Sie bringen die Mallorca-Flieger in die Luft

| Flughafen Mallorca |
Vom Tower aus hat man einen spektakulären Blick über Mallorca, nur haben die Lotsen keine Zeit, ihn zu genießen

Vom Tower aus hat man einen spektakulären Blick über Mallorca, nur haben die Lotsen keine Zeit, ihn zu genießen.

Foto: Patricia Lozano
Vom Tower aus hat man einen spektakulären Blick über Mallorca, nur haben die Lotsen keine Zeit, ihn zu genießenIm Kontrollzentrum bekommen die Lotsen Flugzeuge nur auf dem Radar zu sehen, sie kontrollieren den Luftraum über den BalearenDer Kontrollturm ragt 65 Meter hoch in den Himmel

"Have a nice day", einen schönen Tag noch, damit verabschiedet Fluglotse Toni Capo die britische Maschine in die Luft. Capo ist Leiter des Kontrollturms am Flughafen von Palma. Seit mehr als sieben Jahren arbeitet er vor einer großartigen Kulisse als Fluglotse in Son Sant Joan, dem drittgrößten Flughafen Spaniens.

Er und seine vier Kollegen haben normalerweise kaum Zeit, den Ausblick von ihrem Arbeitsplatz durch die getönten Fenster über die Insel zu genießen, denn ihr Job erfordert volle Konzentration. Im Tower herrscht stetiges Gemurmel, die Lotsen stehen im Kontakt mit den Piloten, es herrscht ein Wirrwarr an Bildschirmen und Technik, über welche die Lotsen die Flugzeuge verfolgen. Von übermäßiger Hektik ist nichts zu spüren, jeder Arbeitsschritt sitzt, um die Maschinen sicher abheben und aufsetzen lassen zu können. Allein im August starteten und landeten auf Mallorca vier Millionen Passagiere in 28.000 Flügen. Toni Capo und seine Kollegen bringt so schnell nichts aus der Ruhe.

"Nervös werde ich eigentlich nur bei Nebel und Gewitter", erzählt der Fluglotse, "oder wenn der Wind dreht und wir Start- und Landebahn tauschen müssen." Denn Flugzeuge landen und starten immer gegen den Wind. Er unterbricht seinen Satz, gibt einem landenden Flugzeug Anweisungen, welche Bahn und welcher Flugsteig angesteuert werden muss.

Im März wurde das gesamte System des Flughafentowers digitalisiert, vor dem Fluglotsen flimmern auf drei Bildschirmen die Starts und Landungen über das Radar. An diesem Morgen fliegen die Maschinen aus Richtung Küstenabschnitt Es Carnatge nach Son Sant Joan. Toni Capo blickt deshalb auch in diese Richtung, vom 65 Meter hohen Turm überschaut er die Bucht von Palma. In einer Entfernung von 20 Kilometern meldet das Radar den Flieger als grünen Punkt mit vielen Ziffern und Buchstaben, die Landezeit, Flugnummer und Startflughafen angeben, dann sind es noch drei Minuten bis zur Landung. Momente später erblickt der Lotse ihn auch in der Luft und gibt die Landeanweisungen an den Piloten durch.

Neben Capo sitzt seine Kollegin Silvia Gester, auch sie hat mehrere Bildschirme vor sich und natürlich freien Blick auf den Flughafen. "Ich bringe die Flieger in die Luft", erzählt sie. Sie vergibt die konkreten Startzeiten für die einzelnen Flüge. An diesem Morgen steht ein britischer Flieger auf der Landbahn, der eher als geplant abheben möchte. In so einem Fall muss sich die Lotsin mit der Europäischen Flugsicherung abstimmen, "denn ansonsten würde der gesamte Verkehr in der Luft durcheinanderkommen". Ob ihr so eine Verantwortung nicht zu viel wird: "Ich liebe meinen Beruf und komme aus einer Familie von Fluglotsen", erzählt die Mallorquinerin. Auf Reisen achte sie natürlich berufsbedingt darauf, was an anderen Airports anders laufe.

66 Flugzeuge können aus Sicherheitsgründen stündlich auf den beiden Bahnen des Flughafens starten und landen, das ist jede Menge Arbeit für die Flugsicherung. Fünf Lotsen sind zeitgleich im Tower tätig plus zwei, die als Ersatz zur Verfügung stehen. Insgesamt arbeiten 200 Fluglotsen im Schichtdienst an Mallorcas Airport, denn der Flughafen kann 24 Stunden am Tag angeflogen werden. Besonders britische Charterflüge machen auch von ungewöhnlichen Uhrzeiten wie zwei oder drei Uhr morgens Gebrauch.

Direktor des Towers und des Kontrollzentrums, die vom staatlichen Unternehmen Enaire betrieben werden, ist Antonio Planells. Er sitzt im Erdgeschoss des Komplexes aus dem Jahr 1983 in einem holzvertäfelten Büro. Planelles erklärt, wie das System der Starts und Landungen funktioniert: "Wir planen mittlerweile schon die Slots für den Sommer 2017." Slots sind Start- und Landegenehmigungen für einen Flughafen. In Palma werden in den Wintermonaten 8000 Slots benötigt, im Sommer hingegen bis zu 46.000 monatlich.

Gerade an Wochenenden im Juli und August gerät der Aeroport an seine Auslastungsgrenzen. "Wir gehen davon aus, dass es im kommenden Sommer ähnlich viele Flüge nach Mallorca geben wird wie in diesem", fügt Planells an. In der Hauptsaison verzeichnete der Flughafen einen Rekord nach dem anderen, allein am 13. August 2016 landeten und starteten 1119 Flugzeuge. Sechs Monate im Voraus werden mit den Airlines die Flugpläne besprochen. Diese werden von Eurocontrol, der Europäischen Organisation zur Sicherung der Luftfahrt in Brüssel, erstellt, somit werden Störungen im europäischen Flugverkehr vermieden. Die Organisation muss auch jeder einzelnen Änderung zustimmen, will ein Mallorca-Flieger beispielsweise früher als geplant starten, muss erst Eurocontrol sein Okay geben. Mit 50 Tagen Vorlauf steht der Plan und jeder Flieger kündigt drei Stunden vorher nochmal seinen Flug an.

Mehr als jeder dritte Flieger hatte in diesem Sommer auf Mallorca Verspätung, der Flughafen waren in die Kritik geraten. "Verspätungen summieren sich über den Tag", erklärt Planells. Ein Flieger startet aufgrund eines technischen Defekts beispielsweise verspätet, die neuen Start- und Landezeiten müssen genehmigt werden, wieder verstreicht Zeit. Oft können solche Verspätungen nicht mehr aufgeholt werden, sondern bringen den gesamten Tagesplan durcheinander. Auf den Balearen sind von 250.000 Flugbewegungen pro Jahr 170.000 internationale Flüge, deshalb müsse viel koordiniert werden. Streiks in Frankreich oder die Schließung des Flughafens ins Brüssel nach dem Terroranschlag dort hätten Auswirkungen auf die Flugzeiten auf Mallorca gehabt. Zudem kam der Anstieg der Flugbewegungen um zehn Prozent in diesem Jahr, so Planells weiter.

Neben dem Tower verfügt der Flughafen von Palma über eines von fünf spanischen Luftfahrt-Kontrollzentren. Es befindet sich einige Geschosse unter dem überwältigenden Tower im gleichen Komplex. Dort wird der Luftraum über den Balearen überwacht. Fluglotsen, die in dem abgedunkelten Raum jeweils zu zweit vor Bildschirmen sitzen, regeln den gesamten Luftverkehr über den Inseln. Ein Flugzeug bekommen sie dabei allerdings im Gegensatz zu ihren Kollegen weiter oben nicht zu Gesicht: "Via Radar wird jeder Flieger erfasst, der hier landet oder startet oder das Gebiet nur überfliegt", erklärt Maite Terrer. Der Flugbereich ist an diesem Tag in fünf Zonen unterteilt: drei rund um Mallorca sowie die Flugschneisen der Maschinen aus Richtung Großbritannien und Deutschland. Bis zu acht solcher Zonen sind möglich, je nach Anzahl der Flüge, die sich rund um die Balearen bewegen. In dem weitläufigen Raum herrscht Gemurmel, laut spricht niemand, die Lotsen geben Anweisungen an die Piloten durch. Verlässt ein Flugzeug den Sektor, wird es an den Kollegen im nächsten Bereich übergeben.

"Kreuzen sich beispielsweise zwei Flugrouten, entscheidet der Lotse, welcher Flieger seine Höhe reduzieren muss, damit es nicht zum Zusammenstoß kommt", erklärt Maite Terrer. Auch melden sich die Piloten im Kontrollzentrum, wenn sie ein Gewitter sehen, das sie umfliegen wollen. Auch dafür muss ein Fluglotse das Okay geben. Was sich auf den Radarbildern fast spielerisch als sich bewegende Punkte darstellt, ist in Wahrheit eine enorme Verantwortung. Deshalb sind auch zwei Personen für einen Bereich zuständig, nach zwei Stunden Arbeit sind zudem 30 Minuten Pause vorgeschrieben, deshalb stehen auch immer Mitarbeiter zum Auswechseln bereit. 37 Flüge pro Stunde kann ein Lotsenpaar überwachen, in besonderen Situationen, wenn es etwa ein Unwetter gibt, wird die Kapazität des Flugraumes allerdings herabgesetzt.

Nähern sich mehrere Flieger Mallorca, gibt das Kontrollzentrum die Reihenfolge vor, in welcher sie landen dürfen. "Das müssen die Piloten dann so hinnehmen", erklärt die Lotsin. Die Flieger müssen im Mindestabstand von anderthalb Minuten aufsetzen. 20 Kilometer bevor sie die Insel erreichen, übergibt das Kontrollzentrum an die Kollegen nach oben. Im Tower leitet dann Toni Capo den Flieger sicher in Richtung Boden.

(aus MM 41/2016)

Kommentar

Um einen Kommentar schreiben zu können, müssen Sie sich registrieren lassen und eingeloggt sein.

* Pflichtfelder

Noch kein Kommentar vorhanden.