Schutz für Geröllfelder im Gebirge auf Mallorca gefordert

| Mallorca |
Blick auf ein Geröllfeld im Tramuntana-Gebirge auf Mallorca.

Blick auf ein Geröllfeld im Tramuntana-Gebirge auf Mallorca.

Es ist ein bisschen so wie Skifahren, nur ohne Skier und ohne Schnee, stattdessen mit Wanderstiefeln und Felsgeröll: Über einige Berghänge im Tramuntanagebirge ziehen sich enorme Geröllfelder, die aus losen, verschieden großen Gesteinsbrocken bestehen, und die man nutzen kann, um darauf in Richtung Tal zu schlittern, was denn auch viele Wandersleute tun, die den Rückweg etwas abkürzen wollen. In manch einem Wanderführer sind Lage und „Abfahrtstechnik“ sogar genau beschrieben. Was viele Ausflügler nicht wissen, ist, dass sie damit Schaden anrichten. Denn bei den Schuttfeldern, die auf Mallorquinisch Rossegueres heißen, handelt es sich um eine geologische Besonderheit, die eigentlich unter Schutz gestellt gehört.

Das finden zumindest sechs balearische Geo-Wissenschaftler, die kürzlich in der Fachzeitschrift „Cuaternario y Geomorfología“ einen 20-seitigen Beitrag veröffentlicht haben, in dem sie genau das fordern: dass fünf dieser Geröllfelder in das Inventar der besonderen geologischen Orte auf den Balearen aufgenommen und so unter Schutz gestellt werden. Diese Rossegueres verdeutlichten geologische Ereignisse und seien ein gutes Beispiel für die Veränderung des Klimas auf Mallorca im Laufe der Zeit, heißt es in der Studie. Sie hätten einen ebenso hohen wissenschaftlichen Wert, wie andere ihrer Art auf dem Festland, die bereits unter Schutz stünden. Sie zu geologisch bedeutenden Orten zu erklären, könnte zu ihrem Schutz beitragen. „Es ist schade, dass es kaum Information über die Rossegueres gibt“, sagt Xisco Roig, Geograf und Mitautor der Studie. „Sie bekommen nicht die Aufmerksamkeit, die ihnen zusteht.“

Denn die Geröllfelder sind nicht nur aus geologischer Sicht von Interesse, sondern haben auch kulturhistorische Bedeutung. Sie sind nämlich häufig Standorte der sogenannten Schneegruben oder -häuser gewesen, Cases de Neu, in denen in Zeiten, als es noch keinen elektrischen Strom zur Kühlung von Speisen und Getränken gab, Schnee zu Eis gepresst wurde. Dieses wiederum brachten die sogenannten Nevaters dann in den warmen Monaten mit Eseln ins Tal, wo sie es verkauften. Da sich unterhalb der Schuttfelder besonders viel Schnee ansammelte, waren sie bevorzugte Standorte für diese Art Eisproduktion, die es auf Mallorca bis ins 20. Jahrhundert hinein gab. Dazu kommt, dass die Rossegueres in der Regel aus einer mehrere Meter dicken Gesteinsdecke bestehen, in der sich Wasseransammlungen bilden, weshalb sich am Fuße der Schuttfelder häufig eine Quelle befindet, wie Roig erklärt.

Und auch als einzigartiger Lebensraum für bestimmte Pflanzenarten spielen die Rossegueres eine wichtige Rolle, betonen die Forscher. Dort wachsen nämlich zahlreiche Pflanzenarten, die sich vor allem durch die Fähigkeit auszeichnen, besonders lange Wurzeln zu bilden, wie etwa die Klatschnelke, das Leinkraut, bestimmte Pastinakenarten oder der Braunwurz. Je stabiler ein Geröllfeld ist und je weniger Erosion dort stattfindet, desto mehr Vegetation siedelt sich an – im Laufe der Zeit sogar in Form von Mastixsträuchern oder gar Steineichen. Die Geröllfelder verschwinden dann nach und nach unter dem Wald.

Einige der Rossegueres aber sind in ihrem Bestand bedroht, da die vielen achtlosen Ausflügler in den Bergen die Erosion vorantreiben. Am Galatzó etwa führt einer der Hauptaufstiegswege direkt über ein Schuttfeld, wo sich im Laufe der Zeit ein regelrechter Trampelpfad gebildet hat. Am Puig Tomir wiederum haben Mitarbeiter des balearischen Umweltministeriums vor einiger Zeit ein Warnschild aufgestellt, das verhindern soll, dass Wanderer die dortige Rosseguera betreten. Auch die vielen wilden Ziegen in der Tramuntana tragen zur allmählichen Erosion der Rossegueres bei.

Ob die Wissenschaftler mit ihrer Forderung Erfolg haben werden, ist noch unklar. Fest steht, dass in Spanien bereits seit 2007 neben der Biodiversität auch die Geodiversität unter Schutz steht. Dazu gehört der Erhalt des geologischen Erbes. Als solches gelten geologische Vorkommen, die einen wissenschaftlichen oder kulturellen Wert haben. Es kann sich dabei um geologische Formationen handeln, Ausformungen der Landschaft, Mineralien, Fels, Meteoriten, Fossilien, Erdarten, sowie andere geologische Phänomene, die es ermöglichen, folgende Themen zu erforschen und zu verstehen: Die Entstehung und Entwicklung der Erde, die Prozesse, die sie verändert haben, das Klima und die Landschaften der Vergangenheit und der Gegenwart, sowie Entstehung und Entwicklung des Lebens. Für Xisco Roig ist es vollkommen klar, dass die Rossegueres darunter fallen.

Die Erstellung des Inventars der geologisch bedeutsamen Orte aber kommt auf Mallorca nicht voran. Aus dem Grund hat sich auch die balearische Geologenvereinigung AGEIB kürzlich schriftlich zu Wort gemeldet. In einem offenen Brief an den balearischen Umweltminister Miquel Mir bringen die Wissenschaftler mehrere Anliegen vor, darunter auch die Forderung, das Inventar der geologischen Orte von besonderem Interesse endlich zu schaffen und den Schutz der Geodiversität voranzutreiben. Im zuständigen Ministerium heißt es dazu auf Anfrage: „Es gibt die Intention, den Empfehlungen der Wissenschaftler zu folgen und die Rossegueres unter Schutz zu stellen, wobei noch nicht klar ist, auf welche Weise das am besten geschehen kann.“ Einen Zeitplan dafür könne man jedoch nicht nennen.

Puig Tomir: Über die Südwestflanke des Puig Tomir erstreckt sich dieses Schuttfeld, das eine Größe von 16.176 Quadratmetern hat und deutliche Erosions- merkmale aufweist, da hier entlang die Wanderroute auf den Puig Tomir verläuft. Die Rosseguera begünstigte die Entstehung der Quelle Font del Pedregaret, wo sich jahrelang eine Mineralwasserabfüllanlage befand. Schon in den 50er Jahren wurden hier Stützmauern errichtet, die die weitere Erosion des Schuttfeldes verhindern sollten. Außerdem steht hier ein Warnschild, demzufolge das Betreten der Rosseguera verboten ist. Dies ist möglich, da es sich bei dem Gelände um ein Landgut im Besitz der öffentlichen Hand handelt (Binifaldó).

(aus MM 17/2020)

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