Sprunghafte Stromtarife

| Mallorca |
Die Stromrechnung sorgt in vielen spanischen Haushalten für Ärger, auch auf Mallorca.

Die Stromrechnung sorgt in vielen spanischen Haushalten für Ärger, auch auf Mallorca.

Foto: Foto: Pixelio

Auf dem spanischen Strommarkt gelten seit April 2014 neue Spielregeln, die auch auf Mallorca für die Verbraucher neue Rahmenbedingungen und eine gewisse Verwirrung mit sich gebracht haben. Nach etwas mehr als einem Jahr fällt die Zwischenbilanz nicht unbedingt positiv aus.

Statt des in der Vergangenheit gewohnten staatlich regulierten und für jedes Quartal neu festgelegten Endkundentarifs (TUR, "Tarifa de Último Recurso") gibt es nun einen Preis, der von Stunde zu Stunde schwankt und die monatliche Abbuchung somit noch etwas unberechenbarer macht, als es durch haushaltsübliche Verbrauchsschwankungen in der Natur der Sache liegt. "Precio Voluntario para el Pequeño Consumidor" (PVPC), also "freiwilliger Preis für Kleinkunden" lautet die Bezeichnung für das europaweit wohl einmalige System, das von Industrieminister José Manuel Soria eingeführt wurde, um den Preis nicht jedes Quartal aufs Neue in Abhängigkeit von einer zentralen Stromauktion per Verordnung festlegen zu müssen.

Stattdessen orientieren sich die Kosten nun am stundenaktuellen Kurs an der Strombörse, die von Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Hinzu kommt allerdings eine feste Abgabe für den Stromtransport, die etwa die Hälfte ausmacht und in den Preis pro Kilowattstunde einkalkuliert wird.

Angenehmer Nebeneffekt für die Regierung ist, dass das Thema Strompreis nicht alle drei Monate in den Medien breit getreten wird.

Ob es dadurch wirklich günstiger für die Abnehmer wird, ist eine andere Frage. Allein im zweiten Halbjahr 2014 ist die Rechnung laut Statistik etwa 4,1 Prozent teurer geworden.

"Der Tarif ist intransparent und widerspricht europäischem Recht", kritisiert Alfonso Rodríguez vom balearischen Verbraucherschutzverein Consubal. Das gehe aus einem EuG-Urteil von Oktober 2014 hervor, demzufolge die Konsumenten im Voraus über Preiserhöhungen zu informieren seien. Wovon in einem System mit stündlichen Schwankungen natürlich keine Rede sein kann, auch wenn der spanienweite Stromnetzbetreiber REE mittlerweile das Online-Tool "Lumios" zur Verfügung stellt. Damit lassen sich zumindest kurz vor dem Monatsende die Kosten abschätzen, wenn es auf dem Konto einmal eng werden sollte.

Zudem lässt sich täglich ab 20.30 Uhr für den bevorstehenden Tag die Preiskurve im Internet abrufen. Voraussetzung für den Stundentarif ist aber das Vorhandensein eines digitalen Stromzählers, den auf Mallorca etwa 50 Prozent der Haushalte besitzen. Ansonsten spielt der Stundenpreis zwar auch eine Rolle, es wird aber ein Durchschnittswert zu Grunde gelegt, der auf der Grundlage von sechs verschiedenen Verbrauchsprofilen berechnet wird.

Verunsicherten Kunden raten die Stromunternehmen zum Abschluss eines Festpreis-Vertrags auf dem "freien Markt", teilweise auch mit Hilfe von aggressiven Vertriebsmethoden. Solche Verträge unterliegen nicht der staatlichen Regulierung und bieten über das ganze Jahr stabile Tarife. Gleichzeitig sind sie aber auch frei verhandelbar und können je nach Kleingedrucktem nach einem Jahr zu teureren Preisen führen.

In vielen Fällen ist zudem die Ausgangsbasis höher als beim Stundentarif, der sich zwischen zehn und 12,5 Cent bewegt, punktuell aber auch mal neun oder 15 Cent erreichen kann. "Wir raten eher zum PVPC-Tarif. Bei den Angeboten auf dem freien Markt handelt es sich oft um Scheinrabatte oder die Ersparnis ist nur minimal", so der Rat von Verbraucherschützer Alfonso Rodríguez.

STROM IM EU-VERGLEICH TEUER

Elektrische Energie wird in Spanien immer teurer. Das vor der Krise noch als billig bekannte Land liegt bei den Kosten mittlerweile auf Rang vier in der EU. Nur Dänemark, Deutschland und Irland sind noch teurer. Laut Verbraucherschützern war der Strom im Oktober 2014 zum Beispiel 18 Prozent teurer als im Januar vor der Einführung des PVPC-Tarifs. Je nach Monatsvergleich kann der Unterschied wegen der Schwankungen aber auch geringer ausfallen. Im Schnitt bezahlen die spanischen Stromkunden derzeit 23,7 Cent pro Kilowattstunde, wobei allerdings die Grundgebühr eingerechnet ist. Sie hängt von der individuell vereinbarten Gesamtleistung („Potencia Contratada”) ab.

Abrufbar sind die sprunghaften Stundentarife übrigens für jeden Kalendertag unter www.esios.ree.es/pvpc.

(aus MM 23/2015, aktualisiert am 4. Juli 2015)

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