Eine Skulptur von Joan Bennàssar. | Joan Bennàssar

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Eines Sommerabends, in der Abenddämmerung, strandete Ankaios der Leleger, der aus dem blumenreichen Samos stammte, an der Sandküste im Süden Mallorcas, der größten der Hesperiden-Inseln oder, wie manche sie nennen, der Inseln der Steinschleuderer oder der Inseln der Nackten Männer. Diese Inseln liegen sehr nahe beieinander und befinden sich am westlichen Ende des Meeres, nur einen Tagesausflug von Spanien entfernt, wenn der Wind günstig ist. Die Inselbewohner, die über seine Erscheinung erstaunt waren, verzichteten darauf, ihn zu töten, und führten ihn mit offensichtlicher Verachtung für seine griechischen Sandalen, seine kurze, von der Reise befleckte Tunika und seinen schweren Seemannsmantel vor die Hohepriesterin und Herrscherin Mallorcas, die in der Drachenhöhle lebte, dem entferntesten der vielen Eingänge zu den Höllen in Griechenland.

Da die Hohepriesterin gerade mit Wahrsagerei beschäftigt war, schickte sie Ankaios über die Insel, auf dass ihre Tochter, die Nymphe des heiligen Orangenhains in Deià, über ihn urteile und entscheide. Er wurde von einer Gruppe nackter Männer, die der Bruderschaft der Ziege angehörten, durch die Ebene und über die zerklüfteten Berge eskortiert; auf Befehl der Hohepriesterin unterließen sie es jedoch, unterwegs mit ihm zu sprechen. Sie hielten auf ihrer zügigen Reise keinen Augenblick inne, außer um sich vor einem großen Steinmonument am Straßenrand niederzuwerfen, wo sie als Kinder in die Riten ihrer Bruderschaft eingeweiht worden waren. Dreimal kamen sie an die Kreuzung dreier Wege, und alle drei Male machten sie einen großen Bogen, um das dreieckige, von Steinen umgebene Dickicht zu umgehen. Ankaios war erfreut zu sehen, wie die dreifache Göttin, der diese Gehege geweiht sind, respektiert wurde. Als er schließlich sehr müde und mit wunden Füßen in Deià ankam, fand Ankaios die Nymphe der Orangen aufrecht auf einem Stein sitzend, in der Nähe einer fließenden Quelle, die kräftig aus dem Granitfelsen sprudelte und den Obsthain bewässerte. Hier fiel der Berg, der mit einem Dickicht aus wilden Olivenbäumen und Steineichen bewachsen war, steil zum Meer ab, das fünfhundert Fuß tiefer lag und an diesem Tag bis zur Horizontlinie mit kleinen Nebelflecken übersät war, die wie weidende Schafe aussahen.

Als die Nymphe ihn ansprach, antwortete Ankaios ehrfurchtsvoll, indem er die pelasgische Sprache benutzte und den Blick auf den Boden gerichtet hielt. Alle Priesterinnen der Dreifachgöttin besitzen die Macht, den bösen Blick zu werfen, der, wie Ankaios wusste, den Geist eines Menschen in Wasser und seinen Körper in Stein verwandeln und jedes Tier, das seinen Weg kreuzt, zu Tode schwächen konnte. Die Orakel-Schlangen, die von diesen Priesterinnen bewacht werden, haben die gleiche schreckliche Macht über Vögel, Mäuse und Kaninchen. Ankaios wusste auch, dass er der Nymphe nichts sagen durfte, außer als Antwort auf ihre Fragen, und selbst dann sollte er so kurz und bescheiden wie möglich sprechen.

Die Nymphe befahl den Ziegen-Männern, sich zurückzuziehen, und sie entfernten sich ein wenig, um sich alle in einer Reihe auf den Rand eines Felsens zu setzen, bis sie sie zurückrufen würde. Es waren ruhige, einfache Menschen mit blauen Augen und kurzen, muskulösen Beinen. Anstatt ihren Körper mit Kleidung zu bedecken, schmierten sie ihn mit Mastixsaft, der mit Schweinefett vermischt war. Jeder von ihnen trug an einer Seite seines Körpers einen Beutel aus Ziegenleder, der mit vom Meer geglätteten Steinen gefüllt war; in der Hand trug er eine Schleuder, eine andere um den Kopf gewickelt und eine, die als Lendenschurz diente. Sie vermuteten, dass die Nymphe ihnen bald befehlen würde, dem Fremden den Garaus zu machen, und sie diskutierten bereits freundschaftlich miteinander, wer den ersten Stein werfen sollte, wer den zweiten, und ob sie ihm einen Vorsprung lassen sollten, um ihn den Berg hinunter zu jagen, oder ob sie ihn zerstückeln sollten, während er auf sie zukam, wobei jeder auf einen anderen Teil seines Körpers zielte.

Der Orangenhain bestand aus fünfzig Bäumen und umgab ein Felsenheiligtum, das von einer übergroßen Schlange bewohnt wurde, die von den anderen Nymphen, den fünfzig Hesperiden, täglich mit einer feinen Paste aus Gerstenmehl und Ziegenmilch gefüttert wurde. Der Schrein war einem alten Helden gewidmet, der die Orange aus einem Land am anderen Ende des Ozeans nach Mallorca gebracht hatte. Sein Name war in Vergessenheit geraten, und man nannte ihn einfach den „Wohltäter“; die Schlange wurde nach ihm benannt, weil sie aus seinem Knochenmark hervorgegangen war und sein Geist ihr Leben gab. Die Orange ist eine runde, duftende Frucht, die in der übrigen zivilisierten Welt unbekannt ist. Sie ist zunächst grün, dann golden, hat eine warme Schale und ein frisches, süßes und festes Fruchtfleisch. Sie wächst an einem Baum mit glattem Stamm, glänzenden Blättern und dornigen Ästen und reift im Gegensatz zu den anderen Früchten mitten im Winter. Auf Mallorca wird sie nicht an einem bestimmten Tag gegessen, sondern nur einmal im Jahr, zur Wintersonnenwende, nach dem rituellen Kauen von Kreuzdorn und anderen abführenden Kräutern; wenn sie auf diese Weise gegessen wird, schenkt die Orange ein langes Leben, aber sie ist eine so heilige Frucht, dass es zu jeder anderen Zeit ausreicht, sie zu kosten, um sofort zu sterben, es sei denn, die Nymphe der Orangen selbst verabreicht sie.

Auf diesen Inseln leben sowohl Männer als auch Frauen dank der Orange so lange, wie sie wollen; in der Regel beschließen sie erst dann zu sterben, wenn sie merken, dass sie ihren Freunden zur Last fallen, weil sie sich zu langsam bewegen oder sich zu langweilig unterhalten. Dann verlassen sie aus Höflichkeit die Höhle, ohne sich von ihren Angehörigen zu verabschieden oder in der Höhle Aufsehen zu erregen – denn sie leben alle in Höhlen – schleichen sich davon, ohne etwas zu sagen, und stürzen sich kopfüber von einem Felsen, um so die Göttin zu erfreuen, die jeden unnötigen Kummer und Schmerz verabscheut und diese Suizidenten mit vornehmen und freudigen Begräbnissen belohnt.

Die Nymphe der Orangen war groß und schön. Sie trug einen glockenförmigen Rock mit Rüschen im kretischen Stil aus einem mit Heidekraut gefärbten Stoff in der Farbe Orange und darüber als einziges Kleidungsstück eine grüne, kurzärmelige Weste, die vorne offen war und so die Pracht und Fülle ihrer Brüste zeigte. Die Symbole ihres Amtes waren ein Gürtel aus unzähligen Goldstücken, die in Form einer Schlange mit Augen aus Edelsteinen aneinandergereiht waren, eine Halskette aus getrockneten grünen Orangen und eine hohe, mit Perlen bestickte Haube, gekrönt von der goldenen Scheibe des Vollmondes. Sie hatte vier schöne Mädchen zur Welt gebracht, von denen die jüngste eines Tages ihre Nachfolge antreten würde, so wie sie, die jüngste ihrer Schwestern, eines Tages die Nachfolge ihrer Mutter, der Hohepriesterin von Drach, antreten würde. Diese vier Mädchen, die noch nicht alt genug waren, um Nymphen zu sein, waren Jagdmädchen, sehr geschickt im Umgang mit der Schleuder, und gingen mit den Männern aus, um ihnen Glück bei der Jagd zu bringen. Die Jungfrau, die Nymphe und die Mutter bilden die ewige Dreifaltigkeit auf der Insel, und die Göttin, die dort in jedem dieser Aspekte verehrt wird, repräsentiert durch den Neumond, den Vollmond und den abnehmenden Mond, ist die oberste Gottheit. Sie ist es, die den Bäumen und Pflanzen, von denen das menschliche Leben abhängt, Fruchtbarkeit verleiht. Ist es nicht allgemein bekannt, dass alles Grüne sprießt, wenn der Mond zunimmt, und aufhört zu wachsen, wenn der Mond abnimmt, und dass nur die hitzige und rebellische Zwiebel ihren monatlichen Phasen nicht gehorcht? Doch die Sonne, ihr männliches Kind, das jedes Jahr geboren wird und stirbt, begleitet sie mit ihren warmen Ausstrahlungen. Aus diesem Grund wurde das einzige männliche Kind der Orangennymphe, da es die Inkarnation der Sonne war, der Göttin geopfert, und die zerrissenen Stücke seines Fleisches wurden dann mit der Gerstensaat vermischt, um eine reiche Ernte zu gewährleisten.

Die Nymphe war überrascht, als sie feststellte, dass die pelasgische Sprache, die Ankaios sprach, der Sprache der Inseln sehr ähnlich war. Aber obwohl sie froh war, ihn befragen zu können, ohne sich mit Gesten und dem Zeichnen von Bildern mit dem Zauberstab auf den Lehm abmühen zu müssen, war sie doch ein wenig besorgt, dass Ankaios sich vielleicht mit den Ziegenmenschen über Dinge unterhalten hatte, von denen sie und ihre Mutter in der Regel nichts wussten. Das erste, was sie ihn fragte, war:

„Bist Du Kreter?“

„Nein, heilige Nymphe“, antwortete Ankaios, „ich bin ein Pelasger, von der Insel Samos im Ägäischen Meer, und daher nur ein Cousin der Kreter. Aber meine Herren sind Griechen.“

„Du bist ein hässliches altes menschliches Wrack“, sagte sie.

„Verzeih mir, heilige Nymphe“, antwortete er, „ich habe ein hartes Leben geführt.“

Als sie ihn fragte, warum er an der Küste Mallorcas ausgesetzt worden sei, antwortete er, dass er aus Samos verbannt worden sei, weil er das alte Ritual der Göttin hartnäckig einhielt – denn die Samianer hatten vor kurzem das neue olympische Ritual eingeführt, das seine religiöse Seele beleidigte – und er, der wusste, dass die Göttin auf Mallorca mit primitiver Unschuld verehrt wurde, den Kapitän des Schiffes gebeten hatte, ihn dort an Land zu bringen.

„Das ist seltsam“, bemerkte die Nymphe. „Deine Geschichte erinnert mich an einen Helden namens Herkules, der unsere Insel vor vielen Jahren besuchte, als meine Mutter die Nymphe dieses Obsthains war. Ich kann Dir die Einzelheiten seiner Geschichte nicht erzählen, da meine Mutter in meiner Kindheit nicht gerne darüber sprach, aber ich weiß Folgendes: Herkules wurde von seinem Herrn, König Eurystheus von Mykene (wo auch immer Mykene liegt), ausgesandt, um die Welt zu bereisen und eine Reihe von Aufgaben zu erfüllen, die auf den ersten Blick unmöglich erschienen, und das alles, so sagte er, wegen seiner sturen Hingabe an die alten Rituale der Göttin. Er kam mit dem Kanu an, landete auf der Insel und verkündete mit überraschender Kühnheit, dass er im Namen der Göttin gekommen sei, um einen Korb mit heiligen Orangen aus diesem Obsthain zu holen. Er war ein Löwen-Mensch und erregte deshalb auf Mallorca, wo es weder unter Männern noch unter Frauen eine Löwenbrüderschaft gibt, große Aufmerksamkeit. Außerdem war er mit kolossaler Kraft und einem ungeheuren Appetit auf Essen, Trinken und Liebesfreuden ausgestattet. Meine Mutter fand Gefallen an ihm und schenkte ihm großzügig Orangen, und sie ehrte ihn auch, indem sie ihn zu ihrem Begleiter bei der Früh-jahrsaussaat machte. Hast Du von diesem Herkules gehört?“

„Ich war einst ein Schiffskamerad von ihm, wenn Du Herkules von Tiryns meinst“, antwortete Ankaios. „Damals segelte ich zu den Ställen der Sonne, an Bord der berühmten Argo, und es tut mir leid, sagen zu müssen, dass der Schurke Deine Mutter betrogen haben muss. Er hatte kein Recht, sie im Namen der Göttin um die Frucht zu bitten, denn die Göttin hasste ihn.“

Die Nymphe amüsierte sich über seine Vehemenz und versicherte ihm, dass sie mit seinen Referenzen zufrieden sei und dass er seine Augen erheben und ihr ins Gesicht schauen und mit etwas mehr Vertrautheit mit ihr sprechen könne, wenn er es wünsche. Er hütete sich jedoch davor, ihr den formellen Schutz der Göttin anzubieten. Sie fragte ihn, zu welcher Bruderschaft er gehöre, und er antwortete, er sei ein Delphin-Mann.

„Oh“, rief die Nymphe aus. „Als ich zum ersten Mal in die Riten der Nymphen eingeweiht wurde und mich nach der Aussaat in der offenen Furche von Männern begleiten ließ, waren es neun Delphin-Männer. Derjenige, den ich als meinen Favoriten auswählte, wurde nach unseren Bräuchen für das folgende Jahr der Sonnenmeister oder Kriegskönig. Unsere Delphine bilden eine kleine und sehr alte Bruderschaft und zeichnen sich durch ihr musikalisches Talent aus, das sogar das der Robben-Menschen übertrifft.“

„Der Delphin reagiert auf charmante Art und Weise auf Musik“, nickte Ankaios.

„Doch“, fuhr die Nymphe fort, „als ich gebar, bekam ich nicht ein Mädchen, das ich behalten wollte, sondern einen Knaben; und zu gegebener Zeit kehrte mein Sohn in Stücke gerissen in die Furche zurück, aus der er gekommen war. Die Göttin nahm weg, was sie gegeben hatte. Seitdem habe ich es nicht mehr gewagt, mich von einem Delphin-Menschen begleiten zu lassen, denn ich glaube, dass diese Gesellschaft mir Unglück bringt. Kein männliches Kind unserer Familie darf über die zweite Aussaat hinaus leben.“

Ankaios hatte den Mut zu fragen:

„Hat noch nie eine Nymphe oder Priesterin (denn Priesterinnen haben so viel Macht auf dieser Insel) versucht, ihr eigenes männliches Kind heimlich einer Pflegemutter zu geben und die Tochter dieser Mutter an ihrer Stelle aufzuziehen, damit beide Wesen überleben können?“

„Solche Tricks mag es auf Eurer Insel geben, Ankaios”, antwortete die Nymphe streng, „aber nicht auf unserer. Hier betrügt keine Frau jemals die dreifache Göttin.“

„Natürlich, heilige Nymphe“, antwortete Ankaios, „niemand kann die Göttin täuschen.“

Aber sie fragte erneut: „Ist es nicht vielleicht Euer Brauch, wenn eine königliche Nymphe eine ungewöhnliche Zuneigung zu ihrem männlichen Kind empfindet, an seiner Stelle ein Kalb oder ein Zicklein zu opfern, es in die Kleider des Kleinen zu wickeln und ihm Sandalen anzuziehen?”

„Auf meiner Insel wird angenommen, dass die Göttin ihre Augen vor solchen Ersetzungen verschließt und die Felder dann in der gleichen Fülle wachsen. Erst nach einer schlechten Jahreszeit, wenn das Getreide verdorrt oder nicht wächst, wird bei der nächsten Aussaat ein Kind geopfert. Und selbst dann ist es immer ein Kind armer Eltern, nicht von königlicher Abstammung.“

Die Nymphe antwortete in demselben strengen Ton: „Nicht auf unserer Insel. Hier verspottet keine Frau die dreifache Göttin. Das ist der Grund für unseren Erfolg. Dies ist die Insel der Unschuld und der Ruhe.“

Ankaios nickte und sagte, dass es sicherlich die angenehmste von den Hunderten von Inseln sei, die er auf seinen Reisen besucht hatte, mit Ausnahme seiner eigenen, Samos, genannt blühende Insel.

„Wie kommt es, dass Eure Vettern, die Kreter, nicht mehr diese Inseln besuchen, wie sie es früher taten, zur Zeit meiner Urgroßmutter, und sich mit uns mit guten Manieren in einer Sprache unterhielten, die zwar nicht unsere eigene war, die wir aber sehr gut verstehen konnten? Wer sind diese Griechen, Eure Herren, die mit denselben Schiffen kommen, die die Kreter einst benutzten? Sie kommen, um dieselben Waren zu verkaufen – Vasen, Olivenöl, Färbemittel, Schmuck, Leinen, Schleifsteine und feine Bronzewaffen – aber sie benutzen den Widder anstelle des Stiers als Galionsfigur, sprechen in einer unverständlichen Sprache, handeln in einer unhöflichen und bedrohlichen Art und Weise, starren die Frauen unverschämt an und stehlen jeden kleinen Gegenstand, den sie auf ihrem Weg finden. Wir haben keine Freude am Handel mit ihnen und lassen sie oft mit leeren Händen gehen, indem wir ihnen mit den Schüssen unserer Steinschleudern die Zähne einschlagen und ihre Metallhelme mit großen Steinen zerbeulen.“

Ankaios erklärte, dass das Land nördlich von Kreta, das früher Pelasgia hieß, nun zu Ehren seiner neuen Herren Griechenland genannt wurde. Es wurde von einer bemerkenswert gemischten Bevölkerung bewohnt. Die ersten Siedler waren die irdischen Pelasger, die der Legende nach aus den verstreuten Zähnen der Schlange Ophion hervorgingen, nachdem die Dreifachgöttin sie in Stücke gerissen hatte. Zu diesen Siedlern gesellten sich zunächst kretische Kolonisten aus Knossos, dann henetische Siedler aus Kleinasien, die sich mit Äthiopiern aus Ägypten vermischten, deren mächtiger König Pelops dem südlichen Teil dieser Gebiete, dem Peloponnes, seinen Namen gab, und Städte mit riesigen Steinmauern und weißen Marmorgräbern in Form von Bienenkorbhütten, die afrikanischen Hütten ähnelten, bauten; und schließlich die Griechen, ein barbarisches Hirtenvolk aus dem Norden jenseits der Donau, das in drei aufeinanderfolgenden Invasionen durch Thessalien kam und schließlich alle starken peloponnesischen Städte in Besitz nahm. Diese Griechen beherrschten die anderen Völker frech und willkürlich. Und leider, heilige Nymphe“, sagte Ankaios, „verehren unsere Herren den dreifachen Gott als oberste Gottheit und hassen insgeheim die dreifache Göttin.“

Die Nymphe fragte sich, ob sie seine Worte missverstanden hatte. „Und wer könnte der Vatergott sein? – Was ist ein Vater anderes als das Instrument, dessen sich eine Frau von Zeit zu Zeit zu ihrem Vergnügen bedient, damit sie Mutter werden kann?“

Sie begann höhnisch zu lachen und rief aus: „Beim Wohltäter, ich schwöre, das ist die absurdeste Geschichte, die ich je gehört habe, auch von Vätern! Ich nehme an, dass diese griechischen Väter ihre Kinder stillen, die Gerste säen, die Feigenbäume züchten, die Gesetze diktieren und, mit einem Wort, alle anderen verantwortungsvollen Aufgaben einer Frau erfüllen, nicht wahr?“

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Sie war so gereizt, dass sie mit dem Fuß auf einen Stein klopfte und sich ihr Gesicht durch die Hitze ihres Blutes verfinsterte.

Als sie ihre Irritation bemerkten, nahm jeder der Ziegenmänner leise einen Kieselstein aus seiner Tasche und steckte ihn in den Lederriemen seiner Schleuder. Aber Ankaios antwortete in einem sanften und weichen Ton und senkte seinen Blick wieder. Er bemerkte, dass es in dieser Welt viele seltsame Bräuche und viele Stämme gebe, die in den Augen der anderen verrückt zu sein schienen.

„Ich möchte dir die Mosineken an der Schwarzmeerküste zeigen, heilige Nymphe“, sagte er, „mit ihren Holzburgen und ihren tätowierten Kindern, die unglaublich fett sind und Kastanienkuchen essen. Sie leben mit Amazonen zusammen, die genauso seltsam sind wie sie ... Und die Griechen argumentieren wie folgt: Da die Frauen für ihre Mutterschaft auf den Mann angewiesen sind – denn der Wind reicht ihnen nicht aus, um ihren Schoß mit neuem Leben zu füllen, wie es bei den iberischen Stuten der Fall ist –, sind die Männer also wichtiger als sie selbst.

„Aber das ist eine verrückte Überlegung“, rief die Nymphe aus. „Es ist, als ob du so tust, als ob dieser Kiefersplitter wichtiger wäre als ich, weil ich ihn zum Schälen meiner Zähne benutze. Die Frau, nicht der Mann, ist immer der Auftraggeber: Sie ist der Agent, er ist immer das Instrument. Ist es nicht die Frau, die den Mann auswählt und ihn mit der Süße ihrer Gegenwart überwältigt, ihm befiehlt, sich auf den Rücken in die Furche zu legen, und dort, auf ihm reitend, wie auf einem wilden, nach ihrem Willen gezähmten Fohlen, ihr Vergnügen an ihm findet und ihn, wenn sie fertig ist, wie einen toten Mann liegen lässt? Ist es nicht die Frau, die in der Höhle herrscht, und wenn einer ihrer Liebhaber sie durch seine schlechte Laune oder Faulheit verärgert, ermahnt sie ihn dreimal hintereinander, alle seine Sachen zu nehmen und in die Unterkunft seiner Bruderschaft zu gehen?“

„Bei den Griechen“, sagte Ankaios hastig und mit gedämpfter Stimme, „ist es genau umgekehrt. Jeder Mann sucht sich die Frau aus, die er zur Mutter seines Sohnes machen will (denn so nennt er sie), überwältigt sie mit der Kraft seiner Begierde und lässt sie auf dem Rücken liegen, wo es ihm am besten passt, und steigt dann auf, um sich an ihr zu vergnügen. Im Haus ist er der Herr, und wenn die Frau ihn durch ihre Art, ihn zu bedrängen, oder durch ihr obszönes Benehmen verärgert, schlägt er sie mit der Hand; und wenn dies sie nicht dazu bringt, ihr Benehmen zu ändern, schickt er sie mit allem, was sie mitgebracht hat, in das Haus ihres Vaters und gibt ihre Kinder einem Sklavenmädchen, um sie zu erziehen. Aber, heilige Nymphe, sei nicht böse, ich bitte Dich bei der Göttin! Ich bin Pelasger, ich verabscheue die Griechen und ihre Sitten, und ich gehorche nur Euren Anweisungen, wie es meine Pflicht ist, wenn ich diese Fragen beantworte.“

Die Nymphe begnügte sich mit der Bemerkung, dass die Griechen das pietätloseste und übelste Volk der Welt sein müssten, schlimmer noch als die afrikanischen Affen – wenn Ankaios sich nicht über sie lustig mache. Sie fragte ihn erneut nach der Aussaat der Gerste und dem Hüten der Feigenbäume: Wie schafften es die Menschen, ohne das Eingreifen der Göttin Brot oder Feigen zu erhalten?

„Heilige Nymphe“, antwortete Ankaios, „als die Griechen sich zuerst auf Pelasgia niederließen, waren sie ein Volk von Hirten, das sich nur von gebratenem Fleisch, Käse, Milch, Honig und wilden Salaten ernährte. Daher wussten sie nichts über das Ritual der Gerstenaussaat oder den Anbau von Früchten.“

„Diese verrückten Griechen“, sagte sie und unterbrach ihn, „ich nehme an, dass sie ohne ihre Frauen aus dem Norden gekommen sind, so wie die Drohnen, die müßigen Eltern unter den Bienen, wenn sie den Bienenstock verlassen und ein eigenes Volk bilden, getrennt von ihrer Königin, und statt Honig Dreck fressen, nicht wahr?“

„Nein“, sagte Ankaios. „Sie brachten ihre eigenen Frauen mit, aber diese Frauen waren an eine Lebensweise gewöhnt, die Dir unanständig und verkehrt vorkommen wird. Sie kümmerten sich um das Vieh, und die Männer verkauften und kauften sie, als wären sie auch Vieh.“

„Ich weigere mich zu glauben, dass Männer Frauen kaufen oder verkaufen können“, rief die Nymphe aus. „Es ist offensichtlich, dass Du in diesem Punkt falsch informiert worden bist. Aber sag mir, haben diese schmutzigen Griechen diese Lebensweise noch lange fortgesetzt, nachdem sie sich in Pelasgia niedergelassen hatten?“

„Die ersten beiden eindringenden Stämme, die Ionier und die Äolier”, antwortete Ankaios, „die Waffen aus Bronze trugen, beugten sich bald der Macht der Göttin, als sie sahen, dass sie einwilligte, ihre männlichen Götter als ihre Söhne anzunehmen. Sie gaben viele ihrer barbarischen Bräuche auf, und als sie bald darauf überredet wurden, das von den Pelasgern gebackene Brot zu essen, und feststellten, dass es einen angenehmen Geschmack und heilige Eigenschaften hatte, bat einer von ihnen, Triptolemos genannt, die Göttin um die Erlaubnis, die Gerste selbst zu säen, denn er war überzeugt, dass die Männer es fast ebenso gut wie die Frauen tun konnten. Er sagte, er wolle, wenn möglich, den Frauen unnötige Arbeit und Sorgen ersparen, und die Göttin stimmte ihm nachsichtig zu.“

Die Nymphe lachte, bis die Berghänge ihr Lachen widerhallten, und von ihrem Felsen aus stimmten die Ziegenmenschen in ihr Lachen ein und wälzten sich vor Freude, obwohl sie nicht wussten, warum sie lachte.

„Was für eine schöne Ernte dieser Triptolemos geerntet haben muss! – Es muss alles Mohn, Bilsenkraut und Disteln sein!“

Ankaios war klug genug, ihr nicht zu widersprechen. Er begann, ihr vom dritten Stamm der Griechen, den Achaiern, zu erzählen, deren Waffen aus Eisen waren, und von ihrem unverschämten Verhalten vor der Göttin, und wie sie die göttliche Familie des Olymps gegründet hatten; aber er sah, dass sie ihm nicht zuhörte, und gab auf.

„Also, Ankaios“, sagte sie spöttisch. „Sag mir, wie werden die Clans bei den Griechen bestimmt? Ich nehme nicht an, dass Du mir sagen wirst, dass es sich um männliche Clans handelt und nicht um weibliche, und dass die Generationen durch die Väter und nicht durch die Mütter bestimmt werden, oder?“

Ankaios nickte langsam, als wäre er durch die scharfsinnige Frage der Nymphe gezwungen, eine Absurdität zuzugeben.

„Ja“, sagte er, „seit der Ankunft der Achaier mit ihren eisernen Waffen vor vielen Jahren haben die männlichen Clans die weiblichen Clans in den meisten Teilen Griechenlands ersetzt. Die Ionier und Äolier hatten bereits große Innovationen eingeführt, aber die Ankunft der Achaier stellte alles auf den Kopf. Die Ionier und Äolier hatten schon damals gelernt, die Abstammung über die Mutter abzuleiten, aber für die Achaier war und ist die Vaterschaft das Einzige, was sie bei der Bestimmung ihrer Genealogie in Betracht ziehen, und in letzter Zeit ist es ihnen gelungen, die meisten Äolier und einige Ionier dazu zu bringen, ihren Standpunkt zu übernehmen.“

„Nein, nein, das ist völlig absurd“, rief die Nymphe aus. „Obwohl es zum Beispiel klar und unbestreitbar ist, dass die kleine Kore meine Tochter ist, da die Hebamme sie aus meinem Körper entnommen hat, wie kann man mit Sicherheit wissen, wer der Vater war? Denn die Befruchtung kommt nicht unbedingt von dem ersten Mann, den ich in unseren heiligen Orgien genieße. Sie kann aus dem ersten oder dem neunten Jahr stammen.“

„Die Griechen versuchen, diese Ungewissheit zu beseitigen“, sagte Ankaios, „indem sie jeden Mann wählen lassen, was sie eine Gattin nennen. Eine Frau, der es verboten ist, einen anderen Partner zu haben als ihn selbst. Wenn sie dann schwanger wird, kann die Vaterschaft nicht angefochten werden.“

„Aber erwartest du etwa von mir, dass ich glaube, dass Frauen so beherrscht und bewacht werden können, dass sie daran gehindert werden, jeden Mann zu genießen, der ihnen gefällt? Stell Dir vor, eine junge Frau wird die Frau eines alten, hässlichen, entstellten Mannes wie Du. Wie könnte sie jemals zustimmen, seine Gefährtin zu sein?“

Ankaios hielt ihrem Blick stand und antwortete: „Die Griechen behaupten, dass sie ihre Frauen so kontrollieren können. Aber ich gebe zu, dass sie das oft nicht tun, und dass eine Frau manchmal heimlich mit einem Mann zusammen ist, dessen Frau sie nicht ist. Dann wird ihr Mann eifersüchtig und versucht, sie beide zu töten, seine Frau und ihren Liebhaber, und wenn beide Männer Könige sind, führen sie ihr Volk in den Krieg und es kommt zu großem Blutvergießen.“

„Daran zweifle ich nicht“, sagte die Nymphe. „In erster Linie sollten sie nicht lügen und nichts unternehmen, wozu sie nicht in der Lage sind, was dann zu Eifersucht führt. Ich habe oft festgestellt, dass die Männer absurd eifersüchtig sind: Ich würde sogar sagen, dass dies nach ihrer Unehrlichkeit und ihrem Geplapper ihre Haupteigenschaft ist. Aber sag mir, was ist mit den Kretern passiert?“

„Sie wurden von Theseus, dem Griechen, besiegt, dem ein gewisser Daedalus, ein berühmter Handwerker und Erfinder, zum Sieg verhalf“, sagte Ankaios.

„Was hat er erfunden?“, fragte die Nymphe.

„Unter anderem“, antwortete Ankaios, „baute er metallene Stiere, die künstlich brüllten, wenn man ein Feuer unter ihrem Bauch anzündete; auch hölzerne Statuen der Göttin, die wie aus Fleisch und Blut aussahen, denn die gelenkigen Glieder konnten sich wie durch ein Wunder in jede Richtung bewegen, und außerdem konnten die Augen durch Ziehen an einer verborgenen Schnur geöffnet oder geschlossen werden.“

„Ist dieser Daedalus noch am Leben? Ich würde ihn gerne kennenlernen.“

„Leider nicht mehr“, antwortete Ankaios. „All diese Ereignisse fanden lange vor meiner Zeit statt.“

Sie bestand darauf: „Aber kannst Du mir nicht sagen, wie die Gelenke der Statuen hergestellt wurden, damit sich die Gliedmaßen in jede Richtung bewegen konnten?“

„Sicherlich mussten sie sich in einer kugelförmigen Vertiefung drehen“, sagte er, faltete seine rechte Faust und drehte sie in der von den Fingern der linken Hand gebildeten Vertiefung, so dass sie sofort verstand, was er meinte. „Nun, Daedalus hat das Kugelgelenk erfunden. Jedenfalls war es Daedalus’ Erfindung, die die kretische Flotte zerstörte, und deshalb besuchen nicht mehr sie Eure Insel, sondern nur noch die Griechen und gelegentlich Pelasger, Thraker oder Phryger.“

„Die Mutter meiner Mutter erzählte mir“, sagte die Nymphe, „dass die Kreter die Göttin zwar fast so ehrfürchtig verehrten wie wir, dass sich ihre Religion aber in vielerlei Hinsicht von der unseren unterschied. So wählte die Hohepriesterin beispielsweise nicht nur für ein Jahr einen Sonnenmeister. Der Mann, den sie wählte, regierte manchmal neun Jahre oder länger und weigerte sich, von seinem Amt zurückzutreten mit der Begründung, Erfahrung bringe Klugheit. Man nannte ihn den Priester des Minos oder den Stier-König, denn die Bruderschaft des Stieres war die oberste Bruderschaft der Insel geworden. Die Hirsch-Menschen, die Pferde-Menschen und die Widder-Menschen wagten es nie, um den Kriegsthron zu kämpfen, und die Hohepriesterin wurde nur von Stier-Menschen begleitet. Hier verteilen meine Mutter und ich unsere Gunst gleichmäßig auf alle Bruderschaften. Es ist nicht klug, einer Bruderschaft die Vorherrschaft zu überlassen oder einen König länger als zwei oder drei Jahre regieren zu lassen; die Männer lassen sich leicht zur Unverschämtheit hinreißen, wenn man sie nicht an ihrem rechtmäßigen Platz hält, und dann meinen sie, sie seien den Frauen fast gleich. Mit ihrer Unverschämtheit zerstören sie sich selbst, und zu allem Überfluss machen sie die Frauen wütend. Zweifellos muss dies auf Kreta geschehen sein.“

Während sie noch redeten, gab sie den Ziegen-Männern ein geheimes Zeichen, Ankaios außer Sichtweite zu bringen und ihn dann mit ihren Schleudern zu erlegen. Denn sie befand, dass ein Mann, der so beunruhigende und unanständige Geschichten erzählen konnte, nicht länger auf der Insel bleiben durfte, auch nicht für einen Augenblick, nachdem er ihr gesagt hatte, was sie über die Gelenke der Holzstatuen wissen wollte. Sie fürchtete den Schaden, den er anrichten könnte, wenn er die Gemüter der Menschen beunruhigte. Außerdem war er ein verkrümmter, kahlköpfiger, hässlicher alter Mann, ein Verbannter und ein Delphin-Mann, der dem Obsthain kein Glück bringen würde.

Die Ziegenmänner verneigten sich ehrfürchtig vor der Nymphe der Orangen und gehorchten dann mit Freude ihren Befehlen. Die Verfolgungsjagd war nicht lang.