Der Adoptivsohn von Deià

| Deià, Mallorca |
Aus den 40er Jahren stammt dieses Bild mit Robert Graves und seinem Sohn William.

Aus den 40er Jahren stammt dieses Bild mit Robert Graves und seinem Sohn William.

Foto: Foto: Familienarchiv
Aus den 40er Jahren stammt dieses Bild mit Robert Graves und seinem Sohn William. Bewohner Deiàs und Angehörige begleiten den Sarg von Graves zur letzten Ruhestätte des Dichters.Sein Grab auf dem Friedhof des Tramuntana-Örtchens ziert eine schlichte Steinplatte.Robert Graves bei der Arbeit, am Schreibtisch in seinem Haus in Deià. Foto: Familie Graves

Was wäre Deià ohne Robert Graves? Der Poet, der mehr als die Hälfte seines Lebens in dem mallorquinischen Bergdorf lebte, starb dort am 7. Dezember 1985. Vor allem in den 60er und 70er Jahren hatte er Scharen von Künstlern und Lebenskünstlern angezogen, die den Ort maßgeblich mitprägten.

Geboren wurde er am 24. Juli 1895 als Robert von Ranke Graves in London. Den Adelstitel hatte er nicht etwa von seinem Urgroßonkel, dem deutschen Historiker Leopold von Ranke, sondern von dessen Neffen, seinem Großvater Heinrich von Ranke, der 1893 in den erblichen Adelsstand erhoben wurde. Rankes Tochter Amalie heiratete den englischen Schulrat und Schriftsteller Alfred Perceval Graves, Sohn des anglikanischen Bischofs von Limerick. Mit ihm hatte sie fünf Kinder, Robert war das dritte.

In seiner 1929 erschienenen Autobiografie "Strich drunter" führte Graves seine "ärgerliche körperliche Statur", seine Widerstandskraft wie auch seine Ernsthaftigkeit und den üppigen Haarwuchs auf seinen deutschen Großvater zurück.

Der Grave'schen Seite ordnete er neben der Art zu sprechen so manche Eigenschaft zu, die er als exzentrisch bezeichnete. Etwa, dass es ihm schwer fiel, eine Straße geradlinig entlangzugehen, dass er am Tisch mit Brotstückchen spielte und "Opfer von plötzlichen und beunruhigenden Anfällen totaler Amnesie" war.

Die Autobiografie schrieb Graves, kurz bevor er das erste Mal nach Mallorca kam. Davor lagen teils dramatische Jahre. Etwa seine fünf letzten Schuljahre von 1909 bis 1914 im Internat - Jahre der Tyrannei durch Mitschüler wegen seiner deutschen Abstammung. In dieser Zeit wandte sich Graves nicht nur dem Boxen zu, sondern veröffentlichte auch seine ersten Gedichte. Der Schule folgte der Schützengraben: Graves zog in den ersten Weltkrieg. 1916 wurde er durch eine Granate schwer verletzt und irrtümlich für tot erklärt.

Nach dem Krieg heiratete er die Malerin Nancy Nicholson, mit der er vier Kinder hatte, studierte Literaturwissenschaft in Oxford, schrieb zahlreiche Bücher - und litt unter einem Kriegstrauma, das man seinerzeit als Neurasthenie, als Nervenschwäche bezeichnete.

Von ihr befreite ihn die New Yorker Literatin Laura Riding, die ab 1926 mit dem Ehepaar Graves-Nicholson in einer Ménage-à-trois lebte. Später gesellte sich der irische Dichter Geoffrey Phibbs hinzu, in den Riding verliebt war, der jedoch selbige Gefühle für Nancy Nicholson hegte. In einem Anfall aus Eifersucht stürzte sich Riding aus dem Fenster, brach sich das Becken, und im Mai 1929 trennte sich das Ehepaar Graves.

Im selben Jahr zogen Graves und Riding auf Empfehlung der amerikanischen Dichterin Gertrude Stein nach Mallorca. In Deià fanden sie ein neues Zuhause. Dank des Erfolgs seiner Autobiografie konnte Graves ein eigenes Haus bauen.

Über Deià schrieb Graves, er habe dort alles, was er als Schriftsteller brauche: "Sonne, Meer, Berge, Quellwasser, Laubbäume, die Abwesenheit von Politik und einigen Luxus wie elektrisches Licht und eine Buslinie, die mich bis in die Hauptstadt Palma bringt". 1934 verfasste Graves in dieser Idylle zwei seiner erfolgreichsten Romane, die im Deutschen zusammen als "Ich, Claudius, Kaiser und Gott" erschienen.

Ganz abwesend war die Politik dann doch nicht. Nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs (1936 - 1939) wurden alle Ausländer evakuiert. Graves kehrte erst 1946 zurück - und fand das Haus unversehrt vor. Riding und er gingen da längst getrennter Wege. Die neue Frau an seiner Seite war Beryl Hodge. Mit ihr hatte er vier Kinder: William, Lucia, der 2014 in Deià verstorbene Juan und Tomàs.

Wer Graves wirklich war, wussten die Einwohner Deiàs anfangs gar nicht. In den 30er Jahren habe man seinen Vater für einen Diener gehalten, der im Dorf Einkäufe machte, erzählt William Graves, der den Nachlass des Literaten verwaltet. "Seine tatsächliche Bedeutung erfuhren sie erst, als ,Claudius' 1976 verfilmt wurde." Bereits davor statteten bekannte Zeitgenossen wie die Schauspieler Ava Gardner, Alec Guinness und Peter Ustinov Graves einen Besuch ab.

Das Verhältnis seines Vaters zu den Dorfbewohnern beschreibt William Graves so: "Es war getragen von Respekt, Anerkennung und Distanz. Er hatte seinen Platz und sie ihren." Dennoch war es eine große Ehre für den Literaten, als ihn die Gemeinde zum "Adoptivsohn" ernannte, wie die Mallorquiner ihre Ehrenbürger nennen. Es war eine der wenigen Auszeichnungen, die er nicht ablehnte.

Laut William Graves machten sie seinen Vater allerdings dafür verantwortlich, dass sich ab Mitte der 60er Jahre zahlreiche Hippies und Aussteiger in und um das Tramuntana-Örtchen niederließen. Sie seien wegen seines Namens gekommen, aber nicht weil er es wollte, erklärt William Graves.

Bereits 1948 hatte sein Vater "Die weiße Göttin" geschrieben. Das "ideologische Hauptbuch und Preislied auf den nie ganz untergegangenen Einfluss matriarchalischer Mythen in der europäischen Literatur" ("Der Spiegel") fiel auch bei der auf esoterisch angehauchten Hippie-Generation auf fruchtbaren Boden. Diesem Werk ließ Graves weitere über die griechische und hebräische Mythologie folgen. Dann versiegte die Schaffenskraft: Ab Mitte der 60er Jahre litt er zunehmend unter Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen. Auch anderen blieb dies nicht verborgen: Er habe einmal von seinem Vater zwei Briefe mit genau dem gleichen Inhalt empfangen, erinnert sich William Graves. Gepflegt von seiner Frau, starb er in seinem Haus mit 90 Jahren. Bestattet wurde er auf dem Friedhof in Deià. Auf seiner Grabplatte steht unter seinem Namen ein einziges Wort: "Poeta" - Dichter.

(aus MM 49/2015)

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