Mallorcas dunkles Labyrinth

| Porreres, Mallorca |
Hier wird hart gearbeitet.

Hier wird hart gearbeitet.

Foto: Patricia Lozano
Hier wird hart gearbeitet.Nur an wenigen Stellen dringt Tageslicht in die dunkle Welt unterhalb der Erdoberfläche.Der warm-goldene Farbton sticht ins Auge: Frisch aus denWänden herausgeholte Marés-Steinblöcke.

Auf dem mit Schlaglöchern übersäten schmalen Weg zum Loch wird Pau Mora Rosselló unverhofft sentimental. Zwei Kilometer vor dem unauffälligen Eingang zum größten noch aktiven unterirdischen Marés-Steinbruch Mallorcas, sieben Kilometer südlich des Dorfes Porreres, kann der kahlköpfige Betreiber nicht mehr an sich halten: „Ich tue das, weil die Insel verdient, mit ihrer Geschichte in Verbindung zu bleiben.”

Die Aussage verwundert nicht: Marés gehört zu Mallorca so sehr wie Sobrassada, das schwarze Schwein oder die Mandelbäume. Schon zu Römerzeiten wurden Maréssteine aus den Felsen gehackt, später verwendete ihn der legendäre Architekt Guillem Sagrera (1380-1456) für den Bau der im gotischen Stil gehaltenen Fischhandelsbörse Lonja in Palma und sogar für das Castel Nuovo im fernen und damals unter spanischer Herrschaft befindlichen Neapel. Doch hatte es früher 1150 Steinbrüche auf der Insel gegeben, so sind es momentan nur noch rund ein Dutzend, wobei fast alle Steine über Tage gefördert werden. Neue Materialien wie Zement hatten dem Marés fast den Garaus gemacht.

Mit lediglich weniger als einer Handvoll Männern sägt Pau Mora Rosseló, der im Hauptgeschäft Betonpfeiler für die Industrie fertigt, seit Jahren geduldig mit etwa 70-jährigen Maschinen cremefarbene rechteckige Quader aus den Wänden, die einen unverwechselbaren leicht rosa- und zugleich goldfarbenen Touch haben. Momentan laufe das Geschäft besser als in Zeiten der Wirtschaftskrise, aber es sei halt ein Zubrot, sagt der Bau-Unternehmer.

„Das vor 115 Jahren gebaute Gran Hotel in Palma besteht ganz aus Porreres-Marés, das kirchliche Gebäude auf dem Montisión-Berg, auch die beiden Kirchen und zahlreiche Gebäude des Dorfes”, sagt Pau Mora Rosselló und zieht fast wollüstig zwei weitere Züge an seiner Zigarre, während den MM-Reporter beim Ortstermin unter Tage langsam eine angenehme Kühle umflort. „Dabei liegt die Mine auf dem Gebiet der Gemeinde Campos”, lacht Mora Rosselló. Aber der Marés aus diesem Steinbruch werde auf ewig Porreres-Marés heißen.

„Wenn ich in Palma bin, zeige ich meinen Söhnen immer die Bauwerke, für die dieser widerstandskräftige und jedem Wind trotzende Stein verwendet wurde”, sagt der Unternehmer. Dass die Kathedrale hauptsächlich aus Santanyí-Marés und Steinen aus der Gegend von Portals Nous bestehe, falle angesichts der vielen anderen Bauten aus Porreres-Marés nicht so sehr ins Gewicht.

Hier unten, 18 Meter unter der Oberfläche, beträgt die Temperatur konstant im Jahr um die 15 Grad. „Deswegen bin ich im Sommer für mein Leben gern hier drin”, lacht der in Porreres geborene und aufgewachsene Marés-Enthusiast. Er wurde bereits als Dreikäsehoch im Rahmen eines Schulausflugs in die Unterwelt hineingeführt und angesichts der Erhabenheit des Ganzen vom Stein-Virus geradezu durchschüttelt. In diesem Sinne führt der Unternehmer auch heute noch mitunter Schulklassen aus der Umgebung durch das Labyrinth. „Wenn ich das Licht ausmache, es dann wieder anmache und an einer anderen Stelle wieder auftauche, sind die dann immer ganz überrascht”, so Mora Rosselló.

Hier unten, das sind, was kaum einer vermuten mag, 230.000 Quadratmeter und 14 Kilometer lange Wege, die sich wild kreuzen und zum Teil mit dem Auto befahren werden können. „Das alles muss schon mehr als 700 Jahre alt sein”, stößt Pau Mora Rosselló auf einmal bedeutungsschwanger hervor und pafft eine weitere Zigarrenwolke in die Luft. Es ist, als umwehe ihn plötzlich physisch der Mantel der Insel-Geschichte.

„Früher kamen hier die Arbeiter zu Fuß aus Porreres hin, weil sich kaum einer ein Auto leisten konnte”, fügt der Steinbruch-Betreiber hinzu. Sie gingen hier mit Fackeln herein, deren schwarzer Ruß noch immer an den Decken auszumachen ist. Mit speziellen Spitzhacken („escodas”) holten sie im Schweiße ihres Angesichts die Steinblöcke aus den Wänden und Decken. Mit einem anderen Werkzeug, dem „tascó”, trennten sie die Blöcke. Um diese in eine geometrische Form zu bringen, benutzten sie den „tallant”. „Es war eine knüppelharte Arbeit, noch vor den 60er-Jahren waren die damals etwa 50 Beschäftigten hier so zugange”, so Pau Mora Rosselló, während er einige kurze Stalaktiten beäugt, die hier wachsen. Es sind etwa zwei Zentimeter, die sie alle 100 Jahre hinzulegen. Nach den speziellen Spitzhacken und anderen Werkzeugen wurden dann hier unten mehr und mehr Maschinen eingesetzt. Um Öl und später Wolframcarbid zu sparen, das damals für die Beleuchtung benutzt wurde, bewegten sich viele Arbeiter früher im Dunkeln traumwandlerisch in extra dafür angelegten schienenartigen Spuren, die sie zum Ziel führten.

Sie trafen hier unten auch auf in guten Zeiten 80 andere Beschäftigte, die bis vor etwa 30 Jahren Champignons züchteten. „Das wurde aber eingestellt, weil es sich mit der Zeit nicht mehr rechnete”, sagt Pau Mora Rosselló.

Doch die Steine sind im Gegensatz zu den Pilzen bekanntlich für die Ewigkeit beschaffen. „Der Porreres-Marés ist wunderbar modelierbar”, schwärmt der Pächter des Steinbruchs, der im Gegensatz zu den anders als früher nicht mehr so sehr marés-affinen Mallorquinern besonders auf seine deutschen und anderen ausländischen Kunden große Stücke hält. „Und er wird mit der Zeit extrem hart und widerstandskräftig.” Das und ohnehin die spezielle warme Farbtönung unterscheide ihn von den vier anderen Marés-Arten auf Mallorca: dem grauweißen Santanyí-Marés, dem weiß-orangenen Felanitx-Marés, dem gelblichen Arenal-Marés und dem blütenweißen Muro-Marés.

So beeindruckend der Steinbruch südlich von Porreres ist, so sehr wurmt es Pau Mora Rosselló, ihn touristisch nicht ausschlachten zu können. „Dafür gibt es zu viele bürokratische Hürden.” Er belässt es dabei, Bekannte hier hinunter zu führen, die jedesmal baff seien. Und manchmal organisiert er Lagerfeuer. „Aber was soll’s: Ich bin zufrieden, weil ich die Geschichte Mallorcas nicht sterben lasse.”

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Grottenmolch / Vor 1 Monat

....und wenn ich mir das Ganze mit Regenwasser gefüllt vorstelle - dann hat Mallorca ein schönes Rückhaltebecken mit Speicher zur Trinkwasseraufbereitung/Versorgung . Es müsste nur noch keimfrei gefiltert werden , was um Grössenordnungen billiger ist , als die Trinkwassergewinnung per Umkehrosmose .

Grottenmolch / Vor 1 Monat

Beim Lesen musste ich an Falkenburg a.d. Geul denken . In den dortigen , unterirdischen Sandsteinbrüchen gibt es alljährlich einen Weihnachtsmarkt . Die Gewölbegänge und die installierte Lichterpracht tausender Kerzen passen gut zusammen . Es sind - verständlicherweise - ausschliesslich batteriegespeiste LED-Kerzen , die teilweise täuschend ähnlich flackern . Wer genau hinsieht , erkennt , dass auch dort die Verwaltung ein strenges Mass bezüglich Personensicherheit hat realisieren lassen . Notbeleuchtung , Besucherleitung und ausreichend bemessene Fluchtwege zeugen davon ....