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Die Füße im Sand, das Meer nur ein paar Schritte entfernt, in den Haaren eine salzige Brise und auf dem Tisch die Paella – so lässt er sich ertragen, der mallorquinische Sommer. Also gibt es an vielen Stränden der Insel seit vielen, vielen Jahren Lokale, Chiringuitos genannt, in denen Urlauber wie Einheimische gleichermaßen gerne auf ein kühles Getränk und eine Stärkung einkehren. Manch Chiringuito ähnelt eher einem einfachen Strandkiosk mit Eisverkauf, Pommesduft und mobiler Toilette, andere haben sich im Laufe der Jahre zu angesagten Restaurants entwickelt, in denen man Tage im Voraus buchen muss, will man an einem Augustwochenende einen guten Platz ergattern.

Man sollte meinen, dass auf Mallorca beim Thema Chiringuitos Konsens herrscht. Schließlich liegt ihr Nutzen auf der Hand. Denn längst nicht nur Strandbesucher profitieren von ihrer Existenz. Für die Gemeinden, zu denen der jeweilige Küstenabschnitt gehört, bedeutet die Vergabe der Lizenzen zur Bewirtschaftung der Strände eine wichtige Einnahmequelle, häufig in Höhe mehrerer hunderttausend Euro.

Und dennoch: Die Betreiber der Strandlokale sehen sich mit immer neuen Schwierigkeiten konfrontiert. Zuletzt machten immer wieder Meldungen von Chiringuitos die Runde, die den Betrieb einstellen müssen oder nur noch eingeschränkt fortführen dürfen. Auch wenn die einzelnen Fälle unterschiedlich gelagert sind, haben sie doch eines gemeinsam: Es liegt in der Natur der Sache, dass ein Strandkiosk direkt am Meer liegt, was nun aber gleich mehrere Probleme mit sich bringt. Zum einen ist die Küste in Spanien öffentliches Gelände – es kann dort keinen Privatbesitz geben, jegliche Aktivitäten bedürfen der Genehmigung durch die Küstenbehörde. Zum anderen stehen viele Strand- und Dünengebiete Mallorcas unter Naturschutz, was den Betrieb von Chiringuitos dort erschwert.

Bereits im Jahr 2017 wurden am Naturstrand Es Trenc die bis dato festinstallierten Chiringuitos abgerissen und gegen mobile Strandkioske ausgetauscht, die zum Ende der Badesaison wieder abgebaut werden können. Gegen ein Restaurant mitten in den naturgeschützten Dünen desselben Strandes erwirkte das balearische Umweltministerium im vergangenen Dezember eine Abrissverfügung. Bereits im Jahr zuvor wurde in der Cala Torta der dortige Chiringuito dem Erdboden gleichgemacht. Zuletzt machten auch ähnliche Fälle in Can Picafort und Costa dels Pins Schlagzeilen.

Der wohl aufsehenerregendste Fall aber sind die Casetes de Capellans im Norden der Insel. Die malerische Siedlung befindet sich an der Platja de Muro, seit zum Teil mehreren Jahrzehnten gibt es dort auch drei Strandlokale, das Can Gavella, das Ponderosa und das Olimpia Opa & Oma. Die Küstenbehörde scheint nun gewillt, die Lizenzen zum Betrieb der Terrassen nicht zu erneuern. Presseanfragen zu dem Thema beantwortet man dort zwar nicht, die Betreiber der Restaurants aber fürchten das Schlimmste – und haben es in den vergangenen Tagen gar in überregionale spanische Medien geschafft. „Mallorca verliert seine berühmtesten Chringuitos”, titelte etwa die Tageszeitung „El País”.

Im Rathaus von Muro ist man ob der Aussichten erzürnt. „Ich habe keine Hoffnung mehr, dass sich das Problem noch kurzfristig lösen lässt”, sagt Bürgermeister Miquel Porquer, der ankündigt, notfalls vor Gericht zu ziehen. Der Gemeinde entgehen durch die Entscheidung der Küstenbehörde 120.000 Euro, die die Lokalbetreiber für die Strandnutzung jährlich zahlten. Dazu komme, dass 90 Arbeitsplätze in Gefahr sind. Denn in den Chiringuitos gibt es jetzt nur noch Innenbewirtung – für ein Strandlokal eine mittlere Katastrophe, wie Jaume Perelló vom Can Gavella im Interview mit dem TV-Sender Telecinco klarstellte: „Es ist eine Schande. Die Leute kommen hierher, um im Sand zu sitzen und die Aussicht zu genießen, nicht um drinnen auf die Wand zu starren.”

Ebenfalls drastisch reduzieren wird sich aller Voraussicht nach die Zahl der Chiringuitos am Strand von Es Trenc in Mallorcas Süden. Das balearische Umweltministerium, das für den Naturpark zuständig ist, zu dem der Küstenbereich gehört, hatte kürzlich dafür plädiert, dort nur noch drei Strandlokale zu genehmigen. Im vergangenen Jahr waren es noch sechs. Eine endgültige Entscheidung der Küstenbehörde steht noch aus. Als Hauptargument gilt dabei die Erosion. Laut Umweltministerium ist der Es-Trenc-Strand zwischen 1956 und 2019 um 13,5 Meter schmaler geworden. Außerdem nehme wegen des Klimawandels die Zahl der heftigen Unwetter zu. Deshalb setze man darauf, in den Naturparks die saisonbedingten Dienstleistungen herunterzufahren und stattdessen den Naturschutz zu verbessern, heißt es aus dem Ministerium.

Im Rathaus von Campos sorgt das für Unverständnis. Bürgermeisterin Xisca Porquer ließ eine Pressemitteilung verbreiten, die den Titel trägt: „Diese elende Regierung versaut uns auch diese Saison!” Das Umweltministerium wolle die Chiringuitos für die Massifizierung und die Verwahrlosung des Strandes verantwortlich machen. Sollten die Auflagen für die Strandlokale tatsächlich verschärft werden, dann werde es wohl kaum jemanden geben, der sich noch für die Bewirtschaftung interessiere – und die Gemeinde verliere wichtige Einnahmen in Höhe von mehreren hunderttausend Euro. „Für Campos bleiben nur Elend und Dreck übrig”, schließt die Pressemitteilung des Ortsvereins der konservativen PP, der auch die Bürgermeisterin angehört. Campos ist insofern ein Sonderfall auf Mallorca, weil die Gemeinde zwar über viele Kilometer Küste verfügt, trotzdem aber kaum Einnahmen aus dem Tourismus generiert, weil der Es-Trenc-Strand wegen des hohen Schutzstatus nie bebaut wurde und es auch sonst wenige Urlauber-Unterkünfte in der Gemeinde gibt.

Ein weiterer Naturpark, in dem die Regeln nun verschärft werden, ist der Parc Natural de Mondragó, der zur Gemeinde Santanyí im Südosten der Insel gehört. Nach Verabschiedung des neuen Regulierungsplans der natürlichen Ressourcen des Parks dürfen dort künftig einerseits nur noch eine begrenzte Zahl Autos und Reisebusse parken, andererseits muss der dortige Chiringuito abgerissen werden. Die Dünenlandschaft soll daraufhin renaturiert werden. An anderer Stelle kann dann ein mobiler Strandkiosk aufgestellt werden. „Wir treffen keine Entscheidungen gegen jemanden, sondern nur für das Wohl der Allgemeinheit, in diesem Fall ist das der Schutz der Naturgebiete”, heißt es aus dem balearischen Umweltministerium.

Zustimmung erhält die Balearen-Regierung unter anderem vom Naturschutzverband GOB. Deren Sprecher Toni Muñoz machte kürzlich im Gespräch mit der MM-Schwesterzeitung „Ultima Hora” klar, dass die beste Lösung aus Sicht des Umweltschutzes wäre, wenn es überhaupt keine Chringuitos mehr gäbe an Mallorcas Küste. Diese hätten nämlich negative Auswirkungen auf die küstennahen Ökosysteme, indem sie die natürliche „Dynamik von Wind und Sand” störten. Im Fall von Es Trenc habe der Strandschwund dazu geführt, dass schlicht nicht mehr genügend Platz vorhanden sei, um die vorgeschriebenen Mindestabstände zwischen Meer und Dünen einzuhalten. Auf diese beruft sich auch das balearische Umweltministerium. Es handelt sich dabei um eine Regelung aus dem Jahr 2013 – damals war die konservative PP an der Regierung, die das Vorgehen des derzeitigen Linkspaktes nun jedoch harsch kritisiert.

Das tut auch die liberale Regionalpartei PI, die wie die PP der Opposition im Balearen-Parlament angehört. Ihr Abgeordneter Josep Melià brachte nun kürzlich eine Parlamentsinitiative auf den Weg, die einen Kompromiss darstellen könnte, wie er findet. Eine gesetzliche Regelung sei nötig, die den Schutz der Ökosysteme und die touristische Aktivität kompatibel mache. Er favorisiert die Nutzung abbaubarer Chiringuitos, die lediglich in der Badesaison aufgestellt werden. Die Bewirtschaftung der Strände habe laut Melià den Nebeneffekt, dass so auch für deren Sauberkeit sowie für Liegen, Sonnenschirme und Rettungsschwimmer gesorgt sei. In vielen Gemeinden werden all diese Dienstleistungen in einer Lizenz zusammengefasst.

Wie es nun weitergeht mit den Chiringuitos auf Mallorca, ist noch ungewiss. Im balearischen Umweltministerium verweist man auf die Tatsache, dass letztendlich die Küstenbehörde für die Genehmigungen zuständig sei und man selbst, wie im Fall von Es Trenc, lediglich im Sinne des Umweltschutzes handele. Gut möglich also, dass das Chiringuito-Sterben weitergeht – und Mallorca damit um eine Tradition ärmer wird.