Bis heute ist der 46-Jährige viermal die Woche in der Reha. | Privat

Es sind die sich öffnenden, Chrom blitzenden Türen eines Krankenhausaufzugs, die vor ihm auftauchen, als er kurz das Bewusstsein wiedererlangt. Das nächste Bild, das sich aus dem Nebel seiner Erinnerungen schält, ist das freundliche Gesicht einer Ärztin im Krankenhaus Son Llàtzer in Palma, die ihm gut zuredet. Wie er später erfährt, ist es die Anästhesistin, die ihn auf seine erste von unzähligen Operationen, die in den kommenden Jahren folgen sollen, vorbereitet. Dann fällt Dennis Hackbarth in ein tiefes dunkles Loch, aus dem er erst Wochen später wieder hervorkommen wird. Im Januar jährte sich der schwere Motorradunfall des heute 46-Jährigen zum dritten Mal.

"Wir waren bei einem Geburtstag und haben anschließend mit ein paar Freunden noch eine kleine Tour gemacht." Auf der Carretera de Sineu in der Nähe von Algaida überholt der gebürtige Berliner mit seiner Harley-Davidson "Super-Glide-Dyna" seine Freunde und Biker-Kollegen, um sich an die Spitze des Pulks zu setzen. Dann passiert es. "Meine Erinnerungen daran sind wie von einem Schleier umhüllt. Von dem eigentlichen Unfall weiß ich nur das, was man mir danach erzählt hat." Hackbarth findet erst vor Kurzem heraus, dass es bei bestimmten Harley-Davidson-Motorrädern einen Konstruktionsfehler gibt, der den sogenannten "Wobbler-Effekt" auslösen kann. Dabei fangen der Lenker und das Vorderrad an, unkontrolliert zu vibrieren und zu wackeln. "Als ich das zufällig in einem Video im Internet gesehen habe, hatte ich so etwas wie einen Geistesblitz." Vor seinem inneren Auge sieht er plötzlich seinen eigenen Lenker wie wild hin und her wackeln. "Ich glaube, das ist mir passiert." Der Motorrad-Fan verliert mit ungefähr 100 Kilometern pro Stunde die Kontrolle über die Harley und stürzt. "Ich bin nach rechts weggerutscht und aus der Kurve geflogen. Dabei ist das Motorrad auf meiner rechten Seite gelandet und ich bin erst an einer Felswand liegengeblieben. Das hat die meisten Verletzungen verursacht."
Bei dem Aufprall auf den Asphalt wirken solch starke Kräfte auf ihn ein, dass ihm sogar sein Helm, obwohl ordentlich geschlossen, vom Kopf gerissen wird. "Die Rettungskräfte haben bei meinem Anblick meinen Freunden wohl gesagt, sie sollen doch schon mal meine Familie in Deutschland anrufen, denn das würde ich wahrscheinlich nicht überleben."

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Hackbarth straft die Einsatzkräfte jedoch Lügen. Er überlebt und wacht nach drei Wochen künstlichem Koma schließlich wieder auf. "Ich hatte mehrere Blutergüsse und Quetschungen im Gehirn. Mein Oberkiefer war in zwei Hälften gebrochen, mein rechtes Bein und meine Hüfte zertrümmert und auch meine Wirbelsäule angebrochen." Die ersten Wochen nach dem Aufwachen bleiben verschwommen. Insgesamt ein halbes Jahr muss der ehemalige Immobilienmakler im Krankenhaus bleiben. "Ich weiß noch, dass ich unbedingt nach Hause wollte. Ich wollte einfach nicht dort sein. So komisch das vielleicht klingt, aber zu wissen, dass meine Freundin an meiner Seite ist, war damals für mich überlebenswichtig." Hackbarth und die Spanierin Lidia Costache lernen sich erst wenige Monate vor dem Unfall kennen, sie hält aber zu ihm. "Wir hatten uns gerade eine Wohnung in Palma angemietet. Es war gerade einmal frisch gestrichen. Da standen noch nicht einmal Möbel drin."

Dennis Hackbarth mit seiner Freundin Lidia Costache im Krankenhaus, wenige Monate nach dem Crash.
Dennis Hackbarth mit seiner Freundin Lidia Costache im Krankenhaus, wenige Monate nach dem Crash.

Es ist vor allem die psychologische Betreuung, die den beiden dabei hilft, mit dieser Situation zurechtzukommen. Unterdessen versuchen die Mediziner, Hackbarths Körper und seinen Bewegungsapparat wieder herzustellen. "Ich habe ungefähr ein Jahr im Rollstuhl gesessen. Mittlerweile klappt das mit dem Laufen schon wieder ganz gut." Durch die Verletzungen sei es so, dass er bis heute jeden Schritt bewusst machen müsse. Er könne sich beispielsweise während des Laufens nicht gleichzeitig auf ein Gespräch konzentrieren. "Da wird mir schwindelig und ich muss mich irgendwo festhalten." Die meiste Zeit bewegt sich Hackbarth mit seinem Dreirad durch die Inselhauptstadt. "Das habe ich mir im Oktober 2022 zugelegt und mittlerweile fast 1000 Kilometer auf dem Tacho", erzählt er nicht ohne Stolz. Von seiner Leidenschaft, dem Motorradfahren im Allgemeinen und dem Fahren einer Harley-Davidson im Speziellen, hat sich der Vater einer 18-jährigen Tochter mittlerweile verabschiedet. "Das war am Anfang zwar schlimm, aber jetzt stört mich das gar nicht mehr." Es gehe ihm gut und er sei sehr glücklich. "Ich kann mir vorstellen, dass sich das seltsam anhört, nachdem, was mir passiert ist, aber es ist so." Er habe den Wert des Lebens und der Gesundheit noch einmal ganz neu kennengelernt. Auch wisse er nun einmal mehr, was für unglaublich tolle Freunde an seiner Seite stünden. "Jeder kleine Fortschritt ist ein Grund für mich zu feiern und im vergangenen halben Jahr habe ich einiges an Selbstständigkeit und Mobilität zurückgewonnen." Das sei auch das oberste Ziel: ein möglichst selbstständiges Leben zu führen. Obwohl er eine Invalidenrente beziehe, wolle er unbedingt wieder arbeiten gehen.

Dennis Bernd Hackbarth mit seiner Harley Davidson vor dem Unfall.
Dennis Bernd Hackbarth mit seiner Harley Davidson vor dem Unfall.

"Die Ärzte konnten mir nie sagen, inwieweit ich wieder hergestellt werden kann. Ich sehe das als ein gutes Zeichen, denn für mich bedeutet das: Alles ist möglich." Dennis Bernd Hackbarth war wochenlang dem Tod näher als dem Leben. Seinen Lebenswillen scheint diese Grenzerfahrung nur noch angefeuert zu haben. "Mit dem Harley fahren bin ich zwar durch, aber ich hab schon mal geschaut, es gibt Motorroller, die haben vorne zwei und hinten ein Rad. Damit werde ich irgendwann wieder über die Insel fahren."