Passé: Wohlstand für alle

Die Einnahmen aus dem Tourismus auf Mallorca sprudeln nicht wie früher

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Menschenmassen im Ankunftsbereich des Airports von Palma.

Menschenmassen im Ankunftsbereich des Airports von Palma - ein alltägliches Bild in den Sommermonaten.

Menschenmassen im Ankunftsbereich des Airports von Palma. Antoni Riera gilt als Wirtschaftweise der Balearen.Javier Capó lehrt seit 20 Jahren Volks- und Betriebswirtschaft an der Balearen-Universität UIB.Die Schlangen vor den Arbeitsämtern sind nicht kürzer geworden.

Nahezu komplett ausgebuchte Hotels zur Sommersaison auf Mallorca und ein Flughafen, der von Juni bis September Monat auf Monat neue historische Rekorde meldet: Mallorcas Geschäft mit dem Tourismus scheint wieder wie geschmiert zu laufen, wäre da nicht ein finsterer Schatten, der auf die Sonneninsel fällt.

Denn Rekordzahlen meldet auch das Arbeitsamt: Noch nie waren in einer Hochsaison so viele Menschen auf der Insel ohne Job wie in diesem Jahr. Selbst im August - dem traditionellen Hauptreisemonat in Spanien und somit Mallorcas Monat der Vollbeschäftigung par excellence - waren mit 74.960 Registrierten fünf Prozent mehr arbeitslos als vor einem Jahr, und mehr als doppelt so viele wie in den guten alten Zeit vor der Wirtschaftskrise.

Für den Winter sind die Aussichten bitter: Im Dezember schließen so viele Hotels wie noch nie, teilte Mallorcas Hotelverband (Fehm) am Mittwoch mit: Dann stehen nur 14,2 Prozent aller Betten für Gäste bereit (2011: 15,9 Prozent).

Der für Mallorca außerordentlich ungewöhnliche Kontrast deckt auf, was Fachleute schon seit einigen Jahren voller Sorge beobachten: Der Fremdenverkehr - das sprichwörtliche Huhn, das goldene Eier legt - funktioniert nicht mehr gut genug, um ausreichend Beschäftigung und Wohlstand für die Insulaner zu schaffen.

"Der Tourismus verliert zunehmend an Zugkraft", sagt der balearische Wirtschaftsweise Antoni Riera. Der Direktor des Wirtschaftswissenschaftlichen Forschungszentums CRE, das von der Sparkasse Sa Nostra und der Balearen-Universität getragen wird, vergleicht den Tourismus auf den Inseln mit einer Lokomotive, die es zunehmend Kraft kostet, in Fahrt zu bleiben. "Es kommen zwar mehr Besucher als in den Vorjahren. Und sie geben insgesamt auch mehr Geld aus. Doch die Zuwächse bei den Ausgaben sind nicht so hoch wie bei den Besuchern." Im Klartext: Die Geldmenge, die pro Tourist auf der Insel verbleibt, schrumpft von Jahr zu Jahr.

Eindrucksvolle Zahlen dazu legt eine Studie des Hotelverbandes von 2011 vor: So ist der Anteil des Tourismus - immerhin das wirtschaftliche Rückgrat der Balearen - am insulären Bruttoinlandsprodukt von 46,1 Prozent im Jahre 2000 kontinuierlich auf 43,2 Prozent gesunken.

Noch deutlicher wird dies bei folgenden Vergleichen: Im Jahr 2011 lag das Einkommen aus dem Tourismusgeschäft inflationsbereinigt in etwa gleichauf mit dem des Jahres 2000. Um jedoch zu diesem annähernd konstanten Wert zu gelangen, mussten fast zehn Prozent mehr Urlauber die Insel besuchen als vor elf Jahren. "Das bedeutet, wir sind nicht wettbewerbsfähig, denn eigentlich hätten wir diesen Wert nach all den Jahren nun mit weniger Urlaubern erzielen müssen", sagt die Fehm-Direktorin Inmaculada Benito.

Der relative Bedeutungsverlust des Tourismussektors zeigt sich auch an anderen Rechnungsgrößen der Volkswirtschaft: So lagen die Balearen im Jahre 2000 von ihrem Pro-Kopf-Einkommen her 8,5 Zähler über dem europäischen Schnitt von 100 Punkten. Innerhalb von zehn Jahren sanken die Inseln von ihrer vorderen Position herab auf einen unterdurchschnittlichen Indexwert von 96,2 Punkten.

"Die Hoteliers verdienen an jedem Gast im Schnitt weniger als dies noch vor einigen Jahren der Fall war", sagt Javier Capó. Der Wirtschaftsprofessor an der Balearen-Hochschule rechnet vor: "So braucht der Hotelier im Verhältnis mehr Gäste als früher, um seine Betriebskosten zu decken und um seine Rendite erwirtschaften zu können."

Was aber sind die Gründe dafür, dass der Tourismus den Inseln weniger Geld einbringt als früher?

"Die touristische Wertschöpfungskette hat sich verkürzt", sagt Wirtschafts-Guru Riera. Buche heute ein Tourist seinen Urlaub auf Mallorca, so verbleibt von seinem Pauschalbetrag heute mehr Geld im Quellmarkt (sprich: der Heimat des Urlaubers) zurück als früher. Im Zielgebiet kommt dagegen weniger Geld an.

Das bedeutet indes nicht, dass etwa die deutschen Reiseveranstalter die Preise der mallorquinischen Hoteliers zunehmend drosseln. Ein wachsender Teil des Geldes, so Capó, geht für Transportkosten drauf, die wegen des Kerosinpreises gestiegen sind. Ein weiterer Faktor sind All-inclusive-Angebote, sagt Riera. Auch diese Form von Verpflegung lasse weniger Geld auf die Inseln gelangen als früher.

Die Entwicklung, dass die Gewinnmargen im Tourismusgeschäft zu schrumpfen begannen, wurde erstmals 1999 beobachtet, sagt Riera. Damals wurde zur Verrechnung der Euro festgeschrieben. Devisenvorteile, wie sie die Abwertung der Peseta gegenüber der starken D-Mark beinhalteten, waren damit Vergangenheit. Die heutige Entwicklung sei jedoch nicht dem Euro-Effekt anzulasten, sondern den Versäumnissen der Balearen-Wirtschaft, sich den neuen Bedingungen in Europa rasch anzupassen und die Produktivität zu steigern.

"Der sinkende touristische Wertzuwachs fiel volkswirtschaftlich nicht weiter auf, weil die Bautätigkeit boomte. Sie kaschierte die Entwicklung", sagt Riera. Erst als die Immobilienblase platzte, wurde mehr als deutlich, dass der "touristische Motor" den Wegfall der Arbeitsplätze am Bau und in den Zuliefererbetrieben nicht ausgleichen konnte.

Nach den Worten der Geschäftsführerin des Hotelverbandes, Inmaculada Benito, hat der Sektor 2011 und 2012 rund 5000 Arbeitsplätze geschaffen. "Wir stoßen aber an unsere Grenzen, weil es keinen Zuwachs an neuen Hotels oder zusätzlichen Betten gibt."

Nach ihren Worten haben sich die Inseln infolge des Euro-Effekts in eine teure Destination verwandelt, wohingegen die Verbraucher zunehmend preisbewusster auftreten und per Internet eine viel größere Auswahl an alternativen Zielen haben.

Der Wirtschaftsprofessor Javier Capó ist sicher: "Die politische Instabilität in Nordafrika und die Schuldenkrise in Griechenland haben Mallorca Vorteile gebracht. Ohne sie wäre die Situation noch viel schlechter."

„Produktivität steigern geht nur allmählich“

Auf die Frage, ob Sparmaßnahmen oder Beschäftigungsanreize das bessere Mittel seien, um die Balearen-Wirtschaft wieder ins Lot zu bringen, antwortet der Wirtschaftsweise Toni Riera: „Weder noch: Wir müssen die Produktivität erhöhen.“ Also aus jedem investierten Euro mehr Gewinn herausholen als bisher. Der Experte räumt ein, dass sich das leicht sagen lässt, ein Patentrezept gebe es aber nicht. Notwendig seien höherqualifizierte Jobs, die einen höheren Mehrwert erbringen als Handlanger-Tätigkeiten.

Der Wirtschaftsprofessor Javier Capó hält es für unabdingbar, ein Minimum an Wirtschaftstätigkeit aufrecht zu erhalten. Konkret bedeutet dies, den Tourismus nicht vollständig in den Winterschlaf sinken zu lassen. Andernfalls rentiere sich die Unterhaltung der auf Sommer-Volllast ausgelegten Infrastrukturen – Airport, Hotels, Gerätschaften – nicht. Notwendig seien koordinierte Lösungen, bei denen alle – Hoteliers, Gastronomen, Einzelhandel, Gewerkschaften, Steuerbehörden – an einem Strang zögen, um mehr Winterbetrieb zu generieren. Ideal wäre es, wenn statt lediglich zehn Prozent der Hotels 20 bis 30 Prozent des touristischen Angebots geöffnet bliebe. „Aber eine Steigerung der Produktivität geht nicht von heute auf morgen. Das dauert mehrere Jahre.“

Kommentar

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jordi / Vor über 6 Jahren

Die Hotels machen sich mit den Touristen alles inklusiv ihre Umsätze selber kaputt, denn diese Leute geben kein Geld an der Hotel-Bar aus.

Kurt Klein / Vor über 7 Jahren

Ich komme seit 38 Jahren immer im September und seit mindestens 20 Jahren im Januar zu Sant Antoni. Bis vor 10 Jahren waren noch viele Hotels offen und Rentner machten Langzeiturlaub. Urplötzlich hörte dieses Geschäft auf. Vielleicht, weil Hoteleigner in den Wintermonaten nur noch eine "schwarze Null" schrieben - oder weil einige meinten, sie müssten AI einführen. Dieses AI ist für Mallorca tödlich, weil im Gegensatz zur Türkei keine mega-große Hotelanlagen bestehen und der Gast in kleineren Ortschaften individuelle Ziele (Restaurants, Bars) sucht. AI macht auf Mallorca diese prägenden Geschäfte kaputt und somit den Tourismus und die Arbeitsplätze. Wenn das so weiter geht auf Mallorca, sehr ich schwarz. Das Tourismusministerium müsste sich mit Hotelverband und Vertretern der Gastronomie an einen Tisch setzen und zukunftsweisende und arbeitsplatzsichernde Konzepte - auch für die Wintermonate - erarbeiten. Ich kam einmal vor etwa 10 Jahren in Cala Ratjade ins Hotel Dos Playas und es hieß, wir sind überbucht. Der Grund war, dass viele Langzeiturlauber verlängert hatten, weil in Deutschland das Wetter so schlecht war. Wir bekamen trotzdem ein Zimmer - im Keller ein Appartment ohne Balkon - aber im Winter brauchten wir eh keinen Balkon. Das Problem liegt auf Mallorca daran, dass sich die Interessengruppen gegenseitig nicht trauen und kein gemeinsames Konzept entwickeln - ohne AI - denn mit AI geht es auf Malle bergab. Ich fahre nicht mit Freunden nach Cala Ratjada, um mich im Hotel zu besaufen und zu essen ohne Ende, weil es nicht mehr kostet. Noch ist dort das Angebot an kleinen Speisegaststätten sehr gut und vielseitig. Wenn aber der Trend zu AI weiter geht, sehe ich diese Idylle in Gefahr. Ich will Ich will all die vielen

peter / Vor über 7 Jahren

Ich flieg schon lang nicht mehr nach Mallorca!!!

Hermann / Vor über 7 Jahren

Wir wollten über Weihnachten nach Cala Millor. Leider haben nur 6 Hotels geöffnet, diese sind total ausgebucht. Ausserdem sind die Flüge mit der ohnehin schwächelnden "AIR BERLIN" zu teuer, Mitbewerber fliegen erst gar nicht. Wer im Winter keine Gäste will, hat diese auch im Sommer nicht verdient. Wann werden die Mallorcs endlich merken, dass sie direkt an dem Ast sägen,auf dem sie sitzen? Bei der Zentralregierung und bei der EU um Geld betteln, aber selbst nicht einen Finger krumm machen, oder Ideen entwickeln. Ständige Kürzungen helfen nicht, viel besser wäre es wenn die Tourismusverantwortlichen (auch die in der Regierung) darüber nachdenken würden, wie man Einnahmen generieren kann. Mit Abzocke an allen Ecken und Kanten wird das nie gelingen, auch nicht mit geschlossenen Hotels und Geschäften.