Auf in Mallorcas Schuhmuseum

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Aina Ferrero ist die Direktorin des Schuhmuseums in Inca. Im Mai wird sie zum Finale des europäischen Museumspreises nach Estland reisen.

Aina Ferrero ist die Direktorin des Schuhmuseums in Inca. Im Mai wird sie zum Finale des europäischen Museumspreises nach Estland reisen.

Aina Ferrero ist die Direktorin des Schuhmuseums in Inca. Im Mai wird sie zum Finale des europäischen Museumspreises nach Estland reisen.Neben historischen Gerätschaften wie antiken Nähmaschinen veranschaulichen großformatige Aufnahmen das einstige Arbeitsleben in der Lederstadt Inca.

Inca ist die Schuhstadt von Mallorca. Früher existierten hier viele Schuhfabriken, einige bestehen heute noch. Das ist bekannt, aber nicht viele wissen, dass sich bis vor wenigen Jahrzehnten das gesamte Leben im Ort um die Schuhherstellung drehte. Wie das genau aussah, erzählt auf anschauliche Weise das Schuhmuseum (Museu del Calçat i de la Indústria). Das macht es so gut, dass es vom Europarat für den Museumspreis 2022 nominiert worden ist.

In der ehemaligen Kantine der Armeekaserne von Inca ist das Museum untergebracht, eine große Halle mit alten Schuhmaschinen, Wandtafeln sowie im Hintergrund ausgestellte Schuhe. Lebendig wird die Darstellung durch den Audioguide, den man über einen QR-Code auf Spanisch, Katalanisch, Englisch und Deutsch auf seinem Smartphone abrufen kann.

Der Guide ähnelt einem Hörspiel mit Dialog und Geräuschen. So kann man sich die Szenen gut vorstellen. Darin erzählt ein fiktiver Großvater seiner Enkelin von früher. Eine sprechende Schuhmaschine namens Cristina ergänzt die Schilderungen des Opas. „Cristina ist das Maskottchen des Museums”, erklärt die Direktorin Aina Ferrero.

Spannend sind auch die Berichte von Zeitzeugen. „Einen Höhepunkt erlebte Incas Schuhindustrie in den 1940er Jahren, als hier sehr viele Armeestiefel hergestellt wurden, und einen weiteren in den 1970er Jahren durch den Modeboom und die Liberalisierung der Wirtschaft in Spanien”, sagt Aina Ferrero. Viele Einwohner, die sogenannten „Inqueros”, sind Zeitzeugen. In kurzen Dokumentarfilmen – auf Katalanisch, mit spanischen oder englischen Untertiteln – berichten sie von der alten Zeit. Es ist faszinierend, wie hier Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen, da eine Welt, die ganz weit weg scheint, weil sie so anders war, doch noch so präsent ist.

Die Schuhherstellung war aufwendig. Zum Anfertigen eines Exemplars werden über hundert Arbeitsschritte und mehrere Maschinen benötigt. Um die Fabriken herum entstand eine ausgedehnte Zulieferindustrie mit Gerbereien und Manufakturen für Schuhcreme, Kartons und Zubehör. Die meisten Einwohner – Männer, Frauen, ja selbst Kinder – waren mit der Schuhherstellung verbunden. Fabriksirenen bestimmten den Tagesrhythmus. Sie hallten morgens zum Arbeitsbeginn, mittags und abends. „Jede Fabrik besaß ihren eigenen Sirenenton, den die Inqueros erkannten und nach denen sie sich auch außerhalb der Arbeit orientierten”, erklärt die Museumsdirektorin, und gibt ein Beispiel: „Wenn die Sirene von Fluxà zum zweiten Mal läutet, treffen wir uns an der Plaza”.

Die Schuhmacher hatten einen eigenen Fußballverein, den Club Esportiu Constància. In den 1940er Jahren verpassten sie nur knapp die erste spanische Liga. Die Schuhmacherfrauen kürten jedes Jahr ihre Schönheitskönigin.

Kurioses und Unglaubliches erfahren die Besucher. Zum Beispiel sieht man einen Herrenschuh mit einer etwa dreißig Zentimeter langen Spitze. Damit kann man doch nicht laufen, denkt man. „Der Träger wollte damit auf Messen auffallen”, erklärt Aina Ferrero. Früher hätten so viele Produzenten ausgestellt, dass man sich etwas einfallen lassen musste, um Aufmerksamkeit zu erzielen.

Ein altes Damenmodell hat eine seltsame Form. Man kann nicht sagen, ob es der rechte oder linke Schuh ist. „Bis Ende des 19. Jahrhunderts waren Damenschuhe für beide Füße gleich geschnitten”, erklärt die Direktorin. Vermutlich um die Arbeitsschritte zu vereinfachen und zu verbilligen. Bei Herrenschuhen hingegen habe es schon damals rechte und linke Leisten gegeben.

Ab den 1980er Jahren ging es mit Incas Schuhindustrie bergab, aber einige Fabriken konnten sich halten, sogar neue sind hinzugekommen. Im hinteren Teil des Museums werden die aktuellen Hersteller gewürdigt. Bis auf Camper produzieren sie noch auf der Insel. „Ist Ihnen schon aufgefallen, dass fast alle ausländische Namen haben?”, fragt Aina Ferrero. Das sei ein Marketinginstrument, um sich international besser zu verkaufen. Aber der mallorquinische Ursprung stecke im Namen. Zu Beispiel sei Yanko ungarisch für Joan und Camper bedeute Bauer auf Katalanisch.

Kinder können spielend und bastelnd das Schuherbe Incas erkunden. Eltern und Erzieher können zudem gemeinsam mit ihnen zum Abschluss ein Quiz machen, um die neuen Eindrücke abzufragen.

Das Museum wurde 2010 eröffnet und 2018 neugestaltet. Dazu luden die Verantwortlichen die Inqueros ein und fragten sie nach Vorschlägen und ihren eigenen Erinnerungen. Das Ergebnis sind die Audioguides und Dokumentarfilme. „Die aktive Einbindung der Bevölkerung war ein wichtiger Grund für die Nominierung zum europäischen Museumspreis 2022”, sagt Aina Ferrero.

Auch mit Nachhaltigkeit konnte das Schuhmuseum punkten. „Es wird mit Solarenergie betrieben, und Materialien von den Ausstellungen werfen wir nicht weg, wie sonst üblich, sondern verwenden sie wieder.”

Im Mai fährt eine Delegation von Inca nach Estland zum Finale im Entscheid. Das allein sei schon eine Ehre, meint die Direktorin, egal ob das Museum den Preis letztendlich bekommen wird oder nicht.

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Kommentar

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Carlos Listos / Vor 1 Monat

Tolles Museum, absolut sehenswert!