So brachte es eine Deutsche auf Mallorca zur Kachel-Kapazität

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Die Fliesenforscherin und ihre Fotografin: Marlis Andres (r.) und Christa Berghüser haben ein Buchprojekt verwirklicht.

Die Fliesenforscherin und ihre Fotografin: Marlis Andres (r.) und Christa Berghüser haben ein Buchprojekt verwirklicht.

Foto: ecu

Fliesen sind die Leidenschaft von Dr. Marlis Andres. Schon zehn Bücher hat die pensionierte Ärztin darüber veröffentlicht, darunter ein Buch über Fliesen auf Mallorca. Auf 90 Seiten mit über 300 Fotos erläutert die Autorin den Lesern die Motive, die Herkunft und das Alter der Wand- und Bodenkacheln, die sie in den vergangenen 18 Jahren auf der Insel gesehen und gesammelt hat.

Ihre Begeisterung verdanke sie ihrem verstorbenen Mann, erzählt Marlis Andres. „Er hat mich angesteckt.” Er habe holländische Fliesen geliebt. Auf der Hochzeitsreise in die Niederlande 1964 kaufte sich das Paar das erste Exemplar. Von Anfang an fesselte das Paar die Frage: „Was steckt kulturhistorisch hinter dem Dekor?” Sorgfältig forschte es nach der Bedeutung der Motive und sah, dass Fliesen oft eine Vielzahl kultureller Einflüsse vereinigten: „Sie spiegeln die gewaltigen europäische Wanderbewegungen der vergangenen Jahrhunderte wider.”

Zur Erläuterung zeigt Marlis Andres ein Foto ihrer „Hochzeits”-Kachel. Darauf sieht man eine Blume und eine Vase umgeben von einer Moreske, das sind Pflanzenornamente in Form von stilisierten linearen Ranken. „Schauen Sie, nur die Blume ist aus Holland. Es ist eine Calendula. Die barocke Henkelvase ist italienisch und die Moresken sind maurisch.”

Wie kam es dazu? Das Ehepaar forschte weiter und fand die Geschichte der Kachel heraus: Ende des 16. Jahrhunderts kam ein italienischer Fliesenhersteller nach Antwerpen. Er brachte damit die italienische Kunst nach Flandern. Der Mann hatte sechs Söhne, die wiederum in verschiedene Länder zogen. Einer davon ging nach Sevilla. So kam die flämische Malerei nach Spanien, wo sie auf das maurische Erbe traf. „Die Fliesenkunst zog schon vor Jahrhunderten quer durch Europa, weil die Kunsthandwerker dorthin wanderten, wo sie Aufträge bekamen.”

Auch andere Ereignisse hatten Auswirkungen auf die Fliesenmalerei. „Um 1600 kaperten die Niederländer zwei spanische Schiffe, die schwer mit chinesischem Porzellan beladen waren. Dieses wurde versteigert und löste in Europa einen riesigen China-Boom aus, der sich in chinesischen Motiven auf den Fliesen widerspiegelt.”

Seit 2003 kommt Marlis Andres jedes Jahr nach Mallorca. Inzwischen wird die „Fliesenschwärmerin”, wie sie sich selbst nennt, von ihrer Freundin und Fotografin Christa Berghüser begleitet. Zusammen stöbern die beiden Frauen auf Trödel- und Wochenmärkten, gehen selbst durch kleinsten Dörfer und natürlich in alle Kirchen. Wo ungeübte Augen vorbeischauen, entdecken die beiden Fliesen, sei es unter Balkonen, an Decken oder in Häusern, die gerade abgerissen werden. „Es ist traurig, dass so viele Leute keinen Sinn dafür haben. Da kommen die Bagger und reißen einfach alles auf.”

In 53 Orten der Insel waren sie bereits. Ein zweites Buch wird bald fertig. Während es im ersten Buch um die Vielfalt der Fliesen auf Mallorca geht, soll das neue Buch den Leserinnen und Lesern die Insel und ihre Orte über die Fliesen näherbringen. Jedes Dorf habe in den Fliesen seinen eigenen Charakter. Er drücke sich zum Beispiel in der Darstellung des Kreuzwegs auf Kacheln aus. Auch in der neuen Fliesenkunst habe jeder Ort seinen Stil. „Gehen Sie einmal nach Port d’Andratx. Am Hafen stehen Steinbänke, in die viele kleine Kacheln eingelassen sind. Wenn Sie Richtung Meer auf die Bänke schauen, sehen sie blaue Kacheln, schauen Sie Richtung Berge, sind die Kacheln grün.”

Jede Fliese sei ein Kind ihrer Zeit. Ein Beispiel: Auf vielen Kacheln aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind Trauben gemalt. Das zeigt die Bedeutung des Weins für die Insel. Wer weiter forscht, erfährt mehr. „Wissen Sie, warum in vielen Inselgerichten getrocknete Weintrauben sind? Schon die Römer hatten auf der Insel Wein angebaut. Als die Araber Mallorca eroberten, erbten sie den Weinanbau. Aber der Islam verbietet Alkoholkonsum. So trockneten die Araber die Trauben und führten sie aus. Gleichzeitig fanden Rosinen Einzug in die Inselküche, und so ist es bis heute geblieben.”

Müde werden Marlis Andres und Christa Berghüser von ihrer Fliesenforschung auf Mallorca nicht. Im Gegenteil, die Insel werde ihnen jedes Jahr lieber, meinen sie. „Die Menschen sind so freundlich und hilfsbereit, wenn wir kommen und Fragen stellen.” Außerdem gebe es noch viel zu erkunden. Vor allem eine Frage lasse sie nicht in Ruhe: Jahrhunderte lang war Mallorca der Hauptumschlagplatz für Fliesen aus Italien. Im 19. Jahrhundert entstanden bedeutende Manufakturen in Pòrtol, Felanitx und Campos. Aber ob die Insel auch schon früher Herstellungsort war, ist nicht gewiss. In der Literatur lese man nur „könnte” und „vielleicht”, sagt Marlis Andres. „Ich kann es mir gar nicht anders denken.” Die Fliesenforscherin wird es sicher bald herausfinden.

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