die gleichen Rechte wie alle. Und als EU-Ausländer steht ihm darüber hinaus auf lokaler Ebene das passive wie aktive Wahlrecht zu.”

Für Kate Mentink gehört für ausländische Residenten, so sie integriert sein wollen, mehr dazu als nur Wohnsitz, Steuerpflicht und Wahlrecht: Sie sollten sich für Geschichte und Kultur ihrer neuen Heimat interessieren und zumindest einige Worte der Umgebungssprache beherrschen, sagt die Britin.

Auch der OCB-Sprecher Tomeu Martí fordert Verständnis für die Inselkultur. „Wer sich integrieren will, sollte die Sprache hier (gemeint ist Mallorquín) zumindest verstehen. Wir können nachvollziehen, dass es für Neuankömmlinge zunächst nicht vorrangig ist, Mallorquín zu erlernen, aber wer dauerhaft hier leben will, sollte sich mittelfristig Kenntnisse der Inselsprache aneignen.” Unabhängig von seinen Sprachkenntnissen habe jeder Resident sehr wohl das Recht, sich in Inselangelegenheiten einzubringen, betont Martí. „Wir leben in einer globalisierten Zeit. Wenn Karikaturen in Dänemark weltweit solche Auswirkungen haben, dann geht ein Attentat auf die Umwelt der Insel ganz Europa etwas an.”

In der Sache selbst sehen viele Befragte den Straßenausbau so kritisch wie Maffay. „Wir haben auch deutsche Mitglieder. Sie sind in Umweltfragen sehr sensibilisiert”, sagt der Sprecher der Naturschutzorganisation GOB, Miquel Angel March. Die Umweltgruppe habe von den deutschen Residenten eher Unterstützung als Ablehnung erfahren. „Wenn uns Deutsche kopfschüttelnd fragen, wie kann es angehen, dass in einem Naturschutzgebiet gebaut wird, können wir ihr Unverständnis nur teilen.” Es sei schwer zu vermitteln, dass auf der Insel manches anders laufe. „Die Tatsache, dass es Gesetze gibt, heißt nicht, dass sie auch umgesetzt werden.”

Besteht nicht die Gefahr, dass die deutschen Residenten rasch als Besserwisser dastehen, wenn sie sich in die Tagespolitik der Insel einbringen? „Ich habe kaum Kontakt zu Deutschen, aber diejenigen, die mit uns gegen das Autobahnprojekt Inca-Manacor protestierten, waren alles andere als überheblich”, sagt Miquel Gelabert von der Plattform „Autovía No” in Sineu. Die Deutschen erschienen ihm mindestens so empört wie die eigenen Landsleute. „Vielleicht, weil sie in ihrer Heimat bereits ähnliche Erfahrungen mit Naturzerstörung gemacht haben.”

Ein anderes Thema, bei dem deutsche Residenten häufig aktiv werden, ist der Tierschutz. Hier war den Insulanern in der Vergangenheit wiederholt ein wenig verfeinerter Umgang mit den Tieren vorgeworfen worden. Alvaro Middelmann macht in diesem Zusammenhang unterschiedliche kulturelle Hintergründe aus. Es gebe Spanier, die Stierkampf mögen, und andere, die ihn ebenso ablehnten. „Aber das Bewusstsein für Tierschutz hat sich in den vergangenen 20 Jahren gewaltig gewandelt.” Auch in Sachen Umweltschutz, Abfallsentsorgung, Wasseraufbereitung habe es viele positive Entwicklungen gegeben. „Hier ist viel von Nordeuropa übernommen worden.” Gerade dieser Wandel sei am „Modell Mallorca” so spannend zu beobachten.

Pilar Arnau, die lange Zeit in Deutschland im Auftrag der Inselregierung die Verbreitung der balearischen Literatur organisierte, lehnt Pauschalisierungen, wie sie teilweise in den Leserbriefen zu finden sind, strikt ab. Dennoch die Frage: Geben sich die Deutschen auf Mallorca überheblich? „Derjenige, der viel Geld hat, ist meist der Besserwisser – so wie die Spanier in Marokko.” Am Integrationswillen der meisten Bundesbürger hegt sie gleichwohl Zweifel. „Es lässt sich gut leben in den deutschen Ghettos auf der Insel. Viele haben gar keine Lust, eine fremde Sprache zu erlernen.”

„Es gibt schon Deutsche, die die Stimmung hier arg versauen”, meint in diesem Zusammenhang auch Wolf Thiele. Alvaro Middelmann glaubt, dass es seit der unglücklichen Äußerung vom „17. Bundesland” sowie der Schnappsidee zweier CSU-Hinterbänkler Anfang der 90er Jahre, Mallorca zu kaufen, gewisse Berührungsängste seitens der Mallorquiner gebe.

Aber inwiefern sind die Ansichten Julianos Montalbáns charakteristisch für die Inselbewohner? Tomeu Martí vom OCB schätzt, dass möglicherweise die Hälfte der Mallorquiner der Ansicht sei, Ausländer sollten sich in die Belange der Insel nicht einmischen. Josep Moll wiederum glaubt, Montalbán vertritt den Standpunkt eines Einzelnen. Der Leserbriefschreiber sei in seiner Überheblichkeit ebenso zu kritisieren wie jeder andere überhebliche Mensch, „egal ob Mallorquiner, Deutscher, Österreicher, Schweizer oder was auch immer.”