Christian Ziege bevorzugt "schwierige Sachen"

Palma de Mallorca |
"Wir geben nicht auf", steht auf der Wand am Parkplatz des Atlético-Stadions Son Malferit zu lesen. Das will auch niemand, jetzt

"Wir geben nicht auf", steht auf der Wand am Parkplatz des Atlético-Stadions Son Malferit zu lesen. Das will auch niemand, jetzt ist ja Christian Ziege da.

Foto: Foto: Patricia Lozano

Ein Küsschen auf die Wange für die Pressechefin, Shakehands mit dem Spieler und die Frage nach dessen Nachwuchs, der gerade unterwegs ist. Wer Christian Ziege auf dem Gelände von Drittligist Atlético Baleares erlebt, sieht einen relaxten Cheftrainer, der schon auf der Insel und bei den Menschen angekommen zu sein scheint.

Mallorca Magazin: Wie haben Sie sich so schnell eingelebt trotz des Handicaps der Sprache, Herr Ziege?

Christian Ziege: Wenn die Spieler mit mir sprechen, verstehe ich schon viel, weil ich Italienisch kann. Jetzt mache ich aber einen Spanischkurs, um möglichst schnell die wichtigsten Wörter und Begriffe aufzunehmen. Ich habe ansonsten den Fitness- und Rehatrainer an meiner Seite, der sehr gut Englisch spricht und übersetzt, wenn es um die Feinheiten geht. Es ist mittlerweile schon so, dass wir so eng zusammenarbeiten, dass er genau weiß, was ich will und selbstständig die Spieler darauf hinweist. Es dauert manchmal etwas länger auf dem Platz, aber es ist kein Problem. Zumindest sehe ich keins, denn wenn sie es nicht verstehen würden, könnten sie es nicht so umsetzen.

MM: Waren Sie selbst überrascht, wie gut das im ersten Spiel klappt?

Ziege: Ich war überrascht, dass sie viele Dinge schon umgesetzt haben. Gestern auch (ein Tag vor dem Interview hat Atlético 1:2 gegen Sabadell verloren, d.Red.), aber leider hatten sie eine Phase, wo sie sich von äußeren Dingen und dem Gegner haben beeinflussen lassen. In der zweiten Halbzeit hatte der Gegner nichts mehr zuzusetzen, aber wir konnten das nicht nutzen.

MM: Haben Sie eigentlich lange überlegen müssen, als die Anfrage aus Mallorca kam?

Ziege: In Deutschland ist gerade so eine Welle, wo nach anderen Dingen geschaut wird. Beispiel Stefan Effenberg: Von seinem Auftreten kommt er eher in deutschen Medien vor als ich. Da hat man aber gesehen, dass es schwierig ist, wenn wenig über Paderborn gesprochen wird und mehr über Effenberg. Das kann andere Vereine abhalten, so jemanden zu verpflichten. Ich will auf den Platz, ich will Fußball spielen lassen, das gibt es in Deutschland nicht oft. Die kämpfen und rennen, aber du siehst wenig Mannschaften, die wirklich Fußball spielen. Dann kam für mich die Möglichkeit, sich das hier anzuhören. Es wird eine Menge bewegt, und an so einem Projekt mitzuarbeiten und zu helfen, finde ich total spannend.

MM: Sie waren vorher noch nie in Spanien...

Ziege: Ich war schon immer offen für Sachen, die schwieriger sind. Du gehst in ein anderes Land, lernst die Sprache, lernst andere Mentalität und andere Liga kennen. Mit Spanisch ist das jetzt auch wieder so, dann werde ich das lernen und irgendwann vier Sprachen sprechen. Dann werde ich auch hoffentlich meinen Stempel in Spanien hinterlassen haben. Mein Portfolio wird größer, weil ich dann im spanischen Sprachraum arbeiten kann. Darüber bin ich sehr glücklich.

MM: Ihre Stationen in Deutschland waren nicht immer unkompliziert, Beispiel Bielefeld.

Ziege: Das Problem dort war, dass der Verein im Umbruch war, es gab wenig Geld und Fußball-Know-how. Die mussten ihr Gold und Silber verkaufen, wollten trotzdem wieder in die erste Liga aufsteigen. Mir war von vornherein klar, dass wir uns in den unteren Regionen aufhalten. Das passte nicht in das Weltbild von einigen Unternehmern. Die wollten mitreden bei Dingen, von denen sie nichts verstehen. Dann wird's ein bisschen schwierig.

MM: Und bei Ihrer bislang letzten Station in Unterhaching?

Ziege: Das hat trotz allem unglaublich viel Spaß gemacht. Wir hatten wirklich kein Geld, mussten viele Spieler verkaufen. Wenn du aber Spieler verkaufst, die du brauchst, um in der Liga zu bleiben musste ich sagen, dass ich nicht hundertprozentig daran glaube, dass die Liga zu halten ist. Das merkt irgendwann auch die Mannschaft. Deswegen habe ich gesagt, es soll sich jemand dahinstellen, der das auch glaubt.

MM: Ihr ehemaliger Co-Trainer bei Unterhaching, Francisco Copado, hätte sogar Mallorca-Erfahrung gehabt. Warum ist der nicht mitgekommen?

Ziege: Wir haben auch darüber gesprochen. Das wäre natürlich super gewesen, weil er Spanier ist. Aber er hatte andere Pläne.

MM: Welche Mallorca-Erfahrungen haben Sie vorzuweisen?

Ziege: Ich war einmal hier für drei, vier Tage im Urlaub. Dann einmal mit der Nationalmannschaft zur Vorbereitung auf die EM 2000 mit Ribbeck.

MM: Sie gelten als Familienmensch, haben Sie Frau und Kinder schon nachgeholt?

Ziege: Mein Sohn spielt in Bochum in der U19, lebt dort auch. Die große Tochter ist schon 24, die Jüngste 16 und bewacht unser Haus, mit Oma und Opa in der Nähe und ihrem Freund. Meine Frau ist mit mir hier. Das ist das einzig Ungewohnte jetzt, weil wir normalerweise sehr, sehr eng zusammen sind. Das ist ein bisschen neu, aber es ist auch schön. Zwei sind gerade da. Weihnachten sind wir bei uns zu Hause, davor drei Tage in den Bergen in Österreich.

MM: Wenn Sie zu Hause sagen, meinen Sie...

Ziege: Das ist München: Oma und Opa sind da, meine Frau kommt daher, unsere Kinder sind dort geboren. Das ist der Ort, an den man immer wieder zurückkommt. Aber irgendwann ist zu Hause der Ort, wo wir sind. Das haben wir schon oft erlebt.

MM: Kann das auch Mallorca werden?

Ziege: Das kann auf jeden Fall Mallorca werden. Mir macht es hier unheimlich viel Spaß, ich kann fußballerisch arbeiten und das auf einer Insel, auf der andere Leute Urlaub machen.

MM: Was haben Sie denn schon kennengelernt?

Ziege: Am freien Tag waren wir in Valldemossa und am Hafen, die superenge Straße heruntergefahren, superschön. Cala Figuera, auch sehr schön, Santanyí, Portopetro. Wenn wir frei haben, wollen wir immer mal los. Dann fragen wir die Spieler, wo man hingehen soll. Die meinten, in Valldemossa gibt es die beste Trinkschokolade, das war auf jeden Fall ein guter Tipp.

Die Fragen stellte MM-Redakteur Thomas Zapp.

ZUR PERSON: Christian Ziege
Der heute 43-jährige Berliner hat insgesamt 15 Jahre als Profi bei Bayern München (185 Spiele), ACMailand (39), FCMiddlesbrough (29), FCLiverpool (16), Tottenham Hotspur (47) und Borussia Mönchengladbach(13)gespielt. In der Nationalmannschaft kam er auf 72 Einsätze, wurde 1996 Europameister und 2002 Vize-Weltmeister. Als Trainer übernahm er nach einer Co-Trainertätigkeit bei Gladbach im Jahr 2010 Zweitligist Arminia Bielefeld und trainierte danach beim DFBdie U18 und U19-Auswahl. Zuletzt war er bis März 2015 beim Drittligisten SpVgg Unterhaching.

(aus MM 52/2015)


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