Der Vizechef der mallorquinischen und börsennotierten Hotelkette Meliá, Gabriel Escarrer, spricht sich dafür aus, die Pandemie zu nutzen, um Party-Exzesse an der Playa de Palma sowie in Magaluf zu unterbinden.

Mit der Dachterrasse des Kongresspalastes in Palma hatte sich Francina Armengol einen besonderen Ort ausgesucht. Wer dort steht, hat freien Blick auf das Mittelmeer, auf Hafen und Bucht der Inselhauptstadt. Armengol, Ministerpräsidentin der Balearen, ließ sich dort vor einiger Zeit filmen, um an der in diesem Jahr nur digital stattfindenden Internationalen Tourismus-Börse ITB in Berlin teilzunehmen. Sie wollte eine Nachricht über den Meereshorizont hinaus in die Welt senden: „Die Balearen sind ein sicheres Reiseziel.”

Am 18. März sitzen ein paar Stockwerke tiefer zahlreiche Menschen und diskutieren über die Zukunft des Tourismus. Im Inneren des Kongresspalasts nehmen Chefs von Hotelketten sowie -verbänden Platz. Anlass ist die Vorstellung des Buches „Der Tourismus, der kommt” – eine Sammlung von Interviews mit mehr als 30 Branchenkennern zu dem Thema.

Touristen auf der Playa de Palma.
Touristen auf der Playa de Palma.

Bei den Teilnehmern der Tagung ist Aufbruchstimmung spürbar. Die deutsche Regierung hat ein paar Tage zuvor die Reisewarnung für Mallorca und die balearischen Inseln aufgehoben. Der Begriff „Mercado alemán”, deutscher Quellmarkt, fällt immer wieder. Deutsche und britische Urlauber sind besonders wichtig für Mallorca – das ist hier jedem klar.

Einer, der auf der Bühne mitdiskutiert, ist Miquel Fluxà. Er ist Chef der mallorquinischen Hotelkette Iberostar. Er sagt: „Der Tourismus der Zukunft wird digitaler werden.” Die Leute reisten vermehrt mit QR-Codes.

Ein Beispiel nennt er nicht, aber gemeint dürfte der Impfpass der Europäischen Union sein. Er soll von Juni an verfügbar und über das Handy abrufbar sein. Er enthält Informationen zu einer möglichen Corona-Impfung sowie -Tests und gibt Auskunft, ob der Reisende schon einmal eine Erkrankung durchgemacht hat.

Wie Menschen in Zukunft, also während und nach der Pandemie, Urlaub machen prognostiziert Gabriel Escarrer, Vizepräsident der ebenfalls auf Mallorca beheimateten Hotelkette Meliá. „Strand ist nach wie vor die Basis. Aber das reicht nicht mehr.” Touristen würden vermehrt authentische Orte aufsuchen. „Es geht ihnen darum, ein landestypisches Gericht zu essen oder Kulturgüter der Region anzuschauen.” Touristen seien nach Corona sensibler. „Das wird eine umkämpfte Zeit.”

Die Worte finden Zustimmung. Die Balearen wollen sich im Wettbewerb um Urlauber in Pandemie-Sommer Nummer zwei gegen Griechenland und die Türkei behaupten. Miquel Fluxà freut sich deshalb über jeden Film, der über Mallorca gedreht wird. „Wir brauchen mehr davon”, sagt der Iberostar-Chef.

Um für die Zukunft gewappnet zu sein, will er sein Unternehmen effizienter machen und Arbeitsplätze sowie Ausgaben reduzieren. „Das haben wir in der Krise gelernt.” Sein Vater gab ihm einen Tipp für gutes Wirtschaften: „Wenn du Geld bei einer Bank abholst, musst du es auch wieder zurückbringen.”

Den Auftritt der mallorquinischen Familienunternehmen komplettiert Carmen Riu, Geschäftsführerin der Riu-Hotelkette. Sie, Gabriel Escarrer und Miquel Fluxà sprechen sich dafür aus, die Pandemie zu nutzen, um Party-Exzesse an der Playa de Palma sowie in Magaluf zu unterbinden. Riu nennt das „asozialen” Tourismus. Konkret dürfte es darum gehen, dass an der Playa de Palma Öffnungszeiten von Bars und Diskotheken langfristig beschränkt werden. Mit diesen Mitteln will etwa Alltours-Chef Willi Verhuven Party-Tourismus verbieten, wie er vor zweieinhalb Wochen angekündigt hatte. Tanztempel wie Mega-Park und Bierkönig am Ballermann haben ohnehin coronabedingt seit vergangenem Jahr geschlossen.

„Antes y después”, vor und nach Corona. Die Tagung, bei der der balearische Tourismusminister Iago Negueruela das Grußwort spricht, steht ebenfalls unter diesem Motto. Doch so richtig kann niemand sagen, wie es weitergeht, wenn Touristen wieder zu Tausenden nach Mallorca kommen werden. Iberostar-Chef Miquel Fluxà meint: „Es wird weitergehen wie vorher.” Andere sagen, Tourismus müsse „nachhaltigerer” werden.

Eine, die in nachhaltigem Tourismus einen Widerspruch sieht, ist Catalina Torres. Sie ist Professorin für Wirtschaft an der Universität der Balearen (UIB) und Co-Autorin der Studie „Klima-Notfall in der Tourismuswirtschaft. Die Notwendigkeit sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Veränderung als Basis für effektiven Klimaschutz.” Die 44-Jährige diskutierte zwar nicht mit, fiel aber vor einiger Zeit mit einem Interview in der MM-Schwesterzeitung „Ultima Hora” auf.

Torres stammt aus Bunyola. Die Mallorquinerin sagt: „Die Balearen können nicht an 2019 anknüpfen und wieder 16,5 Millionen Touristen empfangen.” Sie kritisiert, dass Tourismus der Umwelt schade. Schlafplätze in Hotels müssten reduziert und touristische Vermietungen verboten werden. Dadurch würde auch der Bau neuer Siedlungen und für den Tourismus notwendiger Straßen gestoppt.

Nachhaltigkeit sei für die Tourismusindustrie nur ein Slogan, um sich zu profilieren. „Die Branche meint, etwas verändern zu können.” Dabei hinterlasse sie einen großen Fußabdruck, was mit Flugreisen beginne. „Was bringt es, die Zahl der Hotelbetten zu verringern, wenn der Flughafen seine Kapazität erhöht?” Der Tourismus müsse sich ändern, betont die Professorin. Nur wie? Das lässt auch Catalina Torres offen.