So anders als in Deutschland fährt es sich auf Mallorca

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Selbst in Parkhäusern kann man sich dem Genuss des Kreiselns hingeben, wenn auch nur sehr eingeschränkt. Es ist ein bisschen wie Paternosterfahren in der Waagerechten. Solange man auch weiterfährt: „Allein der Weg ist das Ziel.”

Foto: tco

Der folgende Text ist der MM-Kolumne "Unter vier Augen" von Talia Christa Oberbacher entnommen. Die Autorin ist Hypnose-Therapeutin und Coach in der Palma Clinic auf Mallorca.

Vor wenigen Wochen bin ich umgezogen, und so habe ich nun das Vergnügen, regelmäßig zwischen Santa Ponça und Palma zu verkehren. Um diese Jahreszeit ist es wunderbar, die Strecke zu meiner Praxis zu fahren, wenn die Sonne am Morgen gerade über den Hügel kommt. Ich liebe es, noch etwas unausgeschlafen so vor mich hinzufahren, ohne Hetze, ohne Eile. Ja, ich stehe lieber ein paar Minuten früher auf, um den Tag in Ruhe zu beginnen, quasi vor dem Wachwerden. So habe ich meistens genug Zeit, um auf der Fahrt ganz entspannt zu bleiben, selbst, wenn es mal zwischendurch etwas voller sein sollte.

Ich habe noch nicht herausgefunden, was es ist, aber das Autofahren auf der Insel ist irgendwie anders. Man könnte fast sagen, es fährt einfach. Ich fädele mich ein und lasse laufen. Kaum einmal jemand, der drängelt oder mich ärgert (Okay, viele fahren sehr dicht auf, aber daran gewöhnt man sich). Alle halten sich mehr oder weniger an die Geschwindigkeitsvorschriften, einige fahren sogar langsamer. Das wäre in Deutschland ein Ding der Unmöglichkeit. Nur ein Rasen, Hetzen, meiner ist länger, also ich meine schneller, Sie wissen, was ich meine. Man hat dort schon fast das Gefühl, sich strafbar zu machen, wenn man mal, und das nur, um wirklich zu überholen, den linken Fahrstreifen benutzt. Lichthupen, Anblinken, heftiges Gestikulieren bis hin zum Stinkefinger sind an der Tagesordnung. Woher hatte ich nur dieses Bild im Kopf vom hektischen und machomäßigen, südländischen Autofahrer, der auf nichts und niemanden Rücksicht nimmt, keine Regeln kennt, für den rote Ampeln keine Bedeutung haben, und der natürlich auch Zebrastreifen im Affentempo überfährt ohne anzuhalten? Heute scheint es mir, als würde das eben Gesagte eher das Fahrverhalten in Deutschland beschreiben. Schon seltsam und vor allem: Wie konnte ich das nur so lange aushalten?

Hier auf Mallorca scheint es mir zu sein, als würden alle beim Auffahren auf die Autobahn in eine Art Flow verfallen. Als führen wir auf unsichtbaren Schienen, auf denen wir dahingleiten. „Es läuft schon”, scheint die unausgesprochene Devise zu sein. Herrlich, wenn der Tag so beginnt. Vielleicht atmen wir alle ständig und zu viel den Duft der unzähligen Oleanderblüten auf dem Mittelstreifen ein, denen ja eine narkotische Wirkung nachgesagt wird. Und nach der Autobahn kommt dann das Beste, der Höhepunkt jeder Fahrt: Ein Kreisverkehr nach dem anderen. Jetzt, so aus dem Kopf, kann ich sie gar nicht zählen, aber es sind viele. Alle sind zweispurig, was ich besonders gerne mag. Wann immer es geht, nehme ich die innere Spur und schon beim Einfahren kommt es mir vor, als würde ich die Kontrolle abgeben und nur noch mitfließen. Es ist fast wie ein Tanz, bei dem jeder weiß, was zu tun ist, um gut durch und sicher wieder aus dem Kreisel zu kommen. In der Choreografie scheint zu stehen, dass man Rücksicht zu nehmen hat, und danach richten sich auch alle. Ich glaube, ich habe tatsächlich noch nie einen Unfall in einem Kreisverkehr gesehen.

Diese Gelassenheit gibt es nicht nur beim Autofahren. Auch im Supermarkt bin ich total fasziniert und begeistert von der Art und Weise, wie die Schlangen vor den Kassen organisiert sind. Entweder ist es so, dass eine freundliche Computerstimme mitteilt, welche Kasse als Nächstes frei ist, damit ich dort zeitnah mein Einkaufsvergnügen durch das Zücken der Kreditkarte krönen kann, oder die Kassiererinnen selbst bestimmen und entscheiden, wer als Nächstes zum Zuge kommt. Ich weiß noch, wie ich vor ein paar Monaten mit einer seit vielen Jahren hier lebenden Freundin zum Einkaufen war. Vor allen Kassen standen viele Menschen und warteten geduldig, als dann endlich eine Mitarbeiterin auf eine freie Kasse zusteuerte, um diese zu eröffnen. Ich wollte gerade in guter deutscher Manier losstürmen, als meine Freundin mich sanft aber bestimmt zurückhielt und mich aufklärte, wie das hier funktioniert. Wie genial, dass die Hüterinnen der Kassen entscheiden können, wer als Erster an die neu eröffnete Kasse darf und sich dann alle anderen ganz selbstverständlich und völlig ohne Hektik dahinter anstellen. Auch das wäre in Deutschland unvorstellbar. Sobald es auch nur den Hauch einer Ahnung gibt, dass im nächsten Moment eine weitere Kasse öffnen wird, gehen viele Kunden bereits in Startposition, um dann im passenden Moment loszusprinten, damit sie als Erster an der neuen Kasse sind. Was für eine Hetze, und dass dabei häufig die Stimmung mehr als aggressiv aufgeladen ist, vor allen in diesen Zeiten mit Abstandhalten-Wollen oder –Müssen, versteht sich von selbst.

Lässt sich die spanische oder besser gesagt mallorquinische Gelassenheit wirklich mit den Temperaturen erklären? Oder damit, dass hier einfach fast immer die Sonne scheint und sie damit auch guten Einfluss nimmt auf unser Gemüt? Ist es das Meer oder die Tatsache, dass wir hier auf einer Insel leben? Ich habe keine Ahnung. Aber ich weiß, dass mir dieses Tempo, dieses Gefühl von Leben und Leben lassen sehr guttut und ich auch innerlich mehr und mehr zur Ruhe komme. Wie heißt es so schön bei Christian Morgenstern: „Den Puls des eigenen Herzens fühlen. Ruhe im Innern, Ruhe im Äußern. Wieder Atemholen lernen, das ist es.”

Ich kann Ihnen nur empfehlen, es auch mal zu probieren, falls Sie es nicht eh schon tun: Die Dinge einfach mal etwas langsamer, etwas ruhiger angehen. Auch darauf zu achten, wo schon für mich gesorgt wird ohne mein Zutun. Sich dem Reigen im Kreisverkehr hinzugeben, mitzutanzen, es einfach laufen zu lassen. Entschleunigung und Achtsamkeit, in den Flow kommen, das sind große Schlagworte und werden gerade in Therapie und Coaching immer gerne benutzt. Aber auch außerhalb dessen ist es möglich, es auszuprobieren, im ganz normalen Alltagsgeschehen. So geht es ebenfalls in der Hypnose mehr und mehr darum, nicht nur durch Fantasie-Reisen an ferne Orte Entspannung zu erleben, sondern auch, eine neue Sicht auf den Alltag zu gewinnen. Wie kann ich gelassener mit dem umgehen, was mich umgibt, wie kann ich lernen, mich auch mal hinzugeben an die Umstände, wenn es sinnvoll erscheint? Ich würde sagen, Übung macht den Meister. Versuchen Sie es an der Kasse im Supermarkt oder beim Autofahren auf der Autobahn und besonders in den vielen, wunderbaren Kreisverkehren hier auf der schönsten Insel der Welt.

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