Traditionsgemetzel auf Mallorca

| Sóller, Mallorca |
Am Hauptplatz von Sóller beginnt und endet der Großevent

Am Hauptplatz von Sóller beginnt und endet der Großevent.

Foto: J. MOREY

"Ich wusste gar nicht, dass England heute gegen die Türkei spielt", sagt ein Tourist, als er die bettlakengroßen Fahnen am Rathaus von Sóller hängen sieht. Seit Wochen weht in dem Ort im Tramuntana-Gebirge auf Mallorca die christliche Flagge mit dem Georgskreuz, als Symbol für die Sóllerics, die am Montag, 15. Mai, gegen die Mauren kämpfen werden. Die Mauren-Flagge, die rote mit dem Halbmond ohne Stern, hängt auch am Rathaus. Und nicht nur hier: Beinahe an jedem Balkon, Fenster, Baum und Zaun. Man sieht und spürt: Der ganze Ort fiebert der großen Schlacht, der "batalla" entgegen.

Am Montag, 15. Mai, wird die historische Schlacht in dem Bergdorf nach gespielt (siehe Veranstaltungskalender). Damals, am 11. Mai 1561, siegten die zahlenmäßig unterlegenen Sóllerics im Kampf gegen die Korsaren. Der Helden wird jährlich beim Firó gedacht. Für die Bewohner Sóllers ist das Ereignis viel mehr als ein Volksfest, "es ist für uns eine wichtige Tradition, eine Herzensangelegenheit", so Xiscu Martorell.

Er ist Vorsitzender des "Col·lectiu de moros 11 de Maig", der Vereinigung der Mauren. Für die Sóllerics gibt es zwei "Col·lectius": Rafel Pujol leitet die "Pagesos", also der männlichen Sóllerics, und Teresa Sebastían ist Vorsitzende des "Col·lectiu de pageses", der weiblichen Christen. In den 90er Jahren gründeten Bürger des Ortes diese Vereine, um in Eigenregie Logistik und Organisation des Events zu übernehmen: "Wir kümmern uns um alles: die Pyrotechnik, die Snacks, wir verteilen Aufgaben und besorgen das Schießpulver", so Teresa Sebastián. Die Vereinigungen treffen sich nicht nur kurz vor dem Event, "nach dem Firó ist vor dem Firó", so Martorell, der sich am Montag selbst wie ein Maure verkleiden wird. Schon in den Sommermonaten finden alle vier Wochen Versammlungen statt, im Frühjahr dann wieder wöchentlich. Außerdem, so Teresa Sebastián "sind viele Mitglieder befreundet, wir gehen auch oft zusammen aus".

Seit Ostern sprechen die Sóllerics über kaum etwas anderes mehr als über die Fira und ihren Haupttag, den Firó. Die Schauspieler, die am inszenierten Gemetzel teilnehmen, freuen sich lange auf den Tag und kramen längst ihre Requisiten zusammen, erklärt die 27-Jährige: "Sie holen die Schwerter und Hüte aus den Kisten, die Schuhe werden geputzt und die Blusen gewaschen", damit am Tag der Schlacht alles bereit sei. Nicht alle Vereinsmitglieder machen bei dem Event mit, so Teresa Sebastían: "Einige ältere Damen helfen, die Trachten zu flicken oder schmieren die Brote." Aber auch die anderen Frauen, die sich in weiße Kopftücher, hochverschlossene Blusen und lange Faltenröcke hüllen, kämpfen bei der Schlacht nicht aktiv mit. Mit 1800 Mitgliedern in der Vereinigung sind die Damen in Sóller sehr präsent, verglichen zu ihren 900 männlichen Vertretern, die dann auch tatsächlich das Schwert in die Hand nehmen. Die Vereinigung der Mauren zählt 1300 Mitglieder. Wer welcher Gruppe angehört, das sei ganz individuell: "Einige sind Mauren, weil die Verwandten oder Freunde auch Mauren sind. Andere finden Piraten einfach cooler", erklärt Xiscu Martorell. Jede Vereinigung hat eine eigene Flagge und an fast jeder Hauswand hängt eine. "Natürlich zeigen damit viele deutlich, für welche Truppe sie sind, aber die meisten hängen einfach alle Flaggen aus dem Fenster", so Rafel Pujol.

Im letzten Jahr standen 3000 Mauren und Christen auf dem Schlachtfeld, dieses Jahr wurden insgesamt 8500 Armbänder bereitgestellt, 3500 davon für Zuschauer. Wer keines der Papier-Bändchen ergattern konnte, kommt nicht auf den Platz und sieht und hört das Fest nur aus der Ferne. Niemand hat etwas gegen Zuschauer, die sich anmelden, aber Saufgelage der Jugendlichen wolle man verhindern. "Die kommen meistens aus den Nachbarorten", so Martorell, "um sich dann beim Firó zu betrinken."

Um die Teenies gar nicht erst anzulocken, gibt es in diesem Jahr keinen Dj am Abend. "Wir werden den Event in den Bars und Restaurants am Platz in Ruhe ausklingen lassen", sagt der 49-Jährige. Martorell gehört zu den wenigen, die am Tag nach der Schlacht arbeiten müssen. Die meisten Sóllerics nehmen sich für den Tag danach frei, der Montag ist in Sóller Feiertag.

MEHR SICHERHEIT

In diesem Jahr wurden die Sicherheitsvorkehrungen für den Großevent noch einmal verschärft. Der Einlass zum Hauptplatz wird nur denjenigen vorbehalten sein, die ein entsprechendes Armband tragen. Außerdem werden verstärkt Alkoholkontrollen in den umliegenden Straßen sowie am Tunnel von Sóller durchgeführt. Auch wird es keine Party mit Dj im Anschluss an die Feierlichkeiten geben. So soll verhindert werden, dass Jugendliche Es Firó für Saufgelage nutzen. In den vergangenen Jahren haben jungen Menschen aus den Nachbarorten in den Nebenstraßen und auf dem Hauptplatz die sogenannten "Botellones" veranstaltet.

DIE SCHLACHT

An diesem wichtigsten Tag des Volksfestes Es Firó versammeln sich die Christen um 15 Uhr am Hauptplatz von Sóller. Ein Glockenläuten signalisiert, dass die Piraten kommen: 1700 Mauren, unter ihnen der berüchtigte Pirat Occhialis, wollen die Insel plündern. Die Sóllerics machen sich auf den Weg zum Strand Can Generós, und dann geht alles ganz schnell. Die Piraten laufen auf den Strand zu, überall entstehen Raufereien und Schwertgefechte. Feuerwerkskörper gehen hoch, es riecht nach Ruß. Das große Gemetzel geht am Strand d'en Repic weiter, kurz scheint es, als würden die Mauren durch die Übernahme der Brücke d'en Barona den Kampf gewinnen, doch am Ende siegen die Christen. Wieder an der Plaça de la Constitución versammelt, kommt Angelats, der Anführer der Sóllerics, um den Sieg über die Mauren zu verkünden. Die Flagge wird gehisst und zum Schluss singen alle die Hymne Mallorcas, den Cant de la Balanguera. (mh)

(aus MM 19/2017)

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Mats / Vor über 3 Jahren

Ein wirklich interessantes Fest, dem ich ich schon mehrfach beiwohnen durfte. Es wird auch tatsächlich viel dabei Getrunken, habe jedoch nie was von großen Problemen dadurch mitbekommen. Auf was man wirklich Acht geben sollte, ist die Ohren zu schützen. Es wird oft aus der Menge heraus mit Schrotflinten geschossen, die extrem laut sind und wirklich schnell zum Hörtrauma führen können und dann kann noch passieren, das sie als Gast mit schwarzer Farbe besudelt werden und so zum "Araber" gemacht werden.