So vollbringen engagierte Bürger Wunder in einem Dorf auf Mallorca

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Man kennt sich, man hilft sich

Man kennt sich, man hilft sich

Man kennt sich, man hilft sichEs macht Spaß, sich untereinander näher zu kommen.Auch Gemüse wird getauscht.

Ganya Ebele tippt die Geheimzahl ein und das Kästchen öffnet sich. Darin liegt der Schlüssel zum Lagerraum der Lebensmittelkooperative „Grup de Consum” von Sencelles. Nur die Mitglieder kennen den Code. Die Mallorca-Residentin ist Mitglied. Heute holt sie eine Kiste mit frischem Gemüse ab, die sie bestellt hat.

In immer mehr Orten Mallorcas bilden sich Lebensmittelkooperativen, kurz Foodcoops. Es sind Zusammenschlüsse von Personen, die gemeinsam einkaufen, wobei lokale ökologische Produkte und fairer Handel im Vordergrund stehen. Die Foodcoops beziehen die Produkte direkt vom Erzeuger und verteilen sie unter den Mitgliedern. Genau deshalb mache sie hier mit, sagt Ganya Ebele. „Nachhaltigkeit und lokales Miteinander sind mir wichtig.”

Der Foodcoop von Sencelles ist einer der ältesten auf der Insel. Neuen Gruppen dient er als Vorbild. Gegründet haben ihn zwei Frauen, Laura Pérez und Carme Reynès. Angefangen habe es vor zehn Jahren mit dem „Banc de Temps”, erzählt Carme. Auf Deutsch sagt man Zeitbank oder Tauschring. Sie habe zum Beispiel Gitarrenstunden gegen Französischunterricht eingetauscht. „Ich habe Hilfe beim Unkraut jäten in meinem Garten bekommen und dafür zum Paella-Essen eingeladen”, sagt Laura. „Mit dem Banc de Temps wollten wir den Lebensstil von früher wiederbeleben, als man sich unter Nachbarn gegenseitig aushalf, und außerdem die Neuzugezogenen in den Ort integrieren.”

Im Zuge der Wirtschaftskrise von 2008 waren viele, vor allem junge Menschen von der Küste ins Inselinnere gezogen. „Wir konnten uns die Küste nicht mehr leisten”, sagt Laura, die früher im Südwesten gewohnt hatte. Und sie wollten ihre Ideale umsetzen: Nachhaltigkeit, faire Gesellschaft, weg vom Konsumdenken.

„Der Foodcoop entstand, weil wir Schwierigkeiten hatten, lokale Bioprodukte zu bekommen, und die lokale Wirtschaft fördern wollten”, erzählt Carme. Erst waren sie nur zu Fünft. Sie suchten Biobauern in der Umgebung und erstellten gemeinsame Einkaufslisten für Gemüse und Brot. Inzwischen zählt der Foodcoop 120 Mitglieder mit einer breiten Palette an Produkten, neben Naturalien sind darunter auch Naturkosmetik, Hygiene- und Reinigungsprodukte. Jedes Mitglied ist für ein Produkt zuständig. „Ich etwa besorge Bio-Olivenöl”, erklärt Laura.

Auch eigene Erzeugnisse werden angeboten. Laura und Carme etwa stellen zusammen Naturkosmetik her, Shampoo, Seifen und Zahnpasta, andere Brot oder ökologische Waschmittel. In der Pandemie habe die Eigenproduktion zugenommen, weil einige Mitglieder ihren Job verloren hätten, sagt Carme. „So unterstützen wir uns gegenseitig.”

Auch Frank Mittelbach und seine Frau Eugenia Asensio machen beim Foodcoop mit. Es sei ein tolles Projekt und auch eine prima Möglichkeit, mehr Kontakt mit Mallorquinern zu haben, meint Frank. Perfekt seien er und seine Frau nicht. Sie kauften noch einiges im Supermarkt ein. Aber oft frage er sich dann: „Hätte ich das nicht auch in der Gruppe kaufen können?”

Die Kommunikation erfolgt über Whatsapp. Es gibt die Gesamtgruppe für allgemeine Nachrichten und Gruppen für die einzelnen Produkte. Wer für ein Produkt zuständig ist, zum Beispiel Honig, schreibt in die entsprechende Gruppe: „Es gibt Honig. Wer hat Interesse?” Dann meldet man sich und überweist den entsprechenden Betrag. Erst dann wird bestellt. Wer nicht überweisen möchte oder kann, zahlt in bar. Im Lagerraum stehen Geld-Kästchen für verschiedene Produzenten. Kontrolliert wird nicht. Das System basiert auf Vertrauen. „Und es funktioniert”, sagt Laura.

Inzwischen ist der Foodcoop so groß, dass nicht mehr jedes Mitglied für ein Produkt zuständig sein muss. Es gibt auch keine Verpflichtung, regelmäßig etwas zu kaufen. Nur der Jahresbeitrag von fünf Euro gehört zur Mitgliedschaft.

Anfangs habe sie die Gemeindeleitung skeptisch betrachtet, erinnert sich Laura. „Wir waren die ,happy Flowers’ von Sencelles.” Doch mittlerweile unterstützt die Gemeinde die Gruppe und stellt ihnen den Lagerraum kostenlos zur Verfügung. Der Foodcoop hat auch schon einige Neuerungen im Ort angestoßen: Zum Beispiel findet jetzt samstags ein lokaler Biomarkt statt. Im Mai startete ein weiteres Projekt, die „Benzinera”. Es ist ein Co-Working-Raum, der in einer ehemaligen Tankstelle untergebracht ist. Daher der Name. Mehrere Mitglieder des Foodcoops haben dort ihre Werkstatt und Ausstellung. Die Miete teilen sie sich, alleine könnten sie sich kein Atelier leisten. Zusätzlich finden Workshops statt.

Samstagvormittags ist die Benzinera für den Verkauf geöffnet. Es gibt Naturkosmetik, Keramik, Collagen, selbstgemachte Aloe-Vera Drinks und einen Second-Hand-Laden, dessen Erlös bedürftigen Kindern in Sencelles zugutekommt.

„Nach diesem Projekt werden sicherlich noch andere kommen”, meint Laura und lacht. Kooperation statt Wettbewerb, Nachhaltigkeit statt Konsumdenken, lautet die Devise. Aber letztendlich gehe es darum, gut zu leben und glücklich zu sein. „Das suchen wir doch alle.” Und das finde man eher, wenn man sich als Teil des Ganzen fühle. „Gemeinsam können wir tolle Sachen schaffen.”

Kommentar

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Silke / Vor 2 Monaten

Einfach eine gute Sache! Klasse! Macht weiter so!