Die Tage der Bar Cristal auf Mallorca sind gezählt

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Voraussichtlich noch bis August werden die Mitarbeiter der Bar Cristal Kaffee und Teigschnecken servieren.

Voraussichtlich noch bis August werden die Mitarbeiter der Bar Cristal Kaffee und Teigschnecken servieren.

Foto: P. Lozano

Montag, 6. November, 28:18 Uhr, so die etwas kuriose Zeit- und Datumsangabe der Wanduhr in der Bar Cristal an der Plaça d'Espanya in Palma. Ein Plakat erinnert an das Jahr 1955, als die Eltern von Tolo Ramis das Lokal als Pächter übernommen hatten. Ein bisschen scheint im Gastraum die Zeit stehen geblieben zu sein. Während drinnen ältere Einheimische sitzen, sind auf der Terrasse auch Touristen zu finden.

Es ist wohl die letzte Saison für die denkmalgeschützte Bar mit ihrer Jugendstil-Fassade und dem Dekor im Inneren, das teilweise noch aus dem Gründungsjahr 1930 stammt. "Im August läuft der Mietvertrag aus", bestätigt Tolo Ramis seit Wochen in der Öffentlichkeit kursierende Informationen. Ansonsten gibt sich der Mallorquiner schmallippig, entschuldigt sich mit einem anstehenden Geschäftstermin und ist anders als vereinbart auch nicht für telefonische Nachfragen erreichbar.

Das dürfte vor allem damit zu tun haben, dass die Familie sich wenig bis gar keine Chancen auf weiteren Aufschub ausrechnen kann. Eine 2015 in Kraft getretene Mietrechtsreform macht Schluss mit Altverträgen aus der Zeit vor 1985, die zulasten der Eigentümer unter Beibehaltung uralter Konditionen immer wieder zwangsverlängert werden konnten, wenn die gewerblichen Mieter es so wollten. Letztmals war das für die Bar Cristal im Sommer 2014 der Fall. Drei Jahre später wird nun der freie Markt darüber entscheiden, wer das Gebäude in Zukunft nutzen darf.

Bei einer Miete von 150 bis 200 Euro pro Quadratmeter ergibt sich ein monatlicher Betrag von rund 25.000 Euro. Eine Pacht, die mit "Café con leche" für 1,60 Euro oder Ensaimada-Teigschnecken unmöglich aufzubringen sein dürfte. Auch wenn sich die Beteiligten über die derzeitige Miete in Schweigen hüllen, ist klar, dass es um eine Vervielfachung der bisherigen Summe geht.

Unter den Interessenten für das Lokal sollen unter anderem die Mobilfunk-Anbieter Orange und Vodafone sein. Die Drogerie Müller, KFC und ein Franchise-Lokal mit billigen Tapas sind an der Plaça bereits präsent. Neben dem Burger King wird im Sommer eine McDonalds-Filiale öffnen. Der Bauzaun steht bereits, ohne dass die Promotoren offenbar anpreisen wollen, wer hier bald einzieht. Vielleicht soll es der Bevölkerung noch nicht allzu deutlich werden, dass die alten Zeiten vorbei sind, und auch im Herzen von Palma längst die Globalisierung Einzug gehalten hat.

Vorerst keine Stellungnahme zu den Entwicklungen gibt es auch von der Familie Isern, den Vermietern der Bar Cristal. Kety Isern, eine Cousine von Palmas ehemaligem PP-Bürgermeister Mateu Isern, ist gleichzeitig Eigentümerin des "Café 1916" nebenan, das zwischen Burger King und Telefon-Shop künftig vielleicht das einzige Traditionslokal am ganzen Platz sein wird. "Wir wissen nichts von einer Schließung", tritt der diensthabende Schichtleiter im MM-Gespräch jedenfalls anderslautenden Spekulationen entgegen. Anders als bei den Nachbarn sei das Lokal schließlich nicht gepachtet, sondern in Familienbesitz.

Die in geschwungenen goldenen Lettern an der Tür angebrachte Jahreszahl "1916" verweist übrigens auf die Fertigstellung des von Architekt Gaspar Bennassàr geplanten Gebäudes vor gut 100 Jahren. Der Holzimporteur und Reeder Gaietà Segura hatte es damals auf einem Grundstück errichtet, das durch den Abriss der alten Stadtmauern frei geworden war. Die Jugendstil-Elemente werden künftige Pächter und Eigentümer zu erhalten haben. Ob der "Café con leche" in 1a-Lage der Inselhauptstadt auch in ein paar Jahren noch für 1,60 Euro zu haben sein wird, ist allerdings eine andere Frage.

(aus MM 19/2017)

Kommentar

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Tuttifrutti / Vor über 4 Jahren

Gebt den Pächtern einen Mietvertrag mit einer vernünftigen Miete und lasst alles so wie es ist. Kein Mensch braucht ein weiteres Fastfood Lokal. So ein schönes Objekt ist doch eine Bereicherung für einen solchen Platz und ganz Palma. Macht eure schöne Stadt nicht kaputt.

Loli / Vor über 4 Jahren

Es ist jammerschade, so, wie hier, verschandeln gewisse Neumieter das Bild einer Traumstadt.

Lisa / Vor über 4 Jahren

Bei allem Verstaendnis fuer die Wertschoepfung seitens der Eigentuemer, ist es jammerschade mitanzusehen, wie ein emblematisches und traditionelles Geschaeft nach dem anderen weichen muss. Wie allerdings Vodafone oder Orange diese Mieten aufbringen wollten, bleibt fragwuerdig, abgesehen davon, dass deren Erscheinungsbild in diesem denkmalgeschuetzten Gebaeude graesslich aussehen wuerde.