Wenig Herz für Camper auf Mallorca

| Mallorca |
Diese Familien aus Palma machen es sich auf dem Parkplatz an der Cala Agulla gemütlich

Diese Familien aus Palma machen es sich auf dem Parkplatz an der Cala Agulla gemütlich.

Foto: Schittelkopp

"So können wir richtig entspannen", sagt Uwe Riek, der seit über 40 Jahren auf Mallorca lebt. Er und seine Frau Marie-Claire Depraz sind Mitglieder im mallorquinischen Wohnmobilclub, dem 100 Fahrzeuge und 200 Campingfreude angehören. Fast jedes Wochenende fahren die Mitglieder ins Grüne oder ans Meer. An diesem Samstag haben Uwe Riek und Marie-Claire Depraz in Port Vell an der Ostküste Halt gemacht. Dort hat die Gemeinde einen Stellplatz für Wohnmobile eingerichtet, es gibt einen Wasseranschluss sowie die Möglichkeit, Dreckwasser abzulassen. Es ist einer von wenigen Orten auf Mallorca, wo die Camper ungestört ihrem Hobby nachgehen können. Denn echte Campingplätze, wie man sie aus anderen Gegenden kennt, gibt es auf der Insel nicht.

"Die Städte und Dörfer nehmen Camping gar nicht als Tourismus wahr", sagt Riek, das sei auf dem spanischen Festland anders. Vielmehr versuche man das Abstellen der Wohnmobile zu unterbinden. "Dabei dürfen wir überall parken", erklärt Joaquin Valiente aus Palma. Er und seine Frau Dolores Aviles gehören ebenfalls dem Wohnmobilclub an. Im Seitenfenster von Valientes Wagen hängt ein Papier mit dem Verweis auf die Straßenverkehrsordnung und der Hinweis, dass mit seinem Fahrzeuge nicht gecampt werde. Denn stehen dürfen die Fahrzeuge laut Verkehrsordnung auf allen legalen Stellflächen. Auch darf darin übernachtet werden, solange die Camper keine Markise ausfahren oder Tische und Stühle aufstellen. Denn das ist auf Mallorca verboten, es drohen hohe Geldbußen. Ebenso wie wildes Zelten: So kontrollierte die Polizei in den vergangenen Wochen massiv im Bereich der Cala Varques.

"Wir sagen unseren Kunden immer, dass sie nicht den Camper raushängen lassen sollen", sagt Jungunternehmer Alexander Bocks. Dazu zählt kein Feuer zu machen, abends Tische und Stühle ins Fahrzeug zu holen, Müll einzusammeln und keine Handtücher in den Bäumen aufzuhängen. Er und seine Freundin Jill-Catrin Vinkmann vermieten VW-Bullis an Urlauber und Residenten. "Wir sind allerdings keine Wohnmobil-Vermietung im klassischen Sinn", betont Bocks, vielmehr seien die kultigen Bullis dafür gedacht, "ein Gefühl von Freiheit zu vermitteln".

Mit den 50 PS starken Fahrzeugen könne man gut die Insel erkunden, allerdings keinen typischen mehrwöchigen Campingurlaub verbringen. Wer bei Lazy Bus einen VW-Bulli mietet, bekommt die schönsten Stellplätze der Insel verraten, wo man auch mal eine Nacht verbringen kann. "Unsere Kunden wollen Mallorca anders entdecken", sagt Jill-Catrin Vinkmann. Sie besuchen die lokalen Märkte, kaufen in den örtlichen Geschäften ein und gehen abends im Restaurant essen. "Sie lassen mehr Geld auf der Insel als ein Pauschalurlauber", betont Bocks. Dennoch werde diese Art von Tourismus auf Mallorca nicht gefördert, alternativer Urlaub gelte noch immer als billig. Das sei aber falsch.

Avel·lí Blasco Esteve, Professor für Verwaltungsrecht an der Balearen-Universität, hat sich mit dem Thema Campingplätze auseinandergesetzt. Er sagt, dass "Camping-Tourismus vom ersten Moment an eingeschränkt wurde". Bereits mit dem Tourismusdekret von 1986 wurde die Errichtung von Campingplätzen mit so hohen Auflagen belegt, dass "es in der Konsequenz dazu führte, dass es praktisch keine solche Einrichtungen gibt", und wenn - wie auf Ibiza oder Menorca - stammen aus der Zeit vor 1986. "Die Entscheidung gegen Campingplätze ist klar politisch." Tourismusminister Jaume Cladera, der die Politik von 1983 bis 1995 prägte, sei ein bekannter Hotelier gewesen. Die Hoteliersvereinigung sei immer gegen solche Anlagen gewesen; diese Art von Tourismus war und ist nicht erwünscht, sagt Blasco Esteve.

"Das nächste große Vorhaben nach der Regulierung der Ferienvermietung wird die Überholung des Tourismusgesetzes", heißt es auf MM-Anfrage aus dem balearischen Tourismusministerium. Dabei werde man auch die Möglichkeit prüfen, Campingplätze einzurichten.

Ein solcher Campingplatz will die ländliche Jugendherberge Hipocampo bei Cales de Mallorca werden. "Vor drei Jahren wurde mir die Genehmigung für einen Wohnmobilstellplatz verwehrt", erzählt Betreiberin Chelo de Gali Frau. Doch sie will es wieder versuchen. Seit 30 Jahren führt sie die Jugendherberge mit Zeltmöglichkeit. Zu ihr kommen Jugendgruppen aus ganz Mallorca, aber auch Familien und junge Urlauber wie die Schweizer Studenten Peter Rohner und Severin Spälti: "Wir sind zum Klettern hier", erzählen sie. Neben 23 Mehrbettzimmern steht Platz für 80 Personen zur Verfügung, die zelten können. Es gibt einen Pool und einen Tennisplatz, die Anlage hat das ganze Jahr über geöffnet. Um im Hipocampo übernachten zu können, müssen Residenten Mitglieder im Verein werden, Touristen sind auch so willkommen.

Nicht jeder Camper wünscht sich einen Campingplatz. Isabel und Silvia Sánchez, Frederico Ramírez und Marius Oleszczak aus Palma fahren mit ihren Familien fast jedes Wochenende mit den Wohnwagen raus. Zurzeit steuern sie gern den Parkplatz an der Cala Agulla an. Dort können sie in Ruhe stehen. "Früher waren wir immer in Son Serra de Marina", erzählen sie, doch dort wurde das Parken in erster Reihe mittlerweile verboten, "und der neu ausgewiesene Platz ist furchtbar." Einen Campingplatz wünschen sie sich nicht: "Dann dürften wir bestimmt gar nicht mehr woanders stehen", sagen sie. Dabei sei die Freiheit, die man mit einem Wohnmobil habe, gerade das Reizvolle.

"Mit dem Wohnmobil können wir hinfahren, wo wir wollen" erzählt das Ehepaar Freitag aus der Nähe von Mainz. Die Freitags kamen per Fähre mit ihrem Wohnmobil aus Deutschland zum Urlaubmachen auf die Insel. Billig war die Überfahrt nicht. Sie waren erst in der Tramuntana und dann an der Ostküste unterwegs. Auf Mallorca sei die Suche nach Stellmöglichkeiten eine Herausforderung gewesen: "Wir habe im Internet private Plätze gefunden, die es mittlerweile schon nicht mehr gibt."

IN DER NATUR ÜBERNACHTEN

Das balearische Umweltinstitut Ibanat verwaltet drei Zeltplätze:

Es Pixarell in Escorca, Tel. 971-517070, und
Sa Font Coberta am Kloster Lluc, Tel. 971-517083 (dort können auch Wohnmobile stehen) sowie
S'Arenalet, Tel. 971-177652, im Naturpark Llevant.

Gruppen können über die Fundació Maria Ferret (www.fundaciomariaferret.org) Zeltplätze in Alcúdia, Sóller, Son Serra de Marina und Sencelles reservieren.
Wohnmobile können auf dem Stellplatz in Port Vell (Son Servera) oder an der Cala Agulla stehen.

(aus MM 38/2016)

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Irene Kastner / Vor über 2 Jahren

Vielen Dank! Dies hat mir persönlich sehr viel geholfen.

Blitzgneisser / Vor über 3 Jahren

Wieder so eine Sauerei der Hoteliers auf Mallorca. Die bisherigen Mallorca - Regierungen kommen mir irgendwie als Erfüllungsgehilfe der Hotelierlobby vor.