Ein ganz normales Leben - zumindest fast

| Santa Maria, Mallorca |
Seine Freunde nennen Karl-Wilhelm Hinsch nur "Kalli".

Seine Freunde nennen Karl-Wilhelm Hinsch nur "Kalli".

Seine Freunde nennen Karl-Wilhelm Hinsch nur "Kalli".Magdalena Estelrich Grimalt aus Manacor ist bis heute nicht als Contergan-Geschädigte anerkannt.

Seine Freunde nennen Karl-Wilhelm Hinsch nur "Kalli". Der 56-Jährige ist eine norddeutsche Frohnatur und hat eine große Klappe - sagt Kalli über Kalli. Diese und sein eiserner Wille haben ihm geholfen, eine Familie zu gründen und als Frührentner nach Spanien auszuwandern. Das ist nicht selbstverständlich, denn er gehört zu einer Schicksalsgemeinschaft, die vor allem in Spanien dieser Tage um ihre Rechte kämpft. In Deutschland kennt man sie als Contergan-Geschädigte, in Spanien hieß der Wirkstoff Thalidomid (spanisch: talidomida).

Unter den Betroffenen gibt es verschiedene Ausprägungen. "Bei mir sind es Missbildungen der Arme, der Ohren und dann kommen noch diverse innere Geschichten dazu", erzählt Kalli. Andere hätten gar keine Arme oder gar keine Ohren, bei vielen fehlten ganze Organe.

Während es in England und Norwegen hohe Entschädigungen für die Contergan-Opfer gab, mussten die Betroffenen in Deutschland lange um ihre Rechte kämpfen. Mittlerweile gibt es eine Punktetabelle. "Es geht bis 100 für eine maximale Rente", sagt Hinsch. Eine Kommission innerhalb der Contergan-Stiftung stelle fest, wer welche Punkte bekomme. Über seine Punktezahl spricht Kalli nicht. "Ich habe vor vielen Jahren erfahren müssen, dass es im Bereich der Contergan-Geschädigten eine Art Konkurrenz gibt. Da gibt es Neid darum, wer wie viel und warum bekommt." Vor drei Jahren wurden die Bezüge massiv erhöht, mittlerweile sind maximal 7622 Euro möglich, die aber nur für extrem Geschädigte.

Davon können spanische Betroffene nur träumen, auch wenn der spanische Generalsekretär für Gesundheit, Javier Castrodeza, angekündigt hat, im kommenden Jahr einen Betrag im Gesundheitsbudget für die Betroffenen einzuplanen. "Ich glaube das erst, wenn ich es sehe", sagt Magdalena Estelrich Grimalt aus Manacor. Maximal gebe es 200 Euro als staatliche Hilfe für Menschen mit Behinderungen, nicht spezifisch für Thalidomid-Geschädigte. Sie wurde 1952 mit Missbildungen an beiden Armen und Händen geboren. "Ich kann die Dinge nicht greifen wie eine Standardausgabe", sagt sie humorvoll. Die pensionierte Grundschullehrerin stand in Kontakt mit einem der Entdecker des Contergan-Skandals, Professor Dr. Klaus Knapp, und schrieb auch den Pharmakonzern Grünenthal an. "Die haben mich abgewiesen, weil ich nicht im fraglichen Zeitraum geboren wurde", sagt sie. Es sei jedoch erwiesen, dass der Wirkstoff Thalidomid bereits zu diesem Zeitpunkt in Medikamenten vorkam.

"In Spanien gab es zehn verschiedene Medikamente mit diesem Wirkstoff", sagt sie. Beweisen könne sie es nicht, dass ihre Mutter ein Medikament eingenommen hatte. "Ich habe das nur mündlich erfahren", sagt sie. Immerhin wird jetzt ein Register aller Contergan-Geschädigten in Spanien angefertigt. Auch Kalli wird in den kommenden Tagen an den entsprechenden Untersuchungen teilnehmen, als einer von 17 Betroffenen auf Mallorca. "Ich sehe mich als Objekt, um zu zeigen, was Conterganschädigung ist. Ich will ja kein zusätzliches Geld aus Spanien. Ich will den anderen den Weg zu einer gerechten Entschädigung ebnen", sagt er. Sein größtes Ziel sei es, dass auch in Spanien eine Stiftung gegründet werde und die spanischen Geschädigten dieselben Rechte hätten wie die deutschen. Bevor es zu spät ist. Viele seiner Freunde mit einer Contergan-Schädigung sind bereits verstorben. "Zwischen 50 und 55 nimmt das zu", sagt er.

Kalli Hinsch wurde im Jahr 1962 geboren. "Meine Mutter litt während der Schwangerschaft unter Ohrenschmerzen und hat vom Arzt das Schmerzmittel Contergan verschrieben bekommen. Sie hat nur eine Tablette genommen", sagt er. Contergan wurde im Jahr 1959 eingeführt und 1961 aus dem Handel genommen. Hinsch gehörte somit zu den letzten Betroffenen in Deutschland. Anfangs wussten die Ärzte nicht, wie sie mit den Missbildungen der Kinder umgehen sollten. Als Vierjähriger wurde Kalli in ein Krankenhaus nach Bremerhaven gebracht. "Ich kam mir vor wie ein Versuchskaninchen", erinnert er sich. "Wir wurden dort eingesperrt und wie Tiere behandelt", erzählt er.

Für die Anfertigung einer Gipsmanschette an seinem Arm musste er eine Stunde ausharren. "Dann wurden zwei Lederriemen außen herum gelegt. Man wollte die Begradigung der Hand erreichen", erzählt er. Das klappte nicht. Dann versuchte man, mit Schnitten an der Hand festzustellen, ob man die Arme verlängern kann. "Ich hab' geschrien vor Schmerzen", sagte er. Ehefrau Renate schüttelt bei seinen Erzählungen den Kopf. Als seine Mutter damals sah, was er erleiden musste, nahm sie ihn wieder mit nach Hause. Weitere Krankenhausaufenthalte folgten, geholfen hatte ihm keiner. "Es ging nur darum, den Grad meiner Behinderung festzustellen."

Der Dickköpfigkeit seiner Mutter verdankte er den Gang auf eine "normale" Schule. "Bis heute habe ich Kontakt zu meinen Freunden von damals", sagt er. Hänseleien gab es nur von einer kleinen Gruppe von drei Leuten, stattdessen lernte er die ersten Mädchen kennen und durfte sich 1971 einen Traum erfüllen, als er einem Fußballverein beitrat. Kurz zuvor hatte er eine langwierige OP hinter sich gebracht. "Damals musste ich zum Arzt, um zu beweisen dass ich Fußballspielen kann." Im Nachhinein kann er das heute verstehen, keiner wusste, ob er sich bei einem Sturz gleich den Arm brechen würde.

Im selben Jahr wurde auch das Hilfswerk für behinderte Kinder gegründet, der Vorläufer der Contergan-Stiftung. "Meine Eltern haben damals von Grünenthal 7000 Mark bekommen und damit auf weitere Ansprüche verzichtet. Mein Vater hat davon zum Teil ein Haus finanziert, nicht an die Zukunft seines Sohnes gedacht. Das kann man ihm aber nicht übel nehmen, weil man damals die Information hatte, dass kaum ein Contergan-Geschädigter älter als 40 wird", sagt Kalli rückblickend.

Weniger Verständnis hat er heute für seinen damaligen Fahrlehrer. Als Kalli mit 16 den Mofa-Führerschein machen wollte, ließ dieser ihn testen und einen Traktor mit Anhänger fahren. "Das konnte ich, weil mein Onkel eine Spedition hatte." Aber dann musste er mit einem Deichselanhänger rückwärts in die Scheune fahren, mit einem alten Deutz mit schwerer Lenkung. "Heute wäre das Diskriminierung", sagt Kalli. Er schaffte es trotzdem und durfte den Moped-Führerschein machen, später folgte nach ähnlichen Drangsalierungen der Autoführerschein.

In Kallis Leben gab es viele Kämpfe zu bestehen, nicht nur um die Entschädigungszahlungen gegen das verantwortliche Pharmaunternehmen Grünenthal. Als Verwaltungsfachwirt kam er nach Magdeburg, wo ihn drei Jugendliche überfallen wollten. "Dem einen habe ich derart zwischen die Beine getreten, dass sie abgehauen sind." Auf eigenen Wunsch wurde er nach Lauenburg versetzt, in Schleswig-Holstein. Dort setzte er durch, dass die Stadt einen Behindertenbeauftragten bekam.

Lauenburg hielt auch noch eine andere Besonderheit für ihn bereit: Als ihn ein Fußballkollege zum Grillen einlud, lernte er dort dessen Schwester Renate kennen. Mit ihr ist er mittlerweile seit 18 Jahren verheiratet. Und dann kam Mallorca, ausgelöst durch eine längere Krankschreibung aufgrund rheumatischer Rückenschmerzen. 2009 wurden die Schmerzen zu stark und Kallis Hausarzt schickte ihn zum Orthopäden. Der wunderte sich, dass er noch im Dienst war. Das Ergebnis der stundenlangen Untersuchung gipfelte in den Worten: "Mein Freund, verabschiede dich langsam von der Arbeit." Weihnachten 2010 kam dann der Rentenbescheid.

"Das war eine Erleichterung, auch wenn ich meinen Job gut und gerne gemacht habe", sagt er heute. Die Familie plante ihr neues Leben. "Ich hatte immer diese Schmerzen in den Gelenken, das haben alle Contergan-Geschädigten." Tipp vom Arzt: in die Sonne fahren. Ein Trip nach Tunesien brachte die Gewissheit, dass Wärme Linderung bedeutet. Das dauerhafte Ziel sollte also Mallorca werden und nach einigen Tests auf der Insel erfolgte 2013 der Umzug. Der gemeinsame Sohn Dominik kam mit, die damals 19-jährige Tochter Lisa blieb wegen der Ausbildung in Deutschland. Mit der Rente und einer betrieblichen Zusatzversorgung sowie der Entschädigung kommt die Familie in der neuen Heimat aus. In Santa Maria fühlen sich die drei zu Hause.

"Von Anfang an ist das Entgegenkommen der Menschen hier groß, egal ob beim Eroski oder Arzt, die Menschen nehmen dich hier an", sagt Kalli zufrieden. Auch eine Jugendmannschaft beim Fußballverein Santa Maria hat er schon trainiert - (fast) ein ganz normales Leben eben.

(aus MM 35/2017)

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Peter / Vor über 2 Jahren

Verehrter Herr Hinsch, meine Hochachtung, wenn man selbst aus diesen Jahrgängen ist und das Glück hat ohne Folgeschäden durchs durchs Leben gehen zu können kann man leicht reden. Seit meiner Volksschulzeit aber kenn ich das was sie erleben. Ich erspare mir die Vokabeln von Personen aus allen deutschen Gesellschaftsschichten in den 60er, 70er, 80er Jahren die geistig noch bei einer dunklen deutschen Zeit stehen geblieben sind, diskriminierend ist da noch ein harmloser Ausdruck. Wie war das Wort "Contergan" ein Dogma, hinter vorgehaltener Hand sprach man in Deutschland darüber, als ob die betroffene Person ein Schwerverbrecher sei oder eine tötlich ansteckende Krankheit hätte. Ich wünsche ihnen viel Erfolg mit ihrem Begehren hier in Spanien. In diesem Zusammenhang frage ich mich mal wieder warum wir in einer EU sind und die Brüsseler Sesselpfurzer für alles und jedes Gesetze erlassen aber in Dingen, wie in dem Fall, schwer benachteiligte Menschen berteffen - versagen. Vielleicht weil sie selbst den Bezug zum menschlichen verloren haben