Pferde von heute sind nur noch "feine Herrchen"

| Porreres, Mallorca |
100-prozentige Handarbeit. In der Werkstatt gibt es kein einziges elektrisches Gerät.

100-prozentige Handarbeit. In der Werkstatt gibt es kein einziges elektrisches Gerät.

Foto: Foto: Patricia Lozano
100-prozentige Handarbeit. In der Werkstatt gibt es kein einziges elektrisches Gerät. 100-prozentige Handarbeit. In der Werkstatt gibt es kein einziges elektrisches Gerät. Sebastià Barceló mit der Kumte, das sind die steifen gepolsterten Ringe, die den Zugpferden um den Hals gelegt werden.

Still und unscheinbar haucht es sein Leben aus. Bald gehört es ganz der Vergangenheit an: das alte Mallorca, das Mallorca von der Zeit vor dem Tourismus. Aber wer sich beeilt, kann noch Teile davon miterleben.

Da ist zum Beispiel der Pferdesattler von Porreres, Sebastià Barceló. In einer schmalen Garage im Carrer de l' Almoina fertigt er Pferdegeschirr an, heute genau wie vor 64 Jahren, als er mit der Arbeit begann. Von Hand schneidet und näht er Riemen, Halfter, Zügel, Sattel und Kumte, das sind die steifen gepolsterten Ringe, die den Zugpferden um den Hals gelegt werden. An der Wand hängt das Werkzeug: Zangen, Hammer, Scheren, Messer und Lochzangen. Darunter liegt eine manuelle Lederpresse. Kein einziges elektrisches Gerät ist dabei.

Jeder Auftrag beginne mit Maßnehmen am Pferd, erzählt der erstaunlich fitte 80-Jährige. Über die ganze Insel fahre er dazu. Auch vom Festland kämen Aufträge, sogar bis nach Mittelamerika habe er Geschirr verkauft, berichtet er stolz. Er verarbeite robustes Rindsleder. Nur die Kumte würden aus dem weicheren Leder von Schafen und Ziegen gemacht und dann mit Flockfaser und Stroh gefüllt. Früher seien die Kumte größer gewesen. Die Pferde hätten kräftigere Hälse gehabt, weil sie hart arbeiten mussten. Heute seien es "Señoritos" (kleine Herren).

Als Kind gehörte Sebastià Barceló zu den berühmten "Blauets", den Chorknaben vom Kloster Lluc. Sie sind der älteste, ohne Unterbrechung aktive Kinderchor der Welt. Ihre blau-weißen Gewänder haben ihnen den Namen "Blauets", die Blauen, gegeben. "Wir blieben damals das ganze Jahr über im Kloster, nur eine Woche hatten wir frei. Das war nicht wie heute, wo die Kinder jedes Wochenende nach Hause fahren", erinnert sich Barceló. Streng sei es zugegangen. Sie mussten jeden Tag um sechs Uhr aufstehen, auch im Winter. In Lluc werde es kalt und Heizung wie heute habe es nicht geben. Dann habe es Exerzitien, Singen und Schulunterricht bis zum Abend gegeben. Aber er habe sich wohlgefühlt und sei geblieben, bis er 16 war.

"Dann fragte mich mein Vater, was ich werden wollte, und ich hatte keine Ahnung." So entschied der Vater den Beruf. Pferdesattler habe es damals zwei bis drei in jedem Ort gegeben, denn fast alle Familien hätten einen Ackergaul besessen, erzählt Barceló. Zweieinhalb Jahre ging er in Montuïri in die Lehre, "ohne eine Pesete zu verdienen". Dann baute er sich eine kleine Werkstatt auf. Er arbeitete immer ohne Mitarbeiter, aber mit viel Fleiß, meistens auch samstags und sonntags, heiratete, bekam einen Sohn und konnte sich bald ein Haus und ein Chalet am Strand leisten.

Doch viel zu früh starb die Frau. Statt den Lebensabend nun gemeinsam zu genießen, arbeite er weiter, meint er melancholisch, was solle er denn machen. Inzwischen sei er der letzte Pferdesattler auf der Insel. Zwar gebe es offiziell noch andere, aber die hätten nie produziert. Sie kauften das Geschirr und verkauften es weiter. Heute komme das Pferdegeschirr meist aus Thailand. Es koste um die 450 Euro und sehe hübsch aus. Bei ihm seien es 1200 Euro, aber es halte länger.

"Schauen Sie", sagt er, während er einen Zügel näht. An beide Enden des dicken Fadens hat er Nähnadeln gesteckt. Loch einstechen, Nadel durchziehen, wieder ein Loch, wieder der Faden. Ruckzuck geht das. "Wenn bei einem maschinell genähten Zügel die Naht reißt, löst sich der ganze Zügel auf. Bei mir ist nur ein Punkt betroffen."

Wütend mache ihn die schlechte Zahlungsmoral heute. Gut vier Millionen Peseten (etwa 24.000 Euro) habe er dadurch in den letzten 15 Jahren verloren. Vorkasse sei ja heutzutage üblich. Aber das gehe ihm gegen den Strich. "Und mit 80 Jahren habe ich das Recht, ein bisschen stur zu sein." Dieses Mal habe er erstmalig kein Stroh gesammelt in der festen Absicht, bald aufzuhören.

Aber Freude mache ihm die Arbeit immer noch. Seine Augen leuchten, wenn er von den Pferden erzählt. "Es gibt wunderschöne Tiere", meint er. Dabei hat der Mann, dessen ganzes Leben sich um Pferde gedreht hat, selber nie eins besessen und ist auch nie geritten.

(aus MM 46/2015)

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