Mallorca in Wikipedia

Die Insel zum Nachschlagen. Projektmitarbeiter Olaf Tausch im MM-Interview

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Arenal de Sa Canova gehört zu den vielen naturbelassenen Stränden, die in der Wikipedia ausführlich beschrieben und bebildert si

Arenal de Sa Canova gehört zu den vielen naturbelassenen Stränden, die in der Wikipedia ausführlich beschrieben und bebildert sind.

Das Internet-Lexikon Wikipedia ist ein Projekt, bei dem jeder mitschreiben kann. Die Autoren arbeiten gerne im Hintergrund, so auch der 52-jährige Polizeibeamte Olaf Tausch aus Bernau (Brandenburg), der in seinen Mallorca-Artikeln so viele Infos zusammengetragen hat wie kaum jemand. Er bestreitet, dass es sich bei den "Wikipedianern" um ausgemachte Computerfreaks handelt, im Bild erscheinen will er allerdings nicht.

Tausch ist vielseitig interessiert und reist seit zehn Jahren mit seiner Freundin durch die Welt. Außerdem hat er ein Musikstudium absolviert und war früher in einem Orchester tätig. Er beschäftigt sich auch mit griechischen Inseln, dem alten Ägypten oder Kulturdenkmälern in der Heimat.

Mallorca Magazin: Sie sind seit 2006 bei Wikipedia aktiv. Wie viele Artikel haben Sie seitdem verfasst? Wie viele über Mallorca?

Olaf Tausch: Seit meinem ersten Artikel im April 2006 zur Cala des Matzoc an der Nordostküste Mallorcas habe ich mittlerweile 151 Artikel in der Wikipedia angelegt und viele weitere ausgebaut oder ergänzt, darunter auch den Inselartikel selbst, vor allem den Abschnitt „Geschichte” bis zum Mittelalter. Von den von mir erstellten Artikeln befassen sich 73 mit Mallorca.

MM: Viele Ihrer Artikel handeln von einsamen Stränden. An welchem davon halten Sie sich am liebsten auf?

Tausch: Mir gefallen besonders die naturbelassenen Strände Mallorcas. Da es dort jedoch zeitweise Neptungrasablagerungen (Posidonia Oceanica) gibt, die nicht beseitigt werden, kann man schlecht sagen, wo es am schönsten ist, das variiert. Auch Wind und Wellen entscheiden oft darüber, wo man sich an manchen Tagen wohlfühlen kann und wo nicht. Da gibt es einige schöne Buchten an der Nordostküste in der Gemeinde Artà, der Gemeinde mit der unverbautesten Küste Mallorcas, aber auch an der Ostküste in der Gemeinde Manacor. Hinzu kommen größere Strände, wie Arenal de sa Canova bei Son Serra de Marina oder die Platja des Caragol an der Südküste beim Cap de ses Salines, wo man immer einen nicht überfüllten Strandbereich finden kann. Wer sich über alle Strände kurz informieren möchte, ist auf der spanischen Seite des Ministeriums gut aufgehoben: www.magrama. gob.es („guia playas” in die Suchmaske eingeben, Anm. d. Red.).

MM: Sie scheinen sich auf Mallorca geografisch so gut auszukennen wie kaum einer. Woher die Kenntnisse?

Tausch: Nun, ich beschäftige mich schon vorher mit den Orten, die ich zu erkunden gedenke. Wenn ich sie in Augenschein genommen habe, kann ich beurteilen, welche Infos stimmen und welche nicht. Es gibt dabei einige interessante Bücher über die Insel, die man durchaus weiterempfehlen kann, wie Joan-Antoni Adrovers „600 Fragen zu Mallorca”, Bartomeu Amengual Gomilas „Mallorcas Küsten aus der Luft” oder Miguel Ángel Álvarez Alperis „Die ganzen Strände von Mallorca”. Auch vor Ort gibt es einige gute Karten, Broschüren oder Infoblätter zu den Naturparks der Insel, etwa von der Balearen-Regierung. Schließlich findet man im Internet so einiges. Empfehlenswert ist neben Google Earth zum Beispiel die interaktive Karte des Inselrats unter www.consellde mallorca.net („senderisme” in die Suchmaske eingeben, Anm. d. Red.).

MM: Wie oft sind Sie auf der Insel und wie gestaltet sich der Aufenthalt?

Tausch: Ich bin jährlich einmal auf Mallorca, eigentlich zur Erholung. Das schließt jedoch nicht aus, dass ich viele archäologische oder andere kulturelle Stätten besuche und daraus Wikipedia-Artikel entstehen oder ich bestehende Artikel erweitere oder bebildere. Manchmal wird es auch anstrengend, wie die Durchquerung der Schlucht des Torrent de Pareis im September 2010. Den entsprechende Wikipedia-Artikel zur Schlucht hat übrigens ein Bekannter von mir, Lienhard Schulz, schon 2004 angelegt und ich habe ihn nach und nach stark erweitert, ein Beispiel, wie Wikipedia funktioniert. Manchmal hat man auch einfach nur Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, so als am Strand von Arenal de sa Canova ein Seehase (Aplysia) angeschwemmt wurde, den ich wieder ins Wasser setzte und dort beim Schwimmen ins offene Meer fotografieren konnte oder dass ich gerade auf der Insel war, als die Ausgrabungen bei Font des Molins de Son Sard bei Son Servera liefen – Material für einen kleinen Wikipedia-Artikel über den heute wieder mit Erde abgedeckten archäologischen Fundplatz.

MM: Warum hat die deutschsprachige Wikipedia mehr Mitarbeiter und mehr Erfolg als etwa die spanische?

Tausch: Da kann ich nur mutmaßen, dass das an der Quantität der Gebildeten (oder die sich dafür halten) liegt. Zunächst hat Spanien weniger Einwohner, als Deutschland, Österreich und die Schweiz. Dann gibt es in Spanien verschiedene Kulturen; es gibt auch eine katalanische, baskische und galicische Wikipedia. In Süd- und Mittelamerika scheint man hingegen kein so großes Interesse an der Mitarbeit zu haben, oder es gibt schlicht die Möglichkeiten nicht.


MM: Sie scheinen zum harten Kern der deutschen Wikipedianer zu gehören und sind auch bei der „Musketier”-Gruppe dabei. Was passiert bei den Gruppentreffen?

Tausch: Da muss ich Sie enttäuschen. Ich hatte mal vor, dort mitzumachen, das ließ sich aber mit meinem Dienst nicht vereinbaren. Ist auch ein ziemlich neues Projekt. Ab und zu war ich mal auf „Stammtisch-Treffen” der Berliner Wikipedianer, ein eher lockeres Beisammensein. Für diesen Stammtisch hat sich schon mal die Berliner Morgenpost interessiert und einen Artikel über uns Schreiberlinge veröffentlicht, der noch online zu lesen ist.

MM: „Ich kann die seltsamsten Sachen schreiben und werde Leser finden”, meint Ihr Mitstreiter, der User „Southpark”. Wo liegen bei Ihnen die Motive für das Engagement?

Tausch: Ja, Dirk Franke (Southpark) ist schon ein merkwürdiger Typ. Ich glaube, Wikipedianer unterscheiden sich mehr, als viele denken. Jeder hat eine andere, eigene Motivation. Mir macht es Spaß, Dinge herauszufinden und in Artikeln zusammenzuführen, die somit eine Zusammenfassung eines Themenbereichs darstellen. Man kann das dann auch jederzeit nachvollziehen, da die Artikel belegt sein müssen. Es gibt Literaturangaben und Weblinks. Zusätzlich bebildere ich viele Artikel, um sie anschaulich zu gestalten. Schließlich sind die von mir erstellten Artikel so etwas wie meine eigenen Merkzettel.

MM: Stimmt das Klischee, dass der typische Wikipedianer ein kontaktgestörter Computerfreak ist?

Tausch: Für mich nicht. Mir macht das Sammeln der Informationen und das Erstellen der Bilder vor Ort mehr Spaß. Der Winter ist dann die Zeit des Aufarbeitens und Artikelschreibens. Was ist schon ein Computerfreak? Bei Twitter, Facebook etc. halte ich mich heraus, und Computerspiele geben mir nichts.

MM: Probleme machen in der Wikipedia der Umgangston und die Hierarchie mit Administratoren und Oberlehrer-Attitüden.

Tausch: Administratoren sind nötig, ohne sie könnte ein Projekt wie eine Online-Enzyklopädie, bei der jeder mitmachen kann, nicht existieren, es würde in Anarchie und Chaos abgleiten. Administratoren werden durch die Wikipedia-Mitarbeiter gewählt. Ich selbst bleibe jedoch lieber Artikelschreiber, als andere maßregeln zu müssen. Der Umgangston ist schon rau, vor allem im politischen Bereich. Wenn dann irgendwann keine Argumente mehr helfen, bleibt nur, die anderen machen zu lassen.

MM: Haben Sie einmal daran gedacht, Ihre Artikel und Fotos auf Papier zu veröffentlichen?

Tausch: Die von mir hochgeladenen Fotos sind bei Namensnennung frei verfügbar, auch für Ihre Zeitung. Der Reiseführer „Mallorca“ vom Verlag GAIA (ISBN 978-3-86871-440-1) hat auch mal Fotos von mir verwendet, mit einem entsprechenden Bildnachweis am Ende des Buches. Die Artikel in der Wikipedia stehen unter der Creative-Commons-Lizenz, Informationen kann man entsprechend verwenden. Falls ich selbst mal veröffentlichen wollte, müsste ich neue Artikel schreiben, wobei ich natürlich Eigenarbeit aus den Wikipedia-Artikeln übernehmen könnte.

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