Escape Rooms: Kombinieren, knobeln und dann fliehen

| Palma, Mallorca |
Manchen macht es Spaß, sich befreien zu müssen.

Manchen macht es Spaß, sich befreien zu müssen.

Manchen macht es Spaß, sich befreien zu müssen.Berührt man mit dem Fuß eine Stufe, wird man was erleben.

Der Mann mit dem Hut kann sich nicht erinnern. Er hat sein Gedächtnis verloren. Alles, was wichtig ist, hat er sich deshalb an den Wänden seines Zimmers notiert. Die Kleiderhaken sind nummeriert, ebenso wie die Schwarz-Weiß-Fotos, auf denen längst verstorbene Menschen zu sehen sind. An einer Säule mitten im Raum hängt ein Schlüssel, gesichert mit einem Schloss. Darüber steht „Exit”.

Auf den ersten Blick wirkt das alles wie ein einziges großes Rätsel: Was soll das Ganze? Genau das ist der Sinn der Sache. Denn bei dem Raum handelt es sich um einen sogenannten „Escape Room”. Dabei wiederum geht es um einen Freizeitspaß, der seit einiger Zeit international für Furore sorgt. In kaum einer Stadt gibt es keinen „Escape Room” – das gilt mittlerweile auch für Palma.

„Ich war in Köln zum ersten Mal in einem ,Escape Room’ und fand die Idee sofort super”, sagt Aitor Barragán. „Da es so etwas in Palma damals noch nicht gab, habe ich mir gesagt: Mach’ doch selbst einen auf.” Also betreibt er nun unweit des Carrer Blanquerna in Palma das Unternehmen „Mission: Escape”. Hinter der unscheinbaren Fassade eines Gebäudes, in dem erst ein Billard-Club und dann eine evangelikale Kirche untergebracht waren, befinden sich auf mehr als 400 Quadratmetern drei „Escape Rooms”, mit jeweils unterschiedlicher Thematik.

Eines der Zimmer hat den Titel „Der Räuber der Erinnerungen” (das ist der Mann ohne Gedächtnis), ein anderes heißt „Almacén 232”. Die Beschreibung dazu lautet: „Seit ein paar Tagen sind in der Lagerhalle 232 merkwürdige Geräusche zu hören. Ihr sollt herausfinden, was es damit auf sich hat” (hier geht es gruselig zu). Der dritte Raum trägt den Titel „The Gallery of Lost Art”. Hier hängen lauter leere Bilderrahmen an den Wänden und der Galerist ist verschwunden. Warum?

Gemeinsam haben die „Escape Rooms” alle das eine Ziel: Innerhalb einer Stunde muss man sämtliche Rätsel des Raumes gelöst und ihn wieder verlassen haben (deshalb „Escape Room”, „Fluchtzimmer”). Die Aufgaben sind dabei unterschiedlich schwer und erfordern verschiedene Fähigkeiten: Mal geht es um logisches Denken, dann sind Rechenfertigkeiten gefragt, Kombinations- und Beobachtungsgabe oder auch Geschicklichkeit. Gespielt wird mindestens zu zweit, aber auch in mehr als zwölfköpfigen Gruppen (der Preis beträgt pro Person je nach Gruppengröße ab zehn Euro). „Das Schöne ist, dass man im Grunde keine Vorkenntnisse braucht”, sagt Barragán. Im Raum der „verlorenen Kunst” etwa bekommen die Teilnehmer am Anfang ein Mobiltelefon in die Hand gedrückt. Als Erstes muss also der Bildschirm entsperrt werden. Der Hinweis, wie das geht, ist irgendwo im Raum versteckt. Es gilt, genau hinzusehen.

„Ursprünglich kommt die Idee aus Japan”, sagt Barragán. „In Europa entstanden die ersten ,Escape Rooms’ in Budapest.” Auf Mallorca gibt es mittlerweile sechs Anbieter (siehe Kasten). „Mission: Escape” machte vor viereinhalb Jahren den Anfang. Neben Einheimischen nutzen auch Touristen das Angebot, sagt Barragán. Je nach Jahreszeit liege ihr Anteil bei bis zu 60 Prozent der Besucher. Auch Firmen nutzen „Escape Rooms”, um dort Teambuilding-Maßnahmen durchzuführen, oder Bewerber für einen Job besser kennenzulernen.

Denn in Stresssituationen wie dieser, unter Zeitdruck und angesichts mehrerer in der Gruppe zu lösender Probleme, offenbaren sich Stärken und Schwächen jedes Einzelnen, sagt Barragán. „Wir hatten da zum Beispiel mal eine Gruppe von Arbeitskollegen, die hatten einen jungen Mann dabei, der galt als total zurückhaltend und schüchtern. Hier war er dann plötzlich derjenige, der das ganze Team geführt hat.” Der überraschten Chefin wurde klar, dass sie ihn sträflich unterschätzt hatte.

Worauf es vor allem ankommt, das sei die Kommunikation, sagt Barragán. „Wir hatten mal den Fall, da hatte einer der Teilnehmer eine Schwarzlichtlampe, die in dem Raum lag, gedankenverloren in die Hosentasche gesteckt und keinem etwas gesagt. Gleichzeitig suchten alle verzweifelt danach, um eines der Rätsel zu lösen.” Letztendlich musste er dem Team auf die Sprünge helfen. Die Räume werden nämlich per Kamera überwacht, sodass Barragán oder einer seiner Mitarbeiter im Zweifelsfall eingreifen und einen Tipp geben kann. Trotzdem bewältigen längst nicht alle die Herausforderung. Aus manchen „Escape Rooms” entkommen gerade einmal 15 Prozent der Teilnehmer rechtzeitig, so schwierig sind die Rätsel zu lösen.

Wichtig sei, die Ruhe zu bewahren und sich nicht in irgendetwas zu verrennen. Barragán erinnert sich an zwei Pärchen, die gemeinsam gekommen waren. In einem der Räume widmete sich je eines von ihnen einer Aufgabe. „Man merkte aber, dass sie einfach nicht weiterkamen.” Irgendwann schlug einer der Teilnehmer vor, zu tauschen – und lag damit genau richtig. Der frische Blick auf das gleiche Problem führte dazu, dass beide Rätsel im Nu gelöst waren.

Barragán denkt sich die Themen und die Rätsel seiner „Escape Rooms” komplett selbst aus – eine spielerische Arbeit. „Es ist schon ein bisschen wie die Verlängerung der Jugend ins Erwachsenenalter”, sagt der 38-Jährige. „Mir gefällt, dass hier die Teamarbeit im Vordergrund steht. Ich halte das für wichtig, in Zeiten, wo alle nur noch vor dem Bildschirm hocken.”

(aus MM 40/2019)

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