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„Was für ein Luxus, heute den renommierten Pianisten Matthias Kirschnereit bei uns zu haben!“ sagte Martin Breuninger als Vertreter des Mallorca Magazins, das zusammen mit der Bodega Macia Batle das Konzert veranstaltet hatte, zu Beginn. Ermöglicht hatte diesen Luxus Nina Heidenreich, zuständig für den künstlerischen Teil des Unternehmens. Und ein Luxus war es allemal: Kirschnereit war eigens für diese Matinee aus Hamburg am Vorabend eingeflogen, um für ein paar Handvoll Klavierbegeisterte ein erlesenes Programm zu spielen, und kehrte nach dem Konzert sofort wieder dahin zurück.

Kleine Konzertpodien wie das in der Bodega Macia Batle haben großen Sälen eins voraus: sie ermöglichen einen intensiveren , fast intimen Kontakt zwischen Künstler und Publikum. Das wissen auch Entertainer aus dem U-Bereich. Udo Jürgens sagte mir vor Jahrzehnten einmal, künstlerisch ziehe er kleine Säle großen – kommerziell natürlich rentableren - Konzertpalästen bei weitem vor. Insofern war es ein doppelter Luxus, Beethoven und Chopin gestern quasi hautnah erleben zu können. Kirschnereit ist zudem ein eloquenter Kommunikator, der uns seine Sicht auf die Werke eindringlich vermittelte (ohne dabei zu einem Mikrofon greifen zu müssen). – Igor Levit hat in seinem Podcast „32 mal Beethoven“ einmal gesagt, im Moment der Aufführung gehöre das Werk nicht mehr dem Komponisten oder dem Verleger, sondern ausschließlich ihm und dem Publikum. Und so war es auch gestern unser Beethoven, unser Chopin, der uns berührte und aufwühlte, die Musik wurde zu einer Botschaft, zu einer persönlichen Ansprache, die uns Matthias Kirschnereit mit berstender Intensität vermittelte.

Das Programm war sinnfällig konzipiert: Beethovens (einzige) Polonäse (in C-dur, op.89) schlug die Brücke zu Chopin, der diese Gattung ja mit Solowerken und solchen für Klavier und Orchester prominent gepflegt hat. Kirschnereit spielte das Beethoven-Werk verspielt virtuos, mit verschmitztem Humor. Die anschließende Sturmsonate (d-moll, op.31/2) leitete Kirschnereit mit dem anekdotischen Ratschlag ein, man müsse Shakespeares „Stur“ lesen, um sie zu verstehen. Er selbst habe das als braver Student natürlich getan, allerdings ohne großen Erkenntnisgewinn… Ein Sturm ist diese Sonate allemal, ob mit oder ohne Shakespeare-Background. Ein emotionaler Sturm gleich der erste Satz mit seinen bohrend-insistierenden Seufzersekunden und dem wild aufsteigenden d-moll-Dreiklang des Hauptthemas. Bedrohlich die Trommelwirbel im zweiten Satz (linke Hand), tröstlich dann die (vielleicht einzige) Melodie des Satzes; Kirschnereit spielte sie in gelöster, makelloser Schönheit. – Chopins Scherzo Nr.2 in b-moll stellte dann den Bezug zu Mallorca her. Zwar nicht, wie die Préludes im Mythen-umrankten Winter 1838/39 in Valldemossa entstanden, atme sie trotzdem den Geist mallorquinischer Klostermauern, so Kirschnereit.

Nach der Pause ging’s mit Chopin weiter: das (nachgelassene) cis-moll-Nocturne machte (wieder einmal) deutlich, wie ungleich reicher Chopins Nocturnes gegenüber denen des eigentlichen Erfinders dieser Gattung, John Field, sind. Danach erklang, in der gleichen Tonart, die berühmte Mondscheinsonate. Kirschnereit räumte zuvor mit der verbreiteten Mär auf, der erste Satz sei lediglich Wohlfühlmusik zum Kuscheln. Im Gegenteil, dieser Satz sei die einsamste Musik, die Beethoven je komponiert habe. Erst der Dichter und Kritiker Ludwig Rellstab habe ihn durch seine blumige Geschichte vom Liebespaar, das in einer lauen Sommernacht in einem Kahn auf den sanften Wellen eines Flusses dahinschaukle, mit Mondschein in Verbindung gebracht. Zu dem oft für harmlos-naiv gehaltenen Mittelsatz zitierte er Liszt. Der nämlich hatte ihn als „Rose zwischen zwei Felsen“ bezeichnet. Das hochvirtuose Finale erinnere ihn an eine wilde Jagd durch die Gassen von Wien. Man mochte dieser Deutung folgen oder auch nicht: auf jeden Fall erlebte man einen Beethoven von Meisterhand gespielt, befreit von allen kitschigen Anwandlungen etwa eines Richard Clayderman, der die Sonate durch seine soft-Version zur Fahrstuhlmusik verkommen ließ.

Nach anderthalb Stunden derart großer Klavierkunst waren stürmischer Applaus und Bravorufe geradezu vorprogrammiert. Der also gefeierte Pianist bedankte sich mit zwei Zugaben: der As-dur-Etüde von Chopin und der Nummer 15 aus den Walzern op.39 von Johannes Brahms. Damit nicht genug: Francisco Fullana und Nina Heidenreich brachten dem Meister auf der Geige ein Ständchen dar, natürlich nicht ohne dessen Mitwirkung. Und so erklang als große Überraschung für das begeisterte Publikum ein Walzer von Schostakowitsch im Trio. Schöner hätte die Matinee nicht enden können. – Wenn Sie mehr von diesem großartigen Pianisten hören möchten: er hat zahlreiche CD eingespielt, unter anderem sämtliche Klavierkonzerte von Mozart. Alle sind im Handel erhältlich und außerdem bei den einschlägigen Streaming-Diensten abrufbar. Und sollten Sie seine Werkeinführungen lieben gelernt haben, auch da habe ich einen Tipp für Sie: derzeit stehen noch seine für SWR2 produzierten Musikstunden über das Klavierwerk von Brahms zum Nachhören auf der SWR2-Webpage bereit. Für September sind weitere Musikstunden geplant, diesmal über die Klavierkonzerte Beethovens. Sie werden voraussichtlich im Oktober gesendet.