Herrenlose Hunde legen üblicherweise den umgekehrten Weg zurück: aus einem mallorquinischen Tierheim zu einer deutschen Gastfamilie. Zumindest drei Tiere aber gelangten aus Deutschland nach Mallorca. Das war im März 1990: die beiden Schäferhunde Juro und Betty sowie der Riesenschnauzer Valco. Bei den Dreien handelte es sich um Mauerhunde, Tiere also, die darauf getrimmt waren, die innerdeutsche Grenze zu bewachen. Als dann vor 25 Jahren, am 9. November 1989, die Mauer fiel, da waren sie plötzlich arbeitslos. Um 4000 Tiere soll es sich insgesamt gehandelt haben.

Diese an neue Besitzer zu vermitteln war nicht einfach. Denn die Mauerhunde hatten keinen besonders guten Ruf: "Verschmuste Bestien" etwa titelte der "Spiegel" damals. Boulevardmedien gingen noch einen Schritt weiter, die Rede war von "Killerbestien" und "Bluthunden".

Völlig zu Unrecht, beteuert Miquel Capellà. "Das Zusammenleben mit Juro war sehr einfach. Er war umgänglich und sehr gut erzogen. Man musste nur bestimmte Regeln einhalten." Der Anwalt, Honorarkonsul Kroatiens auf den Balearen und ehemalige Präsident der Sparkasse Sa Nostra, war einer der drei Mallorquiner, die sich damals entschlossen, einen Mauerhund zu adoptieren. Luis Carrasco und Miquel Riera - beide aus der Hotelbranche - waren die beiden anderen. "Ich liebe Hunde, und ich fand es einfach spannend, ein solches Tier zu besitzen", sagt Capellà. Geld hätten sie damals nicht für die Hunde bezahlen müssen.

Durch die Vermittlung einer deutschen Bekannten fand die Übergabe der Tiere am letzten Februarwochenende 1990 am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße in Berlin statt. Am 25. Februar, einem Sonntag, ging der Flug nach Palma. In Son Sant Joan warteten bereits die Journalisten der Inselpresse. "Mallorca - die erste westliche Station für die Mauerhunde aus Berlin", titelte eine Zeitung am Folgetag. "Vom Todesstreifen ins Ferienparadies" schrieb das Mallorca Magazin. Ein bisschen mulmig war den Männern dabei schon zumute, erinnert sich Capellà. Schließlich hatte ihn der DDR-Grenzer, der die Hunde aushändigte, ausdrücklich gewarnt. "Der hatte uns nicht nur die wichtigsten Kommandos auf Deutsch beigebracht, sondern auch eingebläut, dass wir bloß vorsichtig sein sollten mit den Tieren." Immerhin waren die Hunde speziell trainiert, unter anderem darauf, im Falle einer Aggression den Angreifer zu attackieren - auch ohne Befehl seines Herrchens.

Was das bedeutete, erlebte Miquel Capellà bereits nach kurzer Zeit. Der damals acht Jahre alte Schäferhund Juro war seit einigen Wochen auf der Insel und hatte sich ziemlich schnell eingelebt. Rasch hatte er die wichtigsten Kommandos auf Spanisch gelernt. Eines Tages aber kam ein Freund der Familie zu Besuch und wollte den Hausherren mit einer großen Umarmung begrüßen. "Es gelang uns nur mit vereinten Kräften, Juro zu bändigen", sagt Capellà. "Er hatte die Geste als eine Aggression gedeutet und wollte sein Herrchen verteidigen. Das war wirklich knapp damals. Eine Sache von Zentimetern." Seitdem waren Umarmungen im Hause Capellà verboten. Auch mit fremden Hunden vertrug sich Juro nicht gut. An normale Spaziergänge sei nicht zu denken gewesen.

Diese Aggressionen aber seien lediglich Einzelfälle gewesen. Alles in allem war der Umgang mit Juro problemlos. "Ich habe ihn trotz allem verstanden", sagt Capellà. "Ich wusste nach einiger Zeit, wie er funktionierte. Er war sehr deutsch-diszipliniert und konsequent in seiner Linie. Darin hat er mich immer an meine Mutter erinnert. Er war ein besonderes Tier." Nach etwa acht Jahren starb der Schäferhund.

Juro aber ist nicht die einzige Erinnerung, die Miquel Capellà an die Wendezeit hat. Denn er war einer der wenigen Mallorquiner, die den 9. November 1989 in Berlin miterlebten, während einer Geschäftsreise. "Das war wirklich ein sehr, sehr emotionaler Tag. Diese Menschenmassen, diese Freude und Verwunderung in den Gesichtern." Auch Capellà machte sich auf den Weg zur Mauer und hämmerte eifrig daran herum. Jahrelang bewahrte er eine ganze Sammlung von Mauerstücken bei sich zu Hause auf - bis seine Mutter die Betonreste in der Kiste eines Tages für Müll hielt und kurzerhand entsorgte. "Ich habe mich selten über etwas so geärgert." (Aus MM 35/2014)