Die Bekenntnisse eines deutschen Tierarztes auf Mallorca

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Gestatten, Dr. Gordon Schier.

Gestatten, Dr. Gordon Schier.

Foto: Privat

Ein struppiger, schwarz-weißer Hund sitzt auf dem Behandlungstisch von Dr. Gordon Schier in Colònia de Sant Pere, im Nordosten Mallorcas. Der Tierarzt untersucht den Vierbeiner, und noch bevor sich der Hund und sein Frauchen versehen, hat das Tier ganz ohne Aufregung seine Jahresimpfung intus. „Fertig“, sagt Schier, und nach einer kurzen Streicheleinheit über den Kopf des Mischlings spazieren Frauchen und Hund entspannt in Richtung Uferpromenade davon, als wäre nichts gewesen.

„Einen Kittel trage ich nur bei Operationen und vor allem verwende ich ein spezielles, geruchsneutrales Desinfektionsmittel“, erklärt der 58-Jährige, das schaffe für seine vierbeinigen Patienten eine angenehme Atmosphäre.

Vor allem eine kleine Hündin aus Colònia de Sant Pere hat offenbar sogleich verstanden, dass der Mann ohne Kittel Veterinär ist, und dass er ihr zu einem Leben ohne Schmerzen verhelfen kann. „Das ist eine Geschichte wie aus einem Disney-Film“, erzählt Schier. „Die Hündin hat chronische Schmerzen am Bein und kann nicht gut laufen. Ihre Besitzerin hatte sie mir deswegen gebracht. Ich gab dem Tier eine Spritze und danach war es erst einmal gut. Monate später stand die Kleine dann plötzlich wieder mit schmerzendem Bein vor meiner Praxis. Alleine – offenbar war sie von zu Hause ausgebüxt. Sie ist mir in den Behandlungsraum nachgelaufen, hat sich ihre Spritze abgeholt und ist wieder gegangen“, erinnert er sich. Bezahlt habe ihm das bis heute niemand, aber das ist dem Tierarzt in diesem Fall egal.

Schon seit 23 Jahren betreibt Gordon Schier die Praxis, unweit vom Meer. Damals, als er mit seiner Frau, dem wenige Monate alten Sohn und seiner Dogge auswanderte, war er in der Region der einzige Tierarzt. „Meine erste Patientin war eine Katze mit Blasensteinen“, erinnert sich Schier, die 2000 Peseten, die die Behandlung damals kostete, hat er bis heute aufgehoben. Von Anfang an lief es gut in der Praxis des deutschen Tierarztes. Mallorquiner, Deutsche und andere Ausländer vertrauten Schier ihre Vierbeiner gerne an. Ob Hunde, Katzen, Pferde, Esel, Kühe, Schafe, Schweine oder auch Kamele und Alpakas – der gebürtige Gelsenkirchener behandelte und behandelt Tiere inselweit, in der Praxis oder beim Hausbesuch. „Nur keine Vögel und Fische – die kann ich besser zubereiten“, sagt er lachend und fügt hinzu: „Im Ernst, man muss auch wissen, was man nicht kann. Vögel und Fische sind beim Spezialisten einfach besser aufgehoben.“

Bei der Versorgung der Patienten, die in Dr. Gordon Schiers Fachgebiet fallen, verlässt er sich vor allem auch auf seine langjährige Erfahrung. „Es gibt Krankheiten, die kann man sehen oder erfühlen. Aber es gibt auch solche, die kann man riechen oder schmecken. Ich arbeite mit allen Sinnen“, sagt der Tierarzt. Dabei sei es auch egal, ob seine Kunden arm oder reich, prominent oder völlig unbekannt seien: „Wenn man nachts um drei im Schlafanzug dasitzt und weint – weil das geliebte Haustier gerade eingeschläfert werden musste, oder man sich freut, weil es überlebt hat – dann ist egal, wer man ist. Dann sind wir alle gleich“, philosophiert der Wahl-Mallorquiner.

Viele von Schiers Patienten haben jedoch gar keine Besitzer, denn eine seiner Hauptbeschäftigungen ist die Kastration von wilden Katzen. „Mein Rekord liegt bei 30 Katzen in zwei Stunden“, sagt er. In einem leeren Hotel in Muro habe er vor vielen Jahren wie am Fließband alle Katzen kastriert, die ihm von Tierschützern gebracht worden waren. „Die Eindämmung und Kontrolle der Straßenkatzen war und ist eine wichtige Aufgabe für uns Tierärzte“, erklärt Schier, der seit seiner Auswanderung insgesamt über 15.000 Straßenkatzen auf Mallorca kastriert hat. Der Tierschutz ist Schier wichtig und er freut sich, in dem Bereich eine deutliche Verbesserung wahrzunehmen. „Die junge Generation der Mallorquiner sieht in den Tieren ein Lebewesen und nicht nur einen Nutzgegenstand“, weiß der Veterinär. Immer öfter erklärten die Enkel heutzutage den Großeltern, wie sie auch Nutztiere anständig behandeln könnten. Das sei viel mehr wert als jedes Wort eines anonymen Tierschützers. „Ich habe aber auch schon viele Laufleinen verschenkt, um den ein oder anderen Hofhund von einer viel zu kurzen Leine zu befreien“, sagt Schier.

Seine Expertise als Arzt war aber auch schon an anderer Stelle gefragt. Zum Beispiel 2006, als in Colònia de Sant Pere der Spielfilm „Tarragona – Ein Paradies in Flammen“ gedreht wurde. Basierend auf der wahren Geschichte eines Tanklaster-Unglücks 1978 auf einem Campingplatz auf dem spanischen Festland, wurde eine Zeltplatz-Film-Kulisse am Meer errichtet und viele Bewohner des Dorfes bekamen kleine Rollen, so auch Gordon Schier, seine Frau und seine zwei Söhne. Der Tierarzt war jedoch bald mehr als nur ein Statist. „Die Schauspieler sollten zum Beispiel Brandopfer mit Mullbinden verarzten! Das ist total unrealistisch, das würde kein Arzt machen, weil man das nicht mehr aus der Wunde rauskriegt. Das habe ich denen gesagt und dann wurde ich sozusagen medizinischer Berater“, erinnert sich Schier schmunzelnd.

Aber auch schon viele Jahre vorher, 1998 bei der Geburt seines zweiten Sohnes in Palma, bewährte sich der Tierarzt mit seinen Kenntnissen als Humanmediziner. Damals gab es während der Geburt Komplikationen, weshalb ein Kaiserschnitt bei seiner Frau notwendig wurde. Weil der alarmierte zuständige Chirurg aber nach Schiers Meinung nicht schnell genug im OP war, nahm er die Sache – oder besser das Skalpell – selbst in die Hand. „Das anwesende medizinische Personal war zwar irritiert, hat mich aber machen lassen – es musste wirklich schnell gehen“, sagt Schier. So kam es, dass er seinen Sohn mit einem Kaiserschnitt selbst auf die Welt holte, das Zunähen habe er aber den Humanmedizinern überlassen.

Und so wird sich Dr. Gordon Schier auch weiterhin vor allem für das Wohl der Vierbeiner Mallorcas einsetzen. „Und Immobilien vermitteln“, sagt er, denn als Tierarzt ist er auch sowas wie der Umschlagplatz für Neuigkeiten im Dorf. „Die Leute haben immer gesagt: ,Ey Doktor, weißt du nicht ein Haus oder eine Wohnung ..?’ und so entstand die Idee eines Immobilienbüros“, erklärt er. Mit „MallorcaImmo“ hat er unweit seiner Tierarzt-Praxis einen Platz geschaffen, an dem er Verkauf und Vermietung von Immobilien im professionellen Rahmen anbietet. In Coronazeiten natürlich auch hier mit geruchsneutralem Desinfektionsmittel.

Kommentar

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Nein / Vor etwa 1 Jahr

Na, da lobt sich anscheinend jemand selbst. So wäre er sicherlich gerne. Ist er aber nicht. Ganz im Gegenteil. Wir haben ihn erlebt. P.S . Elvira, ich würde ihn mir nicht merken. Es gibt viele andere wirklich gute mallorquinische Tierärzte auf der Insel. Majorcus, Sie haben vollkommen recht.

Majorcus / Vor etwa 1 Jahr

"Krankheiten, (...) die kann man riechen oder schmecken. Ich arbeite mit allen Sinnen" - um unterscheiden zu können, ob das jetzt ein besonders guter Tierarzt oder oder ein noch besserer Selbstvermarkter ist, wäre eine unabhängige, wissenschaftliche Studie einer rennomierten Universität hilfreich. Ein Artikel in einem regonalen Online-Medium sowie die Wirkung auf Elvira könnten ein Indiz für die Vermutung eines in Eigen-Marketing Begabten sein ... Nicht immer sind die, die das Rampenlicht suchen, auch die Besten des Faches ...

Elvira / Vor etwa 1 Jahr

Ein guter Artikel. Ich werde mir diesen Tierarzt merken.