Das Haus des Generals erwacht

| Palma, Mallorca |
So sieht die Villa inzwischen aus. Der Garten ist fast fertig, im Haus ist noch viel zu tun.

So sieht die Villa inzwischen aus. Der Garten ist fast fertig, im Haus ist noch viel zu tun.

Foto: Patricia Lozano
So sieht die Villa inzwischen aus. Der Garten ist fast fertig, im Haus ist noch viel zu tun.Chantal Verheijen und Arndt Schilkowski auf der Turmterrasse ihrer Villa in Son Roca.Die Fassade der Villa vor der Renovierung (hier eine Teilansicht).In diesem Zimmer fand Chantal unzählige historische Dukumente wie alte Briefe, Handzeichnungen, Haushaltsbücher oder militärischAlte Dokumente, wie dieses Haushaltsbuch aus dem Jahre 1798, werden nun von Chantal gesichtet und archiviert. Einiges hat sie deSo sah die überdachte Terrasse, der "porche", kurz nach dem Hauskauf aus.
Der Hauptsalon des Hauses geht hinaus auf die Terrasse, die den Raum an zwei Seiten umgibt.Die für "casas indianas" typische Marmor-Treppe mit dem original schmiedeeisernen Geländer im Art-Noveau-Stil.Diese Fliesen für eines der Gästezimmer wurden nach alten Originalmustern bei einem Fachmann für historische Fliesen in Inca angDie obere Terasse ist bereits renoviert. Von dort gelangt man in den Hauptsalon des Hauses

Die schmale Straße schlängelt sich durch Palmas Ortsteil Son Roca, leicht ansteigend vorbei an kleinen Häuschen hinter alten Steinmauern, bis auf der linken Seite ein architektonisches Juwel auftaucht: "La Casa del General" wird diese prächtige Villa im Volksmund genannt, die seit einiger Zeit von einem jungen Architekten- und Designerpaar wieder aus dem Dornröschenschlaf geweckt wird.

Schon die Geschichte des letzten Besitzerwechsels des Anwesens klingt wie ein Märchen. Der deutsche Architekt Arndt Schilkowski und seine holländische Freundin, die Innendesignerin Chantal Verheijen, können ihr Glück - aber auch manchmal ihren Mut - bis heute nicht fassen. "Wir haben die verlassene Villa vor einigen Jahren durch Zufall entdeckt. Sie war jahrelang nicht bewohnt gewesen, das Grundstück war komplett überwuchert, aber als wir uns eines Tages reinschlichen, hat uns sofort die Magie dieses Hauses ergriffen", erinnert sich Schilkowski heute. Marmortreppen mit schmiedeeisernen Art-Nouveau-Geländern und doppeltem Aufgang, pastellfarbene Fliesen, Mosaikböden, vier Meter hohe Decken und atemberaubende Fenster und Aussichten verschlugen ihnen den Atem. 28 Zimmer voller Geschichte und Schätzen, auf 800 Quadratmetern, und das alles in relativ gutem Zustand.

"Als wir dann über unseren Anwalt erfuhren, dass das Haus einer 27-köpfigen Erbengemeinschaft gehörte und kurz vor der öffentlichen Versteigerung stand, haben wir es nochmal von einem Ingenieur prüfen lassen, der auf alte mallorquinische Häuser spezialisiert ist. Ergebnis: Die Substanz war einwandfrei."

Zum Versteigerungstermin im Juni 2013 waren Arndt und Chantal dann die einzigen Bieter. Innerhalb einer halben Stunde konnten sie das Anwesen zu dem vom Gericht festgelegten Schnäppchenpreis ersteigern.

Was dann begann, bezeichnen die beiden als Abenteuer ihres Lebens, denn immerhin hätten sie sich nicht, wie zahlreiche Kaufinteressenten vor ihnen, von dem kostspieligen Projekt abschrecken lassen. Ein Marathonlauf der Behördengänge für Genehmigungen, Grundbuchumtragungen, Wasser und Stromanbindung beginnt, bevor sie endlich mit der eigentlichen Aufgabe starten können: Der Restaurierung der prachtvollen Art-déco-Villa in einem Stil, der das Original wieder zum Leben erwecken soll.

"Wir verwenden alte Techniken und Materialien, wie sie auch schon beim Bau des Hauses eingesetzt wurden", erklärt Chantal, die in ihrer Zeit als Innendesignerin für andere Kunden den Umgang mit Milchfarben oder Natur-Kalk-Putz gelernt hat. "Viele Dinge wie die Geländer, auf der Insel einmalige Fliesen oder Mosaikfußböden konnten wir erhalten, ebenso unzählige Details wie alte Lichtschalter aus Porzellan, Türen und Fensterrahmen, die alten Steinmauern, Fresken der teils vier Meter hohen Decken und sogar Möbel, die wir restaurieren können", sagt die 36-Jährige. Putz- und Malerarbeiten, die sowohl innen als auch außen notwendig waren, wurden dann in aufwendiger Handarbeit im Originalstil restauriert.

Schon während der Rodung des verwilderten Gartens und der ersten Entrümpelungsaktionen seien wahre Schätze und nach und nach auch die Geschichte des Hauses zutage getreten. "In einem der Zimmer im obersten Stockwerk habe ich kiloweise alte Briefe, Zeichnungen, Dokumente und Fotos der Familie gefunden und so teilweise die Geschichte der Familie rekonstruiert", erzählt Chantal. Das Haus des mallorquinischen Generals Jaime Garau wurde demnach 1870 erbaut, als Sommerresidenz für die große Familie des hochrangigen Offiziers. Seinen festen Wohnsitz hatte er in der Calle Calatrava Nr. 8 in Palma. Briefe der Familie belegen dann, dass er wohl eine Zeit lang auf Kuba stationiert war, nach Palma zurückkehrte und mithilfe von Bauzeichnungen einer seiner Söhne - die noch erhalten sind - das Haus in Son Roca 1922 umbaute. "Die Jahreszahl haben wir an verschiedenen Mauerteilen entdeckt", erklärt Arndt. Die Rückkehr des Generals aus Kuba erklärt auch den typischen Art-déco-Stil des Hauses, der damals oft von Heimkehrern kopiert wurde. "Casa Indiana" nenne man heute diese Art von Häusern, die einige für Mallorca damals vollkommen untypische Elemente aufweisen. "Hier auf der Insel gab es damals keine Häuser mit großen überdachten Terrassen, den typischen Säulen oder Kolonialstil-Elementen", erklärt der deutsche Architekt weiter. Ein ähnliches Haus sei auf dem Gelände des Golfplatzes Son Gual zu sehen.

Viel familiärer Schriftverkehr (der älteste Brief ist von 1776), aber auch handgezeichnete Landkarten des Generals aus Kuba und Mallorca, Kompositionen und Zeichnungen der Ehefrau Victoria, alte Rechnungen aus der Bauzeit des Hauses, Zeitungen, Militärakten aus Kuba oder Jahrbücher, die über die Soldaten seines Regiments Auskunft geben, kamen beim Ausräumen des Hauses ans Tageslicht, doch 1936 bricht die Dokumentation abrupt ab. "Wir haben kein Dokument gefunden, das nach 1936 datiert." Ob der General Garau in dem Jahr verstarb, ermordet wurde oder fliehen musste, will Chantal noch herausfinden.

Aus den ursprünglich 28 Räumen des Jaime Garau werden nun neun Schlafzimmer und neun Bäder, eine geräumige Küche, zwei Wohn- und zwei Esszimmer mit Kamin, Bibliothek und Kinoraum, ein Gästeapartment mit eigener Küche plus eines traumhaft angelegten Gartens mit Außenküche und Bodega. "Dann planen wir die Villa im Sommer für Feriengäste zu vermieten und ganzjährig Events wie Kochkurse, Co-Working, Incentives und Ähnliches zu veranstalten", sagt Arndt. Von außen erstrahlt schon vieles im alten Glanz, innen wird noch kräftig geputzt und gemauert, Fußbodenheizungen verlegt und Fliesenböden poliert. Im Juni, so Arndt, soll alles fertig sein. Auf den ungläubigen Blick seiner Freundin erwidert er lachend: "Man muss sich unrealistische Ziele setzten, um realistische Ergebnisse zu erzielen."

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