Am Donnerstag, 1.Dezember 2022, debütiert der italienische Dirigent Giacomo Sagripanti bei den Sinfonikern im Trui Teatre mit Werken von Hector Berlioz, Igor Strawinsky und Johannes Brahms. Revolutionäres vor der Pause und eines der schönsten Werke der Hochromantik im zweiten Teil des Abends, Brahms‘ zweite Sinfonie.

Wenn man den Namen Berlioz hört, denkt man meist zuerst an die Symphonie fantastique, mit der er – nur drei Jahre nach Beethovens Tod – die Musikszene gewaltig aufmischte. Konservative Geister wie Mendelssohn fanden seine Musik abstoßend. („Man möchte sich am liebsten die Hände waschen, wenn man in seinen Partituren geblättert hat.“) Extrem (und extrem neu) war vor allem seine Instrumentation: etwas großspurig (ihm schwebte ein Orchester von 400 Musikern, darunter allein 230 Streicher vor), raffiniert in der Kombination der Klangfarben, mit neuen, extra angefertigten Instrumenten. Darüber schrieb er sogar ein Lehrbuch, das, später von Richard Strauss ergänzt, heute noch an Konservatorien Bestandteil des Lehrmaterials ist. Das war 1838, im selben Jahr entstand, sozusagen als Praxisbeispiel, die Ouvertüre “Le Carnaval romain“, die das Konzert am kommenden Donnerstag eröffnet. Die ist natürlich nicht für 400 Instrumente geschrieben – die Realität stutzte Berlioz‘ Gigantismus schnell auf das Machbare zurecht. Aber sie ist, auch für ein sehr gutes Orchester wie die Balearensinfoniker, immer noch eine Herausforderung. YouTube hält zum Reinhören einige Videos bereit, unter anderen dieses mit dem WDR-Sinfonieorchester.

Auch das zweite Werk des Abends war zur Zeit seiner Entstehung innovativ und zukunftsweisend: das Ballett „Der Feuervogel“ von Igor Strawinsky, 1910, also noch vor dem skandalträchtigen „Sacre du Printemps“ entstanden. Wir hören daraus die etwa zwanzigminütige Suite von 1919. – Die Musik, das gestand Strawinsky später, war stark von seinem Lehrer Rimskij-Korsakow beeinflusst. Doch habe er darüber hinaus „einen eigenen Weg gesucht, mit Glissando- und Flatterzungen-Effekten“. Die Musik leistet staunenswerte Charakterisierungen und ist mit ihren sirrenden, flirrenden Klängen, ihrer Kombination von Glockenspiel, Streichern und Bläsern von apartem Farbenreichtum. Reinhören können Sie hier.

Über seine 2.Sinfonie (D-dur, op.73) äußerte sich Johannes Brahms mit dem ihm eigenen Humor irreführend so: „Die neue Symphonie ist so melancholisch, dass Sie es nicht aushalten. Ich habe noch nie so was Trauriges, Molliges geschrieben: die Partitur muss mit Trauerrand erscheinen.“ Nun, wenn die Sinfonie eins nicht ist, dann melancholisch! Die Zuhörer wurden bei der überaus erfolgreichen Uraufführung 1877 in Wien schnell eines Besseren belehrt. Heute ist die Zweite die populärste unter den vier Sinfonien und begeistert das Publikum mit ihrer heiteren, friedlichen Grundstimmung. Man hat sie wegen ihrer Assoziationen zur „Naturidylle“, in Anspielung auf Beethovens 6.Sinfonie, sogar als seine Pastorale bezeichnet. Dabei verliert man aber leicht aus den Augen, dass natürlich auch sie streng gearbeitet und in ihrem kompositorischen Duktus alles andere als eine leicht hingeworfene Serenade ist. Wie in der ersten steckt auch in ihr jede Menge motivischer Arbeit à la Beethoven. Die ersten drei Töne, ein fallender und wieder zurückkehrender Sekundschritt (Kontrabässe) leiten, rhythmisch verändert, auch das Finale ein. Apropos Kontrabass: Patrick Süskind hat in seinem köstlichen Drama „Der Kontrabass“ von 1981 dieses Motiv als Beispiel angeführt für ein Stück, in dem das tiefste Instrument aus der Streicherfamilie das seltene Glück hat, ein großes Werk der Musikgeschichte einleiten zu dürfen… - Auch die Zweite von Brahms gibt’s natürlich bei YouTube, unter anderem mit den Wiener Philharmonikern unter Leonard Bernstein. Klicken Sie hier. – Karten kriegen Sie wie immer außer an der Abendkasse auch im online-Vorverkauf.