Mit seinem Seat 600, einem regelrechten Oldtimer, tuckert Daniel Rupprecht Grau als Immobilienmakler über die Straßen im Inselnorden. | Privat

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Arbeiten, wo andere Urlaub machen. In der Mittagspause die Füße ins Mittelmeer halten und die spanische Sonne auf die Schultern brennen lassen. Viele Auswanderer kommen mit diesen Vorstellungen auf die Insel und werden dann von einer tsunami-großen Welle überrollt, die sich „Realität” nennt.

Dass das Leben als Neuling auf Mallorca in den seltensten Fällen wie eingangs beschrieben abläuft, das war Daniel Rupprecht Grau schon im Vorfeld bewusst. Blauäugig und aufs gerade Wohl hin hat er die Zelte in Deutschland nicht abgebrochen und sich auf Mallorca niedergelassen. „Das Leben hier ist schon etwas entspannter, es ist nicht alles so verbohrt, sondern etwas lockerer”, hat Rupprecht Grau die Vorzüge auf Mallorca erkannt, weiß jedoch auch, dass einem nichts zugeflogen kommt. „Unterm Strich ist es aber nicht einfach, und man bekommt nichts geschenkt. Im Endeffekt arbeite ich härter und mehr als in Deutschland.”

Daniel Rupprecht Graus Vorteil ist, dass er kein „gewöhnlicher” Auswanderer war. Seine Mutter stammt aus Lloseta, wo die Familie noch immer eine Finca besitzt, die nun von ihrem Sohn und seiner Lebensgefährtin Mónica – eine Galicierin, die als Lehrerin an einer privaten Schule tätig ist – bewohnt wird. Für den 40-Jährigen, der fließend Spanisch und Mallorquí spricht, ist es quasi eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln – ein Weg, den er sich nach eigenem Bekunden vor einigen Jahren selbst noch nicht hatte vorstellen können. Doch dann verlor er in Deutschland plötzlich seinen Job bei einem Vertriebs- und Personaldienstleister.

„Aus dem Frust heraus entstand dann die Idee, nach Mallorca zu gehen“, berichtet der gebürtige Siegener. „Ich habe einfach Bewerbungen rausgehauen.” Das war im August 2016 und noch einige Jahre, bevor die Menschheit „Corona” nicht ausschließlich für den Namen einer Pizzeria oder eine exotische Biersorte hielt.

Es war ein Schnitt im Leben des Halb-Mallorquiners, der nach seinem Abitur im Jahr 2002 ein Jahr Zivildienst absolviert und dann ein Studium der Politikwissenschaften und Soziologie in Mannheim/Heidelberg abgeschlossen hatte. Der fußballbegeisterte Rupprecht Grau trat sein Pflicht-Praktikum im Marketing des Fußballvereins SV Waldhof Mannheim an, beflockte Trikots, koordinierte das Stadionmagazin und betreute die Sponsoren. Auch wenn er sich sehr schnell an das Kult-Ambiente des damaligen Regionalligisten gewöhnte, schlug sein Herz eigentlich für den FC Schalke 04. Das ist auch weiterhin so, doch nun hat Rupprecht Grau auf der Insel eine weitere sportliche Liebe gefunden.

„Ich versuche, möglichst viele Spiele von Atlético Baleares zu sehen. Manchmal ist es schwierig, an Karten zu kommen, aber dann schauen wir uns die Partien zumindest in einer Bar an”, berichtet er. Dort ist Rupprecht Grau auch selten allein. Aus Kindheitstagen gibt es noch Freunde und Bekannte, mit denen er dann zusammenkommt, zudem wohnen seine Tante und sein Onkel in Lloseta. Dass es andere beim Start auf Mallorca nicht ganz so einfach haben, kann er gut verstehen. Insbesondere in den Dörfern, die nicht unbedingt von Touristen oder Auswanderern hochfrequentiert sind. „Der Mallorquiner ist generell etwas verschlossen”, hat er festgestellt.

Rupprecht Graus Mutter war dies Ende der 1970er Jahre allerdings nicht, als sie Daniels Vater in dessen Urlaub in einer Diskothek in Can Picafort kennenlernte. „Sie haben dann über Briefe Kontakt gehalten und 1980 auf Mallorca geheiratet”, schildert er. Im November 1981 erblickte der Sohn Daniel das Licht der Welt in Deutschland, wo die Eltern seitdem leben.

Die Besuche auf Mallorca waren seinerzeit vergleichbar so selten wie seine heutigen sporadischen Trips nach Deutschland. Meist nur einmal im Jahr besteigt Rupprecht Grau den Flieger in Richtung alte Heimat. Stattdessen genießt er lieber das Zuhause sein in seiner neuen Heimat, sein Faible für Oldtimer offenbart er, wenn er mit seinem Seat 600 über die Insel tuckert. Manchmal, um Termine in seinem Job als Immobilienmakler wahrzunehmen, manchmal aber einfach auch nur, um die Schönheit Mallorcas in sich aufzunehmen und neue Flecken zu erkunden. Oder manchmal auch nur, um in Alcúdia die Füße ins Mittelmeer zu halten.