Der Kamel-Felsen ist durchaus markant. | Andreas John

Vielleicht ist es die Hitze. Oder der Rotwein vom Vorabend. Wer weiß das schon? Klar ist nur eins: Der etwa fünfminütige Aufstieg durch die schmale Felsschlucht hinauf zur Waldlichtung gerade eben hat unseren Kreislauf an die Grenzen der Zumutung gebracht. So setzen wir uns also erst einmal hechelnd unter einen Baum.

Keine halbe Stunde zuvor war der Autor dieser Zeilen vollkommen ahnungslos zusammen mit einer Gruppe von sehr viel sportlicheren Freunden vom Parkplatz unterhalb der Wanderherberge Son Amer etwas oberhalb von Mallorcas Bergkloster Lluc zu einem angeblich „kleinen Sonntagsausflug” gestartet.

Das Tramuntana-Gebirge bietet faszinierende Landschaften.

Doch von den Amigos, die gleich zu Beginn wie eine Herde gedopter Berg-Ziegen den mit „Sa Cometa des Morts” ausgewiesenen Wanderpfad unter ihre Bergstiefel nahmen, ist seit zehn Minuten nichts mehr zu sehen. Stattdessen entdecken wir im Schatten schnaufend eine Gruppe osteuropäischer Ausflügler, die gerade aus der Felsschlucht auf die Lichtung trampelt. „Donndää Camel?”, fragt mich einer von ihnen in nicht reparablem Spanisch. Bitte? Wo das Kamel ist? Immer noch etwas schwindelig im Kopf antworten wir verwirrt, dass wir Nichtraucher sind, worauf uns die Gruppe aber nur entgeistert anschaut.

Nach zweiminütigem Getuschel und dem Austausch geheimnisvoller Blicke in alle Richtungen verschwindet die slawische Trekking-Truppe plötzlich links hinter uns in einem Gebüsch.

Von unbarmherziger Neugier übermannt, nehmen wir nach einer Minute die Verfolgung auf. Hinter den Sträuchern bahnt sich ein von abertausenden Wanderstiefeln ausgetretener Kalksteinweg den Wald hinunter. Immer wieder stößt man dort auf skurril geformte Felsformationen, und auch der Boden unter uns wird Schritt für Schritt steiniger. Nach wenigen Minuten vernehmen wir plötzlich bekanntes Gelächter von irgendwo vor uns. Soso. Los Amigos haben es sich unter einem Felsvorsprung bei belegten Brötchen und Bier gemütlich gemacht, zusammen mit den Trekkie-Touris aus Osteuropa. „Äl Camel”, grüßt mich der Fragende von vorhin und zeigt auf einen Felsen, ein Stück weiter im Wald. Tatsächlich erinnert der etwa 15 Meter hohe verwitterte und von vertikalen Regenrinnen durchzogene Kalkstein an ein Wüstenschiff aus tausend und einer Nacht.

Zuweilen geht es über Stock und Stein.

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Nach halbstündiger Foto-Session-Brot-Pause machen wir uns schließlich alle zusammen wieder auf den Weg. Als wir zur Lichtung zurückkehren, einem ehemaligen Köhlerplatz, entdecke ich den etwas versteckt stehenden Wegweiser mit der Aufschrift „Es Camell”.

Auf der Lichtung folgen wir dem Weg rechts weiter hinein in den Wald. Nach fünf Minuten erreicht man eine Art Kreuzung. Wir wählen die rechte Abzweigung Richtung „Cova de Sa Cometa de Morts”, was so viel heißt, wie „Höhle der Toten”. Wer jetzt glaubt, dass es sich bei dem Namen um reine Panikmache handelt, irrt. Als wir nach etwa fünfminütigem Folgen weiterer Wegweisschilder nämlich vor dem Eingang der Höhle stehen, wird uns allen recht mulmig. Grund: Ein schmaler, abfallender Felseinschnitt führt hier knapp 30 Meter unter die Erde. Der griechische Gott der Unterwelt Hades hätte an dem Anblick seine wahre Freude gehabt.

Mancherorts gibt es Hinweisschilder.

Wir wagen dennoch den Abstieg über Felsgeröll, bis es immer dunkler wird. Die eigentliche Grotte erreichen wir letztendlich auf allen Vieren. In der rund vier Meter hohen Höhlenkammer kann man immerhin aufrecht stehen, während das Licht unserer Smartphones und Taschenlampen gespenstische Schatten an die Wände wirft.

Richtig gruselig ist auch die Geschichte der Underground-Grotte. Mitte des 20. Jahrhunderts fand man hier bei Ausgrabungsarbeiten ein Skelett sowie andere menschliche Knochenreste, die nach Ansicht der Archäologen aus dem 4. Jahrhundert vor Christus stammen. Das Skelett wurde nach seiner Entdeckung im Kloster als Sightseeing-Attraktion ausgestellt.

Also nix wie raus aus der Toten-Höhle und zurück ans Tageslicht. Dort folgen wir den Wegweisern zum Landgut Binifaló, das unterhalb des über 1000 Meter hohen Gipfel des Puig de Tomir liegt. Von dort geht es weiter Richtung der öffentlichen Finca „Es Menut”. Kurz bevor man die Gebäude erreicht, in denen unter anderem eine Baumschule untergebracht ist, geht es rechts hinunter Richtung Kloster Lluc. Zuerst in Kehren, später in einer lang gestreckten Gerade führt dieser Weg 25 Minuten durch einen malerischen Kiefernwald bis zum großen Innenhof des Klosters.

Und dort passiert es: Nach der Ankunft freuen wir uns wie Bolle, den Tag doch nicht wie eigentlich geplant auf dem Sofa verbracht zu haben.