So geht flanieren in Palma de Mallorca

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Flanieren ohne Eile und idealerweise ohne Ziel. Das ist laut Spaziergangsforschern die „Höchstform” des Schlenderns.

Flanieren ohne Eile und idealerweise ohne Ziel. Das ist laut Spaziergangsforschern die „Höchstform” des Schlenderns.

Foto: dk

Die beiden Frauen sehen aus wie geborene Flaneurinnen. In eleganten, leicht wallenden Hosen, die beim Schreiten über Palmas Borne oder die Rambla herrlich hin- und herwehen können. Doch der Schein trügt. Sie sind in Eile, verschwinden in einer der Edelboutiquen am Anfang des Prachtboulevards.

Flanieren, Spazierengehen, Schlendern – worin liegt die Kunst und der Zauber? Professor Martin Schmitz muss es wissen. Der Experte an der Kunsthochschule in Kassel forscht seit Jahren zu dem Thema und wandelt auf den Pfaden des Begründers der sogenannten Spaziergangswissenschaft Lucius Burckhardt, von manchen auch Promenadologie genannt.

„Flanieren kann jeder“, stellt er direkt am Anfang klar. Ein dick eingepackter Hanseat im Schmuddelregen ebenso wie ein Mallorquiner an einem lauen Sommerabend an der Meerespromenade. Soweit die Theorie. Aber natürlich schlendert es sich genüsslicher, wenn das Meeresrauschen die Kulisse bildet und die Temperaturen über 20 Grad liegen.

Spaziergangswissenschaftlicher werden des öfteren für ihr Forschungsfeld belächelt. „Es geht vor allem um Wahrnehmung, Einordnen von Landschaft. Das kann auch eine Stadtlandschaft sein“, so Schmitz. Disziplinen wie die Medizin, Kulturwissenschaft, Architektur und Literatur bedienen sich der Erkenntnisse dieses recht ungewöhnlichen Forschungsfeldes.

Die Stadtplanung ist ein wichtiger Bereich, der Wissenswertes daraus schöpft. Lucius Burckhardt hat mit seinem Wissen die Stadtgestaltung vieler europäischer Orte begleitet. Man verdankt ihm sogar die Rettung der gotischen Altstadt von Basel. In den 70er-Jahren ging der Trend in Richtung autofreundliche Gestaltung. Als aufmerksamer Fußgänger trat er vehement gegen den geplanten Abriss ein.

Fußgänger lieben alte Städte. Verwinkelte Gassen, wie sie in Palmas Altstadt zu finden sind, laden zum Entdecken zu Fuß ein. Dabei ist kein Spaziergang wie der andere. Fragt man „Heimkehrer“ nach ihrem Flanierausflug, was sie gesehen haben, fällt jede Erzählung anders aus.

Im Sommer, wenn sich die Temperaturen erst spätabends aufs Erträgliche senken, kommen die Menschen aus ihren Häusern und nehmen die Uferpromenade bei Portitxol oder den Borne in Beschlag. Im Winter beginnt der tägliche Flanier-Rhythmus deutlich früher. Man promeniert, man zeigt sich und möchte gesehen werden. Hier ein Schwatz, dort eine Umarmung, ein Küsschen links und rechts gehörten vor Coronazeiten zu dem liebgewonnen Ritual.

„Das Spazieren ohne Ziel ist inzwischen selten geworden“, beobachtet Schmitz. Einfach umherstreifen, ohne vorher zu wissen, wohin man möchte, sich treiben lassen. Dabei ist das eine der kreativsten Formen, unterwegs zu sein. „Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass sich Gedanken und Ideen während des Gehens anders entwickeln, als wenn wir an einem Tisch sitzen”, so der Forscher.

Flanieren auf den Prachtstraßen der Städte hat bürgerliche Ursprünge. Man legte die Arbeitskleidung ab, machte sich schick und zog los. Es gab keine Zeitungen, geschweige denn Fernseher oder Internet. Die Flaniermeile war der Laufsteg, die Bühne für den Austausch.

Noch heute ziehen Paare und Familien sonntags los, die Kinder in Spanien nicht selten im Partnerlook, die Jungs in Marineblau, Mädchen in tülligen Kleidchen, die älteren Damen mit sorgfältig gelegten Frisuren. Flanierexperte Schmitz ist bei der Kleiderordnung entspannt. „Man kann sich auch Wanderschuhe oder Sportkleidung anziehen, das tut dem Spazierengehen keinen Abbruch“, sagt er. Aber auch er erinnert sich noch an seinen Vater, der beim Gang im Kurpark akkurat den Hut gegenüber Vorbeigehenden lupfte. „Die Dinge sind im Wandel“.

Auch auf Mallorca. Heute dürfen Frauen alleine draußen herumstrolchen, nicht wie in erzkatholischen früheren Zeiten, in denen junge Frauen nur in Gruppen das Haus verlassen durften und das Flanieren die einzige Möglichkeit war, einen Blick auf das andere Geschlecht zu werfen.

Auch die junge Frau im Brautkleid hat sich bewusst den Borne für ihr persönliches „Flanieren” ausgesucht. Der Fotograf ruft ihr zu, wie sie sich bewegen soll. Anmutig und elegant schreitet sie vor den Edelgeschäften entlang. Den Blick verschmitzt in die Kamera richtend. Ziellos ist das nicht. Aber schön anzusehen allemal.

Die vorbeigehenden Menschen drehen die Köpfe, einige bleiben stehen. Sehen und gesehen werden gilt auch noch heute.

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