Klingende Geschichte

Der Aufstieg und Fall des Hauses Welte

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Achtung Aufnahme: Der Pianist Walter Gieseking sowie Karl Bockisch und Edwin Welte.

Achtung Aufnahme: Der Pianist Walter Gieseking sowie Karl Bockisch und Edwin Welte.

Ein Stück Weltgeschichte wird am Sonntag, 19. Oktober, auf der Finca Pescador bei s'Alqueria Blanca lebendig. Es ist zugleich die Geschichte des Hauses M. Welte & Söhne aus Vöhrenbach im Schwarzwald, ab 1872 in Freiburg im Breisgau ansässig. Sein Metier: automatische Musikinstrumente, von der Spieluhr bis zum Orchestrion mit 1100 Pfeifen. Solche Orchestrione standen ab etwa 1850 in den Salons der Adligen und der Hautevolee, begründeten als Attraktion zwischen New York und Odessa den Weltruhm des Hauses Welte.

Dies war nur der erste Streich. Der zweite trug in den USA die Nummer 287.599 und im Deutschen Reich die Nummer 26.733: zwei Patente für die Steuerung von Musikinstrumenten durch perforierte Papierrollen. Sie ersetzten die schwerfälligen Holzwalzen. Das Verfahren der Rollen war nicht neu, aber bei Welte funktionierte es erstmals auch in der praktischen Anwendung.

Ab 1904 revolutionierten die Erfinder Edwin Welte und sein Schwager Karl Bockisch mit dem Musik-Reproduktionssystem Welte-Mignon erneut die Welt. Hergestellt wurde es in Freiburg im Breisgau und in den USA.

Wenn die perforierten Papierrollen den pneumatischen Abspielmechanismus in Gang setzten, schien es, als säßen die großen Meister höchstselbst am Klavier. Denn das Mignon gewährte eine nahezu authentische Wiedergabe, selbst was die Dynamik und das Pedalspiel betraf.

Das Mignon wurde in Flügel integriert oder als Vorsetzer vor die Klaviatur geschoben. Befilzte Holzfinger spielten dann die Tasten, zwei Metallfüße betätigen die Pedale. Wie die Aufnahme funktionierte, blieb das große Geheimnis von Edwin Welte und Karl Bockisch. Um es nicht preisgeben zu müssen, ließen sie das Verfahren nicht einmal patentierten und nahmen ihr Wissen mit ins Grab.

Unter den Pianisten, die bei Welte einspielten, waren so große Namen wie der mit Schumann befreundete Carl Reinecke, Camille Saint-Saëns, Claude Debussy, Maurice Ravel und Richard Strauss, aber auch Josef Hofmann, Eugen d'Albert und der junge Vladimir Horowitz, der bei Welte seine ersten Aufnahmen machte. Doch durch die rasante Verbreitung von Rundfunk und Schallplatte musste die Firma Welte 1932 die Herstellung der wesentlich teureren Reproduktionsinstrumente einstellen.

Mit der Geschichte des Welte-Mignon ist die seiner Erfinder und Hersteller untrennbar verbunden, eine Geschichte von Erfolg und Misserfolg, Aufstieg und Fall, von Schicksalsschlägen in politisch und wirtschaftlich turbulenten Zeiten. Erzählt wird sie bei einer Matinee auf der Finca Pescador. Dazu gibt es Musik, echt von der Rolle. Möglich machen dies ein Welte-Mignon-Vorsetzer und ein perfekt restaurierter "Richard Wagner-Flügel" der Firma Ibach aus dem Jahr 1912. Sie sind das Herzstück einer Privatsammlung historischer Musikapparate und -instrumente.

Info
Sonntag, 19. Oktober, 12 Uhr, 25 Euro, inkl. Imbiss und Getränke in der Pause; Finca Pescador bei s‘Alqueria Blanca, Wegbeschreibung bei Anmeldung: 687-820567 oder info@mallorca-cultura.com

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