1823 schrieb Rossini seine letzte Oper für Italien: Semiramide. Die etwas sinistre Handlung, im antiken Babylon angesiedelt, hinderte ihn nicht daran, ihr eine seiner typischen Ouvertüren mit den bewährten Zutaten voranzustellen: potpourrihaft aneinandergereihte Melodien, Becken und große Trommel (die ausgerechnet Berlioz, selbst ein Freund knalliger special effects, als brutal brandmarkte), und natürlich das Rossini-Creschendo (von Spöttern als „Rossini-Leier“ abqualifiziert, gleichwohl aber auch nach 200 Jahren immer noch mitreißend). Mit diesem wirkungsvollen Stück eröffnete der junge ungarische Gastdirigent Henrik Nánási gestern Abend das dritte Konzert des Estius Simfònics im Innenhof von Schloss Bellver. Und präsentierte sich dabei gleich zu Beginn als dynamischer, zupackender Orchesterleiter mit präziser Schlagtechnik.

Als zweites Werk erklang das Concertino für Orchester von Veronika Ágnes Fáncsik, der Ehefrau des Dirigenten. Sie hatte das kleine Konzert 2013 komponiert. Das knapp 20minütige Opus erinnert ein wenig an die Musik der Groupe des Six (um Milhaud, Poulenc und Honegger) in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts, ohne deren melodische Leichtigkeit (etwa des „Boeuf sur le toit“ oder des Balletts „Les biches“ von Poulenc), dafür aber in ziemlich freier Tonalität, sofern man davon überhaupt noch reden kann. Wirkungsvoll – bläserdominiert – instrumentiert ist es allemal. Und das turbulente Finale traf offenbar den Nerv des Publikums, das teilweise sogar in Bravorufe ausbrach.

Das Hauptwerk des Abends, Beethovens „Eroica“, bricht endgültig mit den formalen und instrumentalen Verbindlichkeiten des Rokoko. Es hat eine Schlüsselfunktion beim Aufbruch in ein neues musikalisches Zeitalter. (Siehe meine Werkeinführung:

https://www.mallorcamagazin.com/nachrichten/blogs/2022/07/15/103869/konzertfuhrer-beethovens-eroica-1607-auf-schloss-bellver.html)

Die verschiedenen Interpretationsansätze auf Tonträgern sind Legion. Das geht von mehr oder weniger streng „historisch informierter“ Aufführungspraxis bis zum Cinemascope-Sound etwa eines Sergiu Celibidache. Erstere versuchen sich mit Originalinstrumenten in kleiner Besetzung detailverliebt in (vermeintlicher) Authentizität; letzterer versucht mit einem Streicher-dominierten Riesenorchester und seinen berüchtigt breiten Tempi alle Ecken und Kanten zu glätten. Dieses Konzept mag live im Konzertsaal aufgegangen sein, in der Konserve ist es fast unerträglich.

Nánási schlug einen Mittelweg ein: klar den revolutionären Geist der „Eroica“ im Blick, stellte er die Schlüsselstellen dieser (1802) völlig neuen Kompositionstechnik in den Mittelpunkt seiner Interpretation. Dabei vermied er es, „pädagogisch“ zu werden und mit übertriebenen Rubati („Achtung, jetzt kommt’s!“) darauf hinzuweisen. Das war auch nicht nötig: Beethovens Effekte, zum Beispiel die „barbarischen Dissonanzen“ im ersten Satz, die gewaltigen Akkordballungen („die Majestät des Todes“) im Trauermarsch, die himmelstürmenden Hornsignale im Mittelteil des Scherzos oder der furiose Wiedereintritt des Anfangsthemas zu Beginn der grandiosen Coda im Finale, sie alle kamen auch ohne „pädagogischen Rubato-Zeigefinger“ beim Publikum an. Überhaupt behielt Nánásik sein recht zügiges Tempo das ganze Stück über konsequent und ohne künstliche retardierende Momente bei. Dadurch wirkte die Wiedergabe sehr organisch.

Überragend waren an diesem Abend die Bläser, da vor allem Hörner und Trompeten. Und was Flöte und Oboe im Fugato des Finales, zusammen mit den Streichern, hinlegten, war Weltklasse.

Dass diese aufwühlende und mitreißende „Eroica“ ein jubelndes und heftigst applaudierendes Publikum auf den Nachhauseweg schickte, braucht eigentlich nicht extra erwähnt zu werden.