Wohnmobil „scharfe Schnute” – ein Jahr Mallorca auf vier Rädern

| Mallorca |
Adrian und der VW LT 40 an einem seiner Lieblingsplätze nahe der Cala Pi.

Adrian und der VW LT 40 an einem seiner Lieblingsplätze nahe der Cala Pi.

Ein Schlüsselbeinbruch, ein gebrochener Mittelhandknochen, jede Menge blaue Flecken und Schürfwunden, waren das Ergebnis von Adrians Testtour mit seiner BMW R 100 GS.

Der gebürtige Berliner (Da Wildcampen auf Mallorca nicht gern gesehen ist, bat Adrian darum, nicht mit vollem Namen genannt zu werden) wollte ursprünglich mit dieser Maschine die große Freiheit genießen und verschiedene Länder bereisen. „Ich hatte Glück im Unglück, war aber trotzdem für drei Monate arbeitsunfähig, und als ich da so im Krankenhaus lag und meine Freunde mich besuchen kamen, meinten die zu mir: ‚Adrian, das geht so nicht. Du darfst nur noch mit vier Rädern auf Tour gehen.’‛ Zu meinem Geburtstag haben dann alle zusammengelegt und mir Schnuti vor die Tür gestellt.“

Die „scharfe Schnute” oder „Schnuti”, wie Adrian seinen VW LT 40 nennt, war natürlich nicht immer ein mobiles Zuhause. „Schnuti kommt ursprünglich aus Holland, hatte hinten eine Hebebühne, ich glaube, die haben damit Blumen hin- und hergefahren. Außerdem war die Schnute wohl auch mal auf einem Bauernhof beschäftigt,“ lacht der 32-Jährige, „denn hinter der alten Innenraum-Verkleidung hat ganz viel Hühnerkacke geklebt. Und bevor Schnuti den Weg zu mir gefunden hat, hat sie wohl noch für einen Berliner Dachdeckerbetrieb gearbeitet. Kurzum, die Schnute war schon ganz schön fertig, kann man nicht anders sagen. Deshalb habe ich auch erst einmal drei Monate Arbeit reinstecken müssen, bevor wir überhaupt loskonnten.“

Nachdem die wichtigsten Schweißarbeiten und die TÜV-Abnahme in Deutschland gemacht waren, ging es für den gelernten Fliesenleger und seine Freundin auf Tour nach Mallorca. „Ich habe über das Internet Kontakt mit Bekannten hier aufgenommen und gefragt, ob jemand Platz für uns und unser Gefährt hat. Wir brauchten noch einen Platz zum Schlafen, der Innenausbau musste ja erst noch gemacht werden.“

Adrian ist Handwerker durch und durch. Besonders gern arbeitet er mit dem Werkstoff Holz, und so ist es auch nicht verwunderlich, dass die „scharfe Schnute” innen mit viel hellem Holz ausgekleidet ist. Die Wände sind außerdem wärmegedämmt und schallisoliert. Geschlafen wird in einem großen Bett, das mit wenigen Handgriffen über einen Flaschenzug von der Decke herabgelassen werden kann. „Wenn es blitzt und donnert, ist es ein ganz besonderes Erlebnis, hier zu schlafen. Ich habe Scheiben in die Decke eingebaut, damit man immer auf die Sterne schauen oder eben die zuckenden Blitze beobachten kann.“

Elektro-Fahrrad, Motorroller, Schnorchel-Ausrüstung und Kite-Equipment – die „scharfe Schnute” hat alles an Bord.

In der „scharfen Schnute” gibt es alles, was man zum Leben braucht. Strom wird über eine Solaranlage auf dem Dach erzeugt, es gibt eine Sitzecke und sogar eine leistungsstarke Musikanlage. „Ich bin Berliner, der richtige Sound darf einfach nicht fehlen,“ grinst Adrian und erklärt weiter: „Wir haben außerdem einen Kühlschrank und eine komplett funktionsfähige Küche. In welcher übrigens auch der Name scharfe Schnute entstanden ist. Meine Freundin kocht gerne scharf und Gerichte, die in der Schnute zubereitet werden, sind immer besonders feurig. Deshalb die scharfe Schnute.“

Auch eine Campingtoilette befindet sich an Bord. Eine Dusche ist hingegen auf den ersten Blick nicht zu erkennen, und doch gibt es sie. Adrian geht zum Heck des Kleintransporters, dreht den Wasserhahn mit ausziehbarer Brause ins Freie und öffnet ihn. „Da – das ist unsere Außendusche“, freut sich der Aussteiger über sein eigens ausgeklügeltes System. „Wir haben wirklich alles, was wir brauchen. Das Einzige, was so langsam nützlich werden könnte, ist eine Heizung, aber wir wollen demnächst sowieso weiterziehen, dahin, wo es wärmer ist. Mallorca war nur unsere erster langer Stopp. Wir wollen Ende des Jahres in Richtung Südspanien. Die Idee war, irgendwann Marokko anzusteuern, aber das wird wohl aufgrund der aktuellen pandemischen Situation nicht hinhauen. Unser Plan ist, dass wir keinen Plan haben. Wir agieren einfach frei Schnauze oder besser noch – frei Schnute. Bis dahin halten wir uns weiter mit Gelegenheitsjobs über Wasser.“

Es geht gemütlich zu.

Hinter dem Bett kommen viele große und kleine Werkzeugboxen zum Vorschein. „Wir haben so ziemlich alle Werkzeuge für die einfache Holzbearbeitung. Außerdem noch einen Kompressor, ein Schweißgerät, Bohrmaschinen und eben alles was man noch so braucht. Ich habe hier auf Mallorca nie für Geld gearbeitet, sondern immer nur für die Erfahrung, einen Stellplatz und etwas zu essen. Dadurch haben wir viel Geld gespart und tolle Menschen kennengelernt.“

Erst vor kurzem war Adrian bei der Villa Vegana in Selva zu Gast und hat dort für Kost und Logis mit angepackt. „Das sind ganz liebe Menschen, die gerade einen Van ausbauen, und da habe ich natürlich mit Freude mein Know-how eingebracht. Es ging uns in unserem Jahr hier auf Mallorca nie darum, uns die Taschen zu füllen. Dafür haben wir vorher genug in unseren alten Jobs gearbeitet. Wir wollten einfach so frei wie möglich leben und ich denke, das haben wir geschafft.“

Obwohl das Wildcampen auf Mallorca nicht erlaubt ist, haben Adrian und seine Freundin kaum Konflikte mit der Polizei gehabt. „Es gab ein paar Mal die Situation, dass uns die Guardia Civil morgens um sechs Uhr aus dem Bett geholt hat, um uns darüber zu informieren, dass wir hier nicht stehen dürfen. Die Beamten waren dabei aber immer sehr freundlich, und auch wenn sie uns verwarnt haben, haben wir doch nie eine Strafe bekommen. Ich denke, hier ist es wie an vielen anderen Orten der Welt auch: Wenn man sich benimmt, keine unschönen Spuren hinterlässt, die Natur achtet und niemanden stört, dann werden viele Dinge geduldet, die eigentlich verboten sind. Das ist zumindest unsere Erfahrung. Wir durften Mallorca – auch gerade wegen der aktuellen Situation – von einer Seite kennenlernen wie wenige vor uns. Und dafür sind wir der Insel und ihren Menschen auf ewig dankbar.“

(aus MM 47/2020)

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